«Haben sie einen Moment Zeit für mich?» Eine zierliche Frau mit schulterlangen, braunen Haaren spricht Silvia Zuber vor dem Coop in Zuchwil an. Zuber ist in Eile. Erklärt der Frau, sie habe keine Zeit. «Ich bin ganz verzweifelt und brauche jemanden zum Reden.» Zuber überlegt kurz und nimmt sich der Frau an, lädt sie zu einem Kaffee ein. Unter Tränen erzählt die Kroatin von ihren Leiden.

Sie hätte ihr Baby und ihren schwer nierenkranken Ehemann in der Heimat zurückgelassen, um in der Schweiz Geld zu verdienen - die einzige Möglichkeit den Spitalaufenthalt ihres Ehemannes zu finanzieren. Doch als sie hier angekommen sei, hätte sie nicht wie versprochen als Putzfrau, sondern fortan als Prostituierte arbeiten müssen. Die Zuhälter hätten ihr Pass und Geld abgenommen. Jetzt aber sei sie geflohen und brauche 9000 Franken, die sie noch am selben Tag überweisen müsse, um ihrem Mann eine Nierentransplantation zu bezahlen. Zuber bietet ihr an, zusammen zur Heilsarmee oder zur Caritas zu gehen. Darauf verlässt die Frau wütend das Restaurant. «Sie wusste sehr wohl Bescheid, dass diese Organisationen kein Geld verteilen», so Zuber heute - fünf Jahre später. «Ich habe gespürt, dass die Geschichte nicht stimmt.»

Zweite Begegnung

«Haben sie ein paar Minuten Zeit für mich?» Zuber stockt und antwortet zynisch: «Hat ihr Mann noch immer keine Niere oder welche Geschichte wollen sie mir heute erzählen?» Vor ihr steht dieselbe Frau. Gerademal ein halbes Jahr nach dem ersten Aufeinandertreffen - wieder beim Coop in Zuchwil. Die Frau scheint Zuber nicht wiederzuerkennen. Sie wird wütend: «Sie wissen ja gar nicht, was ich von ihnen will. Ich wollte sie nur etwas fragen», sagt sie und läuft beleidigt davon. Zuber meldet den Vorfall anschliessend telefonisch beim Polizeiposten in Zuchwil. «Leider konnte die Polizei die Frau nicht überprüfen, sie war ja schon weg», so Zuber.

Dritte Begegnung

Vor drei Jahren fällt Zuber in der «Migros Zeitung» ein Inserat auf: «Ich suche meine Viky!» Im Inserat folgt eine Beschreibung, die genau zu der bettelnden Kroatin passt. Silvia Zuber trifft sich mit dem Berner, der das Inserat schaltete. Dieser erzählt ihr die Geschichte von Viky Kostic. Sie sei in Kroatien aufgewachsen, habe einen serbischen Mann geheiratet, mit ihm zwei Kinder gezeugt und im Kosovo gewohnt. Der Mann sei dann gestorben. Sie hätte zusammen mit ihrer Mutter die Flucht angetreten und lebe seither illegal in der Schweiz. Der Berner gab ihr 1000 Franken. «Er wollte ihr helfen, wollte sie aus dem Schlamassel ziehen», erzählt Zuber von dem Treffen. «Er hatte sich in die Frau verliebt und gehofft, sie würde die Haushaltung bei seinen betagten Eltern übernehmen.» Viky Kostic verschwand mit dem Geld und taucht nie mehr auf. Zuber erfährt, dass sich auf das Inserat mehrere Personen gemeldet hatten, die um Geld betrogen wurden. Sie warnten den Berner vor der Frau. Der Verliebte suchte trotzdem weiter. Sogar im Fernsehen.

Vierte Begegnung

Letzten Herbst telefonierte Silvia Zuber mit einem Bekannten aus Einsiedeln im Kanton Schwyz. «Er seufzte am Telefon und sagte mir er sei froh, dass ich ihn gerade jetzt anrufe, er brauche Aufmunterung.» Kurz vor dem Telefongespräch habe er eine schwangere Kroatin, die ihn um Geld bat, abgewiesen. «Er erzählte mir die tragische Geschichte», sagt Zuber. Die Frau war in die Heimat gereist, um ein Erbe abzuholen. Da sei sie vergewaltigt und ausgeraubt worden. Jetzt würde sie 6000 Franken für eine Autoreparatur brauchen, um eine Arbeitsstelle antreten zu können. Zuber habe ihren Bekannten unterbrochen: «Ist denn die Frau etwa 40 Jahre alt, zirka 1.60 Meter gross, hat schulterlange, braune Haare, spricht sehr gut Deutsch, hat auffallend kleine Hände, einen auffallenden Fingerring an der rechten Hand und trägt ein grosses Kreuz, bestückt mit Schmucksteinen, um den Hals?» Ihr Bekannter habe gestockt und gefragt, woher sie das alles wisse. Eine kurze Erklärung folgte. Zuber zu ihrem Bekannten: «Du kannst dein schlechtes Gewissen gleich wieder ablegen. Die Frau ist eine Betrügerin!»

Fünfte Begegnung

Am Montag vor einer Woche läuft Zuber übers Solothurner Bahnhofareal. Sie will den Schnellzug auf Gleis 1 erreichen, hat einen dringenden Termin in Olten. Vor dem Mc Donalds wird sie angesprochen: «Haben sie ein paar Minuten Zeit für mich?» Da sei es aus ihr herausgeplatzt: «Hat dich die Polizei immer noch nicht erwischt!» Wütend habe die Frau darauf das Natel gezückt und aufgeregt telefoniert. «Leider musste ich unbedingt den Zug erwischen, sonst hätte ich meinen Termin verpasst. Noch so gerne hätte ich die Frau verfolgt und währenddessen die Polizei gerufen», sagt Zuber bedauernd.

In fünf Jahren stand Zuber mehrmals in irgendeiner Verbindung mit der Frau. Jetzt sei genug und sie habe den Entschluss gefasst sich bei dieser Zeitung zu melden, «um die Leute auf der Strasse vor der Betrügerin zu warnen.» Denn: «Das Wiib wirkt nämli verdammt glaubhaft», so die 65- Jährige.