«Sy zwe Fründe im ne Sportflugzüg
en Alpeflug ga mache,
Flüge ufe zu de Gipfle
und z'dürab de Gletscher nache.
Hinde sitzt dr Passagier 
dä wo stüüret, dä sitzt vor
und es ratteret und brummet
um se ume der Motor.»


Alpeflug, Mani Matter, 1972. Dieses Lied komme ihm in den Sinn, schreibt der Solothurner Jugendpsychiater und Psychotherapeut Daniel Barth in einem Leserbrief dieser Zeitung. Das Lied, in dem Pilot und Passagier im gleichen Flugzeug sitzen, dem das Benzin ausgeht, was der Passagier dem Piloten aufgrund des Motorenlärms aber nicht sagen kann. Barth schreibt von der Situation der hiesigen Kinder und Jugendpsychiatrie (KJPK). Diese mache ihm «grosse Sorgen», sagt er im Interview. «Die Versorgung im Kanton ist nicht ausreichend.» Barth ist selbstständiger Psychotherapeut. Gross und hager, Glatze, Brille. Er praktiziert in der Nähe des Westbahnhofes. Auf seinem Anrufbeantworter teilt er mit, dass er keine Patienten mehr aufnehmen kann. «Nicht nur die Ambulatorien, auch wir Selbstständigen können der Nachfrage nicht gerecht werden», erzählt er. Die Nachfrage ist gross. Das Angebot zu klein, so der Jugendpsychiater und Psychotherapeut.

Anderes berichtete die KJPK kürzlich in dieser Zeitung. Es hiess, Notfälle könnten heute früher aufgefangen werden als in der Vergangenheit. Man habe genug Plätze und Personal. Im Vergleich zu früher habe sich die Situation verbessert. Das bestreitet auch Barth nicht, der über 25 Jahre lang Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste im Kanton war. Es käme ihm aber komisch vor zu hören, dass nun alles gut sei. Probleme gebe es nämlich in beiden Bereichen, die laut Barth ein gutes Angebot ausmachen: Personal und Infrastruktur.

«Ganze Crew» gekündigt?

Das Personal: Die Kinder und Jugendpsychiatrie sei eine «überschaubare Szene», so Barth. Deshalb bekomme er als ehemaliger Mitarbeiter der Solothurner Spitäler AG (SoH), zu der die KJPK gehört, relativ viel mit. Auch «beunruhigende Entwicklungen», wie gehäufte Abgänge derzeit. Laut Barth geht nicht nur Personal der Klinik, sondern auch leitende Ärzte, Oberärzte sowie Psychologinnen der vier kantonalen Ambulatorien. «Also ein grosser Teil des oberen und mittleren Kaders». Ambulant werden im Kanton über 90 Prozent der Fälle behandelt. Das sei auch richtig so, sagt Barth. Und so könne man auch Notfälle früher auffangen. Aber eben nur, wenn auch genügend Fachkräfte vorhanden sind.

Die Infrastruktur: Tageskliniken, betreute Wohngruppen, Krisenstationen. Solche Angebote fehlen im Kanton. Barth als «Zuweisender» würde sich solche Angebote als Ergänzung zum stationären Angebot wünschen.

Auf der Kinder- und Jugendstation gibt es derzeit 18 Plätze. 2014 wollte die SoH ihre Kinder und Jugendstation ausbauen. Die SoH setzte die Pläne aber nicht um. «Damit hat man ein Eigentor geschossen», so Barth. Die SoH habe das Ganze nur aus betriebswirtschaftlicher Sicht angeschaut – aus dieser könne der Entscheid ja Sinn machen, aber: «Eine Klinik für Kinder und Jugendlich kann nun mal nicht kostendeckend geführt werden. Dieser Gedanke ist doch abstrus.»

Gerade im Kinder- und Jugendbereich braucht es nämlich oft zusätzlich Elternarbeit und schulische Betreung. Das kostet Zeit und Geld. Eine Klinik sollte nicht zum Ziel haben, die meiste Zeit über belegt zu sein – sondern auch freie Plätze zu haben, um Notfälle aufzunehmen.

Die Gesellschaft ist gefordert

Das Geld spielt aber auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Rolle. Ohne kann nicht ausgebaut werden – weder beim Personal noch bei der Infrastruktur. Das weiss auch Barth. Deshalb seien auch Politiker gefordert. Auch im Bereich Sonderschulen und Schulpsychologie würde immer mehr gespart. Um dem Abbau entgegenzuwirken brauche die Kinder- und Jugendpsychiatrie einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft.

Das fordert Barth schon seit Jahren. Als Kinder und Jugendliche noch im Gotthelf-Haus Biberist betreut wurden – das eher Heim als Klinik war. Und auch, als dann die Kinder und Jugendstation 2001 eröffnet wurde, machte Barth immer noch geltend, die Nachfrage übersteige das Angebot im Kanton. Damals wurden rund 930 Kinder und Jugendliche ambulant und stationär behandelt. Heute sind es über 2500 junge Patienten. Trotz Kritik – die KJPK und KJPD haben auch zugelegt, auch unter der Leitung von Barth? Der Kanton könne schon auch stolz sein auf diese Entwicklungen. Aber man könne jetzt nicht aufhören. Um etwas Solides aufzubauen brauche es aber zuallererst genug Fachkräfte. Ansonsten komme es am Schluss zum Absturz. Wie im Alpeflug von Mani Matter.

«So het im Motorelärme
dr Pilot halt nid verstande,
dass ihm jetzt ds Bänzin chönnt usga
und dass är sofort sött lande.
Da uf ds Mal wird’s plötzlech still 
nämlech will ds Bänzin usgeit
und jetzt wo me’s hätt verstande,
hei si beidi nüt meh gseit.»