Psychische Gesundheit
Eine Diät kann zu Essstörung führen

Brigitte Rychen kritisiert in ihrem Referat im Rahmen der Aktionstage Psychische Gesundheiten den herrschenden Körperkult.

Daniela Deck
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"Genuss statt Verdruss" im Rahmen der Aktionstage Psychische Gesundheit: Referentin Brigitte Rychen (links) beim Brötchenstreichen.

"Genuss statt Verdruss" im Rahmen der Aktionstage Psychische Gesundheit: Referentin Brigitte Rychen (links) beim Brötchenstreichen.

Hansjörg Sahli

Gemeinsames Essen schafft Beziehung. Für gemeinsame Arbeit gilt das ebenso. Deshalb verband die Referentin, Brigitte Rychen, im Rahmen der Aktionstage Psychische Gesundheit im Kanton Solothurn beim Thema «Essen» beides: Die Vermittlung von Wissen und ein gemeinschaftlich zubereitetes Häppchenbuffet. «Es gibt bei keinem Thema im Alltag so viele Entscheidungen, wie beim Essen», sagte Brigitte Rychen im Saal im Obergeschoss der Reformierten Stadtkirche Solothurn.

Essstörungen sind ihr tägliches Brot: Brigitte Rychen leitet die Fachstelle PEP (Prävention von Essstörungen – praxisnah) am Inselspital in Bern. Da in unserer Gesellschaft ein «wahnsinniges Überangebot von Essbarem» herrscht, sind wir fast ständig damit beschäftigt, Verführungen abzuwehren.

Gedankenloses Futtern

Doch bevor die Referentin auf Esswaren zu sprechen kam, erläuterte sie den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Gedanken. Beides lässt sich so wenig voneinander trennen wie Körper und Geist. «Essen beruhigt. Umgekehrt ist Aggression oft mit Hunger gekoppelt», erklärte Rychen.

Es sei durchaus nicht verwerflich, sich mit Essen zu belohnen oder abzulenken, etwa von Kummer, vorausgesetzt, man durchschaue den Mechanismus. Dies sei in der Gesellschaft aber vor allem im Zusammenhang mit Langeweile nicht gegeben: «Es fällt uns schwer, Langeweile auszuhalten.» Die Folge: gedankenloses Futtern vor dem Fernseher oder beim Warten.

Brigitte Rychen kritisierte auch den herrschenden Körperkult und sagte: «Jede Essstörung beginnt mit einer Diät.» Sobald diese Diät sich mit aufgestauten Emotionen und der Unfähigkeit Probleme zu lösen, verbündet, könne eine Essstörung innerhalb von sechs Monaten zur Sucht werden.

Ist eine Essstörung Realität, so reagiere die Umwelt auf Über- und Untergewicht völlig verschieden. «Untergewicht weckt Gefühle der Fürsorge, Übergewicht hingegen Vorurteile und Verachtung», erklärte die Referentin und riet, auch bei Übergewicht teilnehmend auf die betreffende Person zuzugehen: «Sprechen Sie es an, aber nur unter vier Augen. Auch wenn die Person das Gespräch vielleicht abblockt. Sie braucht Zuwendung.»

Neben bekannten Erscheinungen wie krankhaftem Übergewicht, Magersucht und Ess-Brech-Sucht (Bulimie), wies Brigitte Rychen vor allem auf die Orthorexie hin, das zwanghafte Bemühen ungesunde Lebensmittel zu vermeiden. «Eine Störung, zu der viele von uns Ansätze zeigen. Allzu gesund sein zu wollen, kann auch krank machen», gab sie zu bedenken.

Deshalb gab es bei den Zutaten für das Buffet durchaus auch kalorienreiche Nahrungsmittel. In Dreiergruppen bereiteten die Zuhörerinnen (die Männer waren deutlich in der Unterzahl) fantasievolle Köstlichkeiten zu: Baguettes mit Hüttenkäse und Blüten, Käsepralinen im Pumpernickelmantel und Gruyère mit Dörrfrüchtemus, um nur einige zu nennen.

Bis das Zmittag bereit war, hatten sich auch schüchterne Leute in angeregte Gespräche vertieft und lieferten damit den Beweis für Rychens Aussage über das Thema «Essen» hinaus: «Beziehungen sind wichtig für die psychische Gesundheit.»

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