«stressfrei in fünf Tagen»

Ein Theater zeigt auf dem Gurten, wie «abefahre» funktioniert

Lachyoga. Im Gurten-Ensemble dabei ist der junge Solothurner Roman Weber (in Schwarz) als Eishockeyspieler Marco.

Lachyoga. Im Gurten-Ensemble dabei ist der junge Solothurner Roman Weber (in Schwarz) als Eishockeyspieler Marco.

Autorin und Regisseurin Livia Anne Richard verspricht im neuen Stück «stressfrei in fünf Tagen».

Es ist die zehnte Gurten-Theatersaison, welche vergangene Woche auf dem Berner Hausberg begann. Mit «Abefahre – stressfrei in fünf Tagen» hat Autorin und Regisseurin Livia Anne Richard ihrer Schauspieltruppe ein Stück auf den Leib geschneidert, welches ironisch-witzig daherkommt, jedoch mit einer Prise Gesellschafts- und Politikkritik gewürzt ist. Es geht um ein Problem unserer Zeit: Stress.

Sechs gestresste Personen finden sich – ob freiwillig oder nicht – in einer Gruppe wieder, um «stressfrei in fünf Tagen» zu werden. In dieser kurzen Zeit sollen Menschen ohne Handy und mittels Rollenspielen, Gruppentherapie und Heilfastentee wieder zurück zum eigenen Selbst finden und gewappnet sein gegen ein aufkommendes Burnout.

Mit dabei sind die alleinerziehende Pflegefachfrau Martina (Corinne Thalmann), der kurz vor dem Durchbruch stehende Eishockeyspieler Marco (Roman Weber), der nörgelnde Lehrer Benjamin (Christoph Keller), der aufmüpfige Verkaufsleiter René (Theo Schmid), die verzweifelte Personalverantwortliche Helen (Hanny Gerber) und die zu sensible Gemeindepräsidentin Renate (Nicole D. Käser).

Die Gruppe wird vom Helferpaar Valérie und Jan unterstützt (Kathrin Schnegg und Urs Schnegg), sowie vom Workshopleiter und Coach Ivo (Oliver Steiner) und seiner Psychologiekollegion Rosmarie (Marianne Tschirren) betreut und angeleitet.

Und schon beim ersten Gruppenspiel offenbaren sich die Charaktere. So sieht Verkaufsleiter René gar nicht ein, warum er mit Augenbinde und per Seil angebunden an seine Kurskollegen durch den Wald tappen, sein Handy abgeben und dann erst noch mit allen im gleichen Tipi schlafen soll. Er macht sowieso nur mit, weil seine Frau ihn angemeldet hat. «Wenni nid i dä Kurs göng, de wöll sie d Scheidig. Die chani mir nid leischte, drum bini hie», stellt er sich vor. Doch dem hält Leiter Ivo, der als einziger Hochdeutsch spricht, entgegen: «Kommt ins Hier und Jetzt und akzeptiert die Spielvorschläge der Natur.»

Die Natur spielt in diesem Stück tatsächlich auch ihre Rolle. Mit den Gesängen der Vögel oder der Abendstimmung auf dem Gurten fühlt man sich als Zuschauer auch als ein Teil der Gruppe. Doch es ist angenehmer, von der Zuschauertribüne aus alles zu beobachten, als selbst bei einer Lachyoga-Sitzung oder bei einer Aufstellung mit dabei zu sein und nichts als Tee zu trinken.

So fallen im Verlauf des Stückes die Masken der Beteiligten und sie verändern sich. Aus der verschüchterten Gemeindepräsidentin wird eine selbstbewusste Leaderin, aus dem aufmüpfigen Verkaufsleiter ein unsicherer Ehemann und aus dem coolen Eishockeyspieler eine gequälte Seele. Nur der Lehrer hat sein ganz eigenes Geheimnis, und einer kommt an seine Grenzen: Ivo, der Coach.

Junger Solothurner mit dabei

Livia Anne Richard kann in ihrem Stück auf bewährte Akteure setzen. Ausser dem jungen Solothurner Roman Weber, gehören alle ihrem Ensemble schon seit vielen Jahren an. Weber fügt sich sehr gut ins Team ein und verkörpert den zweifelnden, jungen Hockeyspieler, der während der «Therapie» sein wahres Ich erkennt, glaubhaft.

Alles selbst ausprobiert

Die Idee zum Stück sei ihr in den Ferien in Florida gekommen, sagte die Autorin und Regisseurin anlässlich der Premiere. Seit zehn Jahren führt sie auf dem Berner Hausberg mit ihrem Team alle zwei Jahre ein Theater durch. Für ihr kulturelles Engagement wurde sie vor kurzem mit dem Kulturpreis 2018 der Bürgi-Willert-Stiftung Bern ausgezeichnet. Richard schilderte, dass sie zur Vorbereitung alle im Stück gezeigten Übungen im Selbstversuch ausprobiert habe.

«Es ist doch schon ein Paradox unserer Zeit, dass wir so gestresst sind, dass ein ganzer Industriezweig mit solchen Programmen existiert, nur damit wir den hohen Ansprüchen unserer Zeit noch besser folgen können», resümierte sie.

Bis 30. 8. Infos: www.theatergurten.ch

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