Lehre
Eine Ausbildung mit Perspektive: der ICT-Fachmann– das Angebot wird im Kanton aber noch kaum genutzt

Eniyavan Pajanthiran ist einer der Ersten im Kanton, der sich für die neue Lehre zum ICT-Fachmann entschieden hat. Obwohl Informatik immer wichtiger wird, gibt es im Kanton noch keine eigenen Klassen.

Noëlle Karpf
Drucken
Teilen
Funktioniert die Präsentation? Eniyavan Pajanthiran kontrolliert den Laptop vor einem Anlass in der Aula des Grenchner Bachtelen.

Funktioniert die Präsentation? Eniyavan Pajanthiran kontrolliert den Laptop vor einem Anlass in der Aula des Grenchner Bachtelen.

Michel Lüthi

In der Primarschule hatte er Probleme damit, sich zu konzentrieren. Vor der Oberstufe wechselte er deshalb ins Bachtelen, erzählt Eniyavan Pajanthiran. Im sonderpädagogischen Zentrum in Grenchen wurde der 15-Jährige aus Subingen auf die Zeit nach der obligatorischen Schule vorbereitet. Diese hat für Pajanthiran diesen Sommer begonnen. Er macht die Ausbildung zum ICT-Fachmann. Noch immer geht er im Bachtelen ein und aus – hier ist der Lernende nämlich angestellt.

Speziell nebst dem grossen Schritt in die Ausbildung zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ist: Dieser Lehrgang wird, auch im Kanton Solothurn, dieses Schuljahr zum ersten Mal angeboten. Die Ausbildung ersetzt die zweijährige Lehre zum eidgenössischen Berufsattest und ist ein Jahr kürzer als die etwas fundiertere vierjährige Lehre zum Informatiker. Der Andrang hält sich noch in Grenzen: Auf Anfrage beim VSIA (Verein Solothurner Informatik-Ausbildungsbetriebe) heisst es, sechs Lernende hätten sich für die Ausbildung in Solothurner Betrieben entschieden.

Beim VSIA besuchen deshalb noch keine ICT-Fachpersonen in Ausbildung das sogenannte Basislehrjahr oder die überbetrieblichen Kurse, wie das die anderen Lernenden aus dem Informatikbereich im Kanton tun. Eine eigene Klasse mit ICT-Fachpersonen rentiere erst ab rund 15 Personen. Deshalb geht Pajanthiran an die Berufsschule in Bern.

Schon als Kind vom PC fasziniert

Andreas Tschui, Leiter IT Bachtelen Grenchen

Andreas Tschui, Leiter IT Bachtelen Grenchen

Michel Lüthi

An das Pendeln habe er sich mittlerweile gewöhnt, sagt der 15-Jährige. Er ist der Jüngste in seiner Klasse, die er mit zwei anderen Lernenden aus dem Kanton Solothurn besucht. Mittlerweile könne er sich besser konzentrieren und das, was im Klassenzimmer nicht wichtig ist, ausblenden. Zudem schliesse er sich mit einem Kollegen kurz, wenn jemand von ihnen nicht mitkomme. Unterstützung kriegt Pajanthiran auch vom Arbeitgeber: Das Bachtelen kennt den Lernenden schon von seiner Zeit in der Oberstufe und kann für Aufträge auch mal etwas mehr Zeit geben. So etwa sein Ausbildner, Andreas Tschui, der die IT am Bachtelen leitet. Tschui ist auch seit 15 Jahren Prüfungsexperte im Kanton Bern, wo es derzeit zwei Klassen ICT-Fachpersonen in Ausbildung gibt.

«Es dreht sich alles um PCs», fasst Pajanthiran seine Ausbildung zusammen. Schon als Kind habe ihn die Technik fasziniert. Er habe damals damit begonnen, Fotos und Videos zu bearbeiten, und auch gerne Videospiele gespielt. Es sei ihm schon früh klar gewesen, später damit arbeiten zu wollen. Heute baut er PCs zusammen und rüstet sie auf. Derzeit wird im Bachtelen auf Windows 10 umgestellt. Manchmal gehe es auch um Kleinigkeiten wie Druckerpatronen auswechseln. Der 15-Jährige bereitet zudem Anlässe vor. An diesem Tag findet der Kinderrapport statt. Einmal im Monat trifft sich das ganze Bachtelen in der Aula zum Austausch von Neuigkeiten. Pajanthiran schliesst den Laptop an, prüft die Präsentation. Ein kritischer Blick nach oben – wie ist das Licht?

Es gibt aber auch kurzfristige Einsätze. Wenn in einem der Gebäude auf dem Bachtelen-Areal etwas nicht mehr funktioniert, klingelt bei Tschui, der das dreiköpfige Team leitet, das Telefon. Tschui spricht von «First Level Support». Heute habe eigentlich jedes Unternehmen die eigene IT-Abteilung. «Das kann man nicht mehr auslagern wie früher», sagt er. Habe man ein Problem mit dem PC, könne man nicht vier Stunden auf externe Hilfe warten. Man wolle gleich weiterarbeiten können. Aus diesem Grund habe dieser Beruf grosse Zukunftschancen.

IT-Fachkräfte gesucht

6

Lernende machen in Betrieben im Kanton Solothurn die Ausbildung zur ICT-Fachperson. Zudem besuchen 4 Auszubildende die private Informatikschule in Olten, wo sie schliesslich denselben Abschluss machen werden. Zur Grössenordnung: 2017 gab es im Kanton Solothurn laut Lernenden-Statistik über 5600 Lehrverhältnisse für Ausbildungen zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis. Anfang dieses Jahr wurden alleine im beliebtesten Berufsfeld – der kaufmännischen Ausbildung – über 300 Lehrverhältnisse abgeschlossen.

Laut einer Studie des Schweizer IT- Dachverbandes fehlen bis 2020 rund 40'000 IT-Arbeitskräfte. Rund drei Viertel der Schweizer Arbeitenden seien Informatikanwender, zitiert Tschui einen ETH-Professor. Es brauche deshalb nicht nur Programmierer, sondern auch Unterstützer direkt beim Benutzer. Auch gebe es diverse Weiterbildungen: Pajanthiran könnte sich in Wirtschaftsinformatik oder in der IT-Sicherheit spezialisieren. Man finde gut eine Stelle.

Die dreijährige neue Lehre biete mehr Chancen als die niederschwelligere zweijährige EBA-Ausbildung – weshalb sie diese abgelöst hat. Auch beim VSIA gibt man sich überzeugt, dass das Interesse an der noch eher unbekannten Lehre im Kanton Solothurn deshalb noch anziehen wird. Was er nach der Lehre machen will, weiss Pajanthiran noch nicht. Er möchte zuerst einmal mit guten Noten abschliessen, erklärt er. Einfach ist das nicht, aber: «Mit meinem Ehrgeiz schaffe ich das», sagt er.

Nächsten Sommer soll dann noch ein zweiter Lernender in Tschuis Team beginnen. Warum? «Muss man das einen Betrieb wirklich fragen?», so Tschui. Ist es denn selbstverständlich, Lernende auszubilden? «Nein, leider nicht», sagt Tschui, macht eine kurze Pause und fährt dann fort: «Aus Überzeugung». Die Ausbildung sei die beste Präventionsmassnahme für ein späteres selbstständiges Leben. Eine ICT-Ausbildung sei zudem geeignet und sehr beliebt bei Lernenden mit Autismus-Spektrum-Störung – bei welchen etwa Konzentrationsschwierigkeiten auftreten können. Bereits in der Oberstufe setze das Bachtelen auf Unterstützung zur Berufsfindung. Dann wolle man motivierten Jugendlichen auch die Chance geben, eine Lehre beim Bachtelen anzuhängen. In der Küche, im Büro, im Garten. Oder als ICT-Fachmann.