«Eine Art Depressionsglocke»

Georg Darvas inszeniert im Neuen Theater Dornach «Die Fledermaus», mit der er vor bald 20 Jahren erfolgreich war.

Interview: Reinmar Wagner
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Das «Fledermäuschen» am Neuen Theater Dornach ist etwas in Schieflage: Kimon Barakos, Solenn’ Lavanant Linke, Tatjana Gazdik, Rolf Romei, Kathrin Hottiger und Daniel Reumiller.

Das «Fledermäuschen» am Neuen Theater Dornach ist etwas in Schieflage: Kimon Barakos, Solenn’ Lavanant Linke, Tatjana Gazdik, Rolf Romei, Kathrin Hottiger und Daniel Reumiller.

Bild: zvg/Lucia Hunziker

Der Schauspieler und Regisseur Georg Darvas leitete zusammen mit Johanna Schwarz 20 Jahre lang das Neue Theater in Dornach. Zum Jubiläum gibt es eine Neuinszenierung der «Fledermaus» von Johann Strauss, jener Operette, mit der die damals noch junge Bühne ihren ersten grossen Erfolg im Musiktheater gefeiert hat.

Sie haben die Jubiläumsproduktion «Die Fledermaus» von Johann Strauss trotz der Beschränkung auf 30 Personen im Publikum am 10 Dezember erfolgreich zur Premiere gebracht. Wie war das für Sie?

Georg Darvas: Es gab viele Diskussionen zwischen Produktionsteam und Theaterleitung. Wir haben lange abgewogen und gerechnet und gemeinsam mit allen Beteiligten beschlossen: Wir spielen! Mit der Ankündigung vom letzten Dienstag eines drohenden Kultur-Lockdown haben wir dieser Premiere noch zwei Vorpremieren vorangestellt und die 30 zugelassenen Zuschauer kamen mit einer grossartigen Spontaneität. Als dann bei der eigentlichen Premiere sich die gesamte Crew vor einem stehend applaudierenden Publikum verneigte, empfanden wir, dass unsere Entscheidung die richtige war.

Statt vom Orchester kommt die Begleitung jetzt nur vom Klavier.

Ja, wir spielen mit einer Klavierfassung, einer sehr gut gemachten allerdings. Wenn sich die Situation ändert, könnten wir schnell auch wieder Instrumente hinzunehmen, die Arrangements sind gemacht. Den kleinen Chor, den wir auf der Bühne gehabt hätten, mussten wir leider auch ausladen. Und ich habe gekürzt und die Dialoge umgeschrieben – so haben wir eine Spieldauer von ­eineinhalb Stunden ohne Pause.

Wie sieht es mit der Solistenbesetzung aus?

Wir haben eine tolle Besetzung zusammen, angeführt von Rolf Romei und Solenn’ Lavanant Linke, die am Theater Basel respektive in Mainz und Luzern singen. Wir haben sie alle angefragt, ob sie auch unter diesen Umständen mit dabei sind, und sie haben alle zugesagt. Ich brauchte diese Bestärkung, damit wir das zusammen durchtragen können. Denn Kultur ist wirklich einfach wichtig. Es wird enorm unterschätzt, was Kultur mit der menschlichen Seele macht. Wenn man glaubt, man könne das einfach durch digitale Inhalte ersetzen, macht mir das Angst. Kultur ist meiner Meinung nach systemrelevant.

Wie probt man unter solchen ­Umständen mit den geltenden Abstandsregeln?

Die Schweizerischen Bühnen-Verbände haben die Richtlinien erarbeitet und daran haben wir uns gehalten. Ein zentrales Element dabei ist die Teambildung. Wir sind acht Leute und der Pianist, das ist ja keine grosse Gruppe. Das Regieteam sass weit weg im Raum, ich sprang nicht wie früher auf die Bühne, sondern hielt Abstand. Wir haben mit Maske geprobt, später mit speziellen Schutzschilden, die sich zum Singen eignen. In den Endproben und bisherigen Vorstellungen sangen wir natürlich ohne Masken. Wenn das vorgeschrieben wäre, hätten wir alles abgesagt.

«Die Fledermaus» ist ja ein Stück, in das man aktuelle Themen einbringen kann. Nutzen Sie diese Möglichkeit, um auch die aktuelle Situation anzusprechen?

Ich bin in Wien aufgewachsen, meine Eltern waren Opernfans; Theater, Oper und Ballett gehörten zu meiner Kindheit. Wenn in Wien «Die Fledermaus» auf dem Programm steht, dann fragen die Leute nicht als erstes, wer singt oder dirigiert, sondern sie fragen: Wer gibt den Frosch? So heisst der Gefängniswärter, der im dritten Akt einen grossen kabarettistischen Auftritt hat. Dafür hat man immer Superstars engagiert: ­Komiker, Kabarettisten, die in der Tradition von Nestroy manchmal sehr scharf das aktuelle Geschehen aufs Korn nehmen. Wir haben mit Urs Bihler einen Frosch, der auch kein Blatt vor den Mund nimmt, aber auf sehr liebenswürdige Weise.

Es gibt sehr viele lustige Szenen in dieser Operette, aber man kann auch hinter die Fassade dieser Figuren blicken und findet dort nachdenkliche und melancholische Facetten. Welches ist Ihr Konzept für dieses Stück?

Da sprechen Sie etwas sehr Zentrales an: In meinem ursprünglichen Entwurf wollte ich grundsätzlich schon zeigen, dass die Amüsierlust und Unterhaltungssucht im 19. Jahrhundert genauso wie heute auch eine Flucht vor der Wirklichkeit waren. Und dass wir immer noch solche Neigungen haben, uns zu Tode zu amüsieren. Im neuen Konzept aber ging das nicht mehr so gut. Wir haben quasi einen Neustart gemacht und uns gefragt, was entsteht, wenn acht Darsteller und ein Pianist in diesen ausserordentlichen und schwierigen Zeiten zusammenkommen und versuchen, eine «Fledermaus» auf die Bühne zu bringen. Im ersten und dritten Akt funktioniert die Geschichte auch so im Grunde ganz natürlich. Der zweite Akt aber ist eine grosse Festszene, für die ein grosses Opernhaus Ballett, Statisten und Glamour aufbietet. Wenn hingegen acht Menschen versuchen, ein Fest zu feiern, dann kommt von selbst Melancholie auf. So entstand eine Stimmung, die wir alle gerade nur zu gut kennen, eine Art Depressionsglocke: Man soll sich nicht sehen und keine Freunde treffen. So hat der zweite Akt eine Stimmung bekommen, die in diesem Stück sonst nicht zu finden ist.

Das war in der Vergangenheit ja eine Ihrer Stärken, dass Sie mit den Möglichkeiten, die Sie in einem kleinen Haus haben, doch immer wieder mit sehr ambitionierten Stücken überzeugen konnten.

Das habe ich mir zum Metier gemacht in den letzten 20 Jahren. «Die Fledermaus» war 2003 unsere erste Musiktheater-Produktion – mit Hubert Kronlachner als Frosch. Das war ein derart riesiger Erfolg, dass wir uns weitere Opern zutrauten, im Jahr darauf erst Mozarts «Entführung aus dem Serail» produzierten und danach mindestens jedes zweite Jahr eine Musiktheater- Produktion auf die Bühne brachten.

Wenn Sie auf die 20 Jahre Theaterschaffen in Dornach zurückblicken, welches sind die schönsten Erinnerungen?

Wir hatten ja drei verschiedene Spielstätten, erst ein altes Kino mit 160 Plätzen, dann eine provisorische Bühne in einer alten Druckerei, bevor wir 2015 unseren Neubau beim Bahnhof Dornach einweihen konnten. Das war natürlich ein Meilenstein. Sonst bleiben vor allem Erinnerungen an Weggefährten und Schauspieler-Persönlichkeiten. Wir sind 2001 gestartet mit «Was ihr wollt» von Shakespeare, mit einer Gruppe von Schauspielern, die ich kannte und die sich begeistern liessen für dieses neue Theater. Urs Bihler war schon damals dabei, Miriam Goldschmidt hat mitgespielt. Ich habe oft das Glück gehabt, mit ganz grossen Schauspielerinnen und Schauspielern oder Sängerinnen und Sängern arbeiten zu dürfen, die wie Hubert Kronlachner, Nikola Weisse und Jörg Schröder oder Maya Boog und Hans Peter Blochwitz mit ihrer Erfahrung und ihrem Können gerne bei uns auftraten und auch immer wieder neues Publikum auch von weit her mitgebracht haben. Da sind sehr viele warme Erinnerungen damit verbunden. Zweimal war auch der israelische Dramatiker Joshua Sobol als Regisseur bei uns, das waren Sternstunden. Ich hätte ihn eigentlich gerne gebeten, zu unserem 20-Jahr-Jubiläum etwas zu schreiben, aber das ist in diesen Zeiten nicht möglich gewesen.

Sie haben angekündigt, dass Sie das Haus in jüngere Hände übergeben werden. Verabschieden Sie sich mit dieser «Fledermaus»?

Ja, inszenatorisch verabschiede ich mich zunächst mit diesem «Fledermäuschen» vom eigenen Haus. Ich muss nach dieser Premiere sagen: Diese Arbeit kann man zeigen! Ich bin sehr dankbar, was da in konzentrierter Probenarbeit in kurzer Zeit entstanden ist. Es ist nicht, was wir geplant hatten, aber welche Pläne gehen denn schon auf in diesen verrückten Zeiten?

Die Fledermaus von Johann Strauss. Neues Theater Dornach. Inszenierung: Georg Darvas. Musikalische Leitung: Bruno Leuschner. Vorstellungen bis auf weiteres ausgesetzt. Besitzer von bereits gekauften Tickets werden kontaktiert. www.neuestheater.ch