«Jetzt den Gang rausnehmen, warten, langsam im Vorwärtsgang der Person entgegenfahren, dann vor ihr nach rechts abdrehen, Gang rausnehmen, hinter den Sitz stehen und schon kannst du die Person aus dem Wasser ziehen.» Susi Burkhard-Lehmann, die Motorbootfahrlehrerin der Aarewerft Lehmann, hat in ihrer 26-jährigen Karriere schon vielen Fahrschülern das Mann-über-Bord-Manöver beigebracht.

Heute habe ich das Glück, sie auf dem Fahrschulschiff zu begleiten. Und das Geschäft floriert; alleine im Jahr 2014 haben 129 Bootsbegeisterte die Schiffsführerprüfung im Kanton Solothurn abgelegt. Einer der Gründe, wieso sich Burkhard-Lehmann nicht über das Ausbleiben der Fahrschüler beklagen kann, ist die Tatsache, dass sie eine der wenigen weiblichen Fahrlehrer in der Schweiz ist. «Viele Frauen wollen lieber bei einer Frau das Schifffahren erlernen», weiss sie. Ganz im Allgemeinen kann sich die Aarewerft Lehmann nicht über zu wenig Arbeit beklagen.

Marcel und Brigitte Lehmann führen seit dem Jahr 2000 die Aarewerft Lehmann, welche 1955 als Familienunternehmen gegründet wurde. Sie liegt im Westen Solothurns direkt an der Aare. Dass das Familienunternehmen, in welchem auch seine Schwester, Susi Burkhard-Lehmann, mitarbeitet, so gut läuft, liegt zu einem guten Teil auch an Marcel Lehmanns Einstellung. Er sei Bootbauer mit Leib und Seele. «Für mich ist es nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung und es freut mich, dass auch mein Sohn von diesem «Boots-Virus» befallen wurde.»

Das Wissen um einen Nachfolger ermöglichte dem Unternehmen zu expandieren. «Die breite Palette an Dienstleistungen, welche wir anbieten, ist natürlich auch nötig, damit wir uns über Wasser halten können», erklärt Susi Burkhard-Lehmann. Nebst der Fahrschule baut die Aarewerft Lehmann auch eigene Boote. Von den 870 Schiffen, welche sich 2014 im Kanton Solothurn befanden, waren einige auch Eigenanfertigungen Lehmanns. Zudem repariert und restauriert die Aarewerft Lehmann alte Boote und bietet nebst unzähligen weiteren Dienstleistungen auch Anlegeplätze an.

Auch die Anlegeplätze für die privaten Schiffe im Lido in Solothurn sind begehrt. Der Hafen im Lido verfügt über rund 100 Anlegeplätze, die alle vergeben sind. Insgesamt gibt es auf Kantonal-Solothurner Boden für Motorschiffe rund 400 Anlegeplätze an der Aare – Plätze für Ausnahmefälle nicht eingerechnet.

Einheimische auf der Aare

Am Hafen bei den Anlegeplätzen treffen wir auf einen privaten Bootsführer. Er will aber momentan nicht auf die Aare, denn dafür sei es zu heiss. «Auch für die Ferien ist es auf dem Schiff wunderschön. Dann gehen wir oftmals auf den Murten-, Bieler- oder Neuenburgersee und geniessen dort das Wasser.» Für ihn ist es aber doch die Aare, die besonders schön und interessant ist. Vor allem die unterschiedlichen Wasserstände und Strömungen machen Fahrten auf ihr zu einem tollen Erlebnis.

Wer Spass am Motorbootfahren hat, muss nicht unbedingt ein Boot kaufen, sondern kann auch eines mieten. Beim TCS Campingplatz Solothurn wird erklärt, dass es meist nicht die Campingplatzbenutzer sind, welche die Schiffe mieten, sondern Einheimische aus der Region. Momentan laufe die Bootsvermietung auf Hochtouren, besonders am Wochenende. Um ein Boot zu mieten, muss man nicht zwingend einen Schiffsführerausweis besitzen. Für Motorboote bis 8 PS wird nämlich kein Ausweis benötigt.

Susi Burkhard-Lehmann hat in den Jahren, die sie schon als Motorbootinstruktorin arbeitet, die verschiedensten Leute unterrichtet. Ob 80-jährig, drei Generationen einer Familie oder Leute der Kantonspolizei Solothurn, viele waren bei ihr und bisher hat noch niemand die Ausbildung abgebrochen. «Manchmal ist es etwas schwieriger, aber man muss sich auf jeden Schüler individuell einstellen, die geeignete Lernmethode finden und dann klappt es, wenn genug Durchhaltevermögen vorhanden ist. Natürlich gibt es auch die Schüler, die in die erste Fahrstunde kommen und sagen: «Das ist ja nur Schifffahren, das ist ja nicht so schwierig» und dann enorm erstaunt sind, wenn es doch nicht so einfach geht wie gedacht.»

Trotz unterschiedlicher Altersstufen, «normalerweise ist ein Bootsfahrschüler zwischen 26 und 50 Jahre alt», beobachtet Burkhard-Lehmann. Mittlerweile gibt es im Kanton über 6300 Schiffsführer und neue Bootsführer kommen stetig hinzu. Marcel Lehmann weiss zudem, wie sich die demografische Situation der Bootsführer verändert hat. Aufgrund der neuen technologischen Gerätschaften, mit welchen im Notfall schneller Hilfe gerufen werden kann, seien Bootsführer heute auch in hohem Alter noch auf der Aare unterwegs.

«Woher weht der Wind?»

Auf dem Wasser fühlt sich Susi Burkhard-Lehmann richtig wohl und bewahrt stets einen kühlen Kopf. «Wenn ich auf die Aare gehe, ist mein erster Gedanke ‹woher weht der Wind?›, um zu erkennen, welche Wasserbedingungen man in diesem Moment antreffen wird.» Ich versuche, es ihr gleich zu machen und darf danach mit dem Motorboot verschiedene Manöver ausführen, wie zum Beispiel das «Flössen», um an einem Steg anzudocken. Nebst der praktischen Einführung erklärt mir Burkhard-Lehmann zudem alles Wissenswerte zum Thema Bootsfahrt und den geltenden Regeln.

Mit dem Boot auf der Aare bei Solothurn unterwegs

Damit nicht nur meine Fahrt, sondern auch die Fahrten aller Fahrschüler so optimal wie möglich verlaufen, setzen sich die Experten der Motorfahrzeugkontrolle des Kantons Solothurn und die Fahrlehrer einmal im Jahr zusammen. Sie führen diese Schulungen durch, um mögliche Schwachstellen der Ausbildung zu besprechen und die Sicherheit auf der Aare zu erhöhen. Der Erfolg dieser Schulungen zeigt sich auch in der Kriminalstatistik 2014 der Kantonspolizei Solothurn. So gab es nur einen Schifffahrtsunfall mit polizeilicher Intervention, im Vorjahr sogar keinen einzigen.

Weshalb die Aare für Burkhard-Lehmann so schön sei? «Es gibt so viele wunderschöne Ecken an der Aare, sie bietet einfach alles, was ich brauche!» Ich kann mich nach meiner Fahrstunde dieser Meinung nur anschliessen, denn das Schifffahren auf der Aare ist einfach toll.