Biberist

Eine malerische Sinnesreise mit speziellen Farbinszenierungen

Anne Rüede bereitet mit viel Freude ihre Ausstellung im Schlösschen Vorder-Bleichenberg vor. Hanspeter Bärtschi

Anne Rüede bereitet mit viel Freude ihre Ausstellung im Schlösschen Vorder-Bleichenberg vor. Hanspeter Bärtschi

Im Schlösschen Vorder-Bleichenberg in Biberist legt Anne Rüede mit neuen Bildobjekten Zeugnis ab von der ungebrochenen Energie ihres Kunstschaffens.

Vor vielen Jahren schon hat Anne Rüede mit ihrer ästhetisch strengen Reduktion zu einer unverkennbaren Bildsprache gefunden. In sich ruhende, tiefgründige Farbräume, in denen eine feinsinnige Philosophie wirkt, die sich als eine Art Gegenposition zu unserer schnelllebigen, lauten Zeit mit Leidenschaft der traditionellen Maltechnik in Eitempera verschrieben hat.

Sorgsam und mit Bedacht entwickelt sich bei Rüede der vielschichtige Malakt immer neu zu einem Ritual der Kontemplation und des Gleichklangs – es ist eine leise Welt der Farben, welche der Stille Raum geben und dennoch eine dezente Musikalität in sich tragen.

Anne Rüede ist sichihrer Haltung des «Weniger ist mehr» stets treu geblieben. Jede farbkompositorische Wandlung, die fein modulierten Oberflächen, die dezenten Resonanzen darunterliegender Farbschichten, sind bewusst erlebte Entstehungs- und Entwicklungsprozesse, die ohne grosse lautmalerische Gesten auskommen. Und so lädt auch diese sorgfältig konzipierte Ausstellung im Schlösschen Vorder-Bleichenberg ein zu einer «malerischen Sinnesreise»: Jeder Raum erhält seine spezielle Farbinszenierung bis zur Kapelle mit der sinnlichen Installation «Lumen».

Dieses Jahr nun wird die aus Ulm gebürtige Künstlerin 80 Jahre alt, aber eine unerschöpfliche malerische Energie und Kraft haben sie jung und mutig erhalten. Sie ist seit über 60 Jahren künstlerisch und kreativ tätig, die erste Ausbildung war die zur Fremdsprachenkorrespondentin. 1957 folgte der Umzug in die Schweiz, die Heirat, Kinder kamen zur Welt. Doch die Neugier, die Lust, der Drang zur Kunst blieben. Anfang der 1980er-Jahre folgten die ersten Kurse an der Schule für Gestaltung Bern in den verschiedensten bildnerischen Gestaltungsmöglichkeiten. Neben zahlreichen Besuchen von Workshops öffneten die Begegnungen mit namhaften Künstlern ihr den Weg: Der bekannte Aquarellist Paul Rudolf Riniker in Bern, bei dem sie manches Jahr ihr Rüstzeug ausbaute, später Fausto Sergej Sommer, Ingeborg Lüscher und Jochen Stenschke, stets mitgeprägt von der Bauhausphilosophie ihrer Ulmer Zeit. Ein Schlüsselerlebnis hatte sie bei Fausto Sommer an der Berner Schule für Gestaltung. Auf seine Frage an die Studierenden, ob jemand daran interessiert sei zu wissen, wie früher die Ikonen hergestellt wurden, reagierte nur Anne Rüede. Und so lernte sie von der Pike auf die traditionelle Maltechnik der Eitempera, die ihr Medium geblieben ist, mit dem Holz als Bildträger.

Bis heute stellt Anne Rüede ihre Eitemperafarben selber her, stets mit einem frischen Ei und hochqualitativen Pigmenten. Es folgte unter anderem die Sommerakademie auf Gomera bei Ingeborg Lüscher. Wiederum eine wichtige Zeit, gab doch die renommierte Künstlerin ihren Schülern auch jenes Credo mit, dass man sein Werk von null an begleiten sollte. Ein Motto, dem Anne Rüede bis heute folgt. So hat sie ihre Holzkästen selbst gesägt, geschnitten und zusammengebaut. Erst jetzt, nach dem Umzug von Bellach nach Solothurn, lässt sie aus Platzgründen das Holz zusägen. Und es war Jochen Stenschke an der Europäischen Akademie für Bildende Kunst in Trier, der Anne Rüede künstlerisch dort abgeholt hat, wo sie Ingeborg Lüscher hingeführt und ihr einst zu den hochwertigen Pigmenten geraten hat.

Seitdem ist der aufwendige Aufbau des Bildgrundes mit Gaze, den Gesso-Schichtungen, dem anschliessenden Farbauftrag Schicht um Schicht elementar: lasierend oder dicht, aufgetragen sowie partiell wieder abgenommen, bis sich für die Künstlerin in den Farbton-Klangräumen die vollkommene Harmonie der leisen Zwischentöne einstellt. Ob nun schwarze, graue und weisse, oder rote, grüne oder blaue Notationen, feinstimmig im Kontrast von Farbe, Fläche und elegant bewegten Strukturen: Bei Anne Rüede erweist sich das Immaterielle der Farben als meditatives Moment, dessen Konzentration die Künstlerin mit fein gesetzten zeichenhaften Akzenten raffiniert aufbricht. Besonders die neuen Arbeiten mit den leise schwingenden, lustvollen malerischen Gesten sind Ausdruck dessen, wohin sie ihr Weg bisher geführt hat.

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