In der Mitte des letzten Jahrhunderts hat man im Kanton Solothurn die ersten Naturreservate ausgeschieden. Das Chlepfibeerimoos in Aeschi beispielsweise oder die Verenaschlucht. Auch das Gebiet des Balmfluhköpfli steht schon länger unter Schutz. Mit diesen Veränderungsverboten versuchte man, die Lebensräume mit ihrer Flora und Fauna zu schützen.

Ganz so einfach geht das aber nicht, da die Pflanzen- und Tierwelt selbst in einer stetigen Veränderung ist. Heute gibt es im Kanton Solothurn insgesamt 89 Naturreservate. Die kantonalen Behörden versuchen zudem, aktiv Pflanzen zu schützen und wo möglich vor dem Aussterben bedrohte Arten zu bewahren oder wieder neu anzupflanzen. Jonas Lüthy, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Raumplanung, berichtet mit Freude von gelungenen Aktionen.

Altes Kulturgut zu schützen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Für den Biologen Jonas Lüthy ist klar, dass die Pflanzen- und Tierwelt des Kantons Solothurn ein ebenso einmaliges und wertvolles Erbe darstellt. «Es ist ein Teil unserer Identität. Wir sollten es pflegen und an die kommenden Generationen weitergeben.» Tatsächlich hält der Bund die Kantone dazu an, Pflanzen, Tiere und ihre Lebensräume zu schützen. Dieser Schutz ist denn auch im Natur- und Heimatschutzgesetz und der dazugehörigen Verordnung verankert.

Pionier Max Bloesch

«Der Artenschutz hat im Kanton Solothurn eine lange Tradition», erklärt Lüthy und erinnert an Max Bloesch, der den Weissstorch vor dem Aussterben bewahrt hat. Die Witi und der Storch, das sei ein Bild, das eng miteinander verknüpft ist und für viele Heimatgefühl vermittle. Ebenso gehöre die Alpenseglerkolonie zur Stadt Solothurn.

Mit dem Mehrjahresprogramm Natur- und Landschaft werden seit mehr als 20 Jahren freiwillige Vereinbarungen mit Landwirten abgeschlossen und so die schonende Nutzung von Lebensräumen sichergestellt. «Das ist für sehr viele Pflanzen- und Tierarten ein guter Ansatz», so Lüthy. «Es gibt aber spezielle Arten, welche gezielte Artenförderungsmassnahmen brauchen.» Diese können ganz verschieden sein. Im letzten Jahr hat man beispielsweise das Ysopblättrige Gliedkraut mit sogenannten Erbsenkörbchen versehen. Damit werden die Pflanzen vor dem Verbiss durch die Gämsen geschützt. Das Resultat lässt sich sehen. «Wir kennen in der Region des Ostgrates am Balmfluhköpfli rund 50 Exemplare der Pflanze. Diejenigen, welche nun geschützt waren – etwa die Hälfte – blühen dieses Jahr wunderschön, erstmals seit vielen Jahren.»

Die Pflanzen, die nicht durch einen Korb geschützt wurden, sind praktisch ausnahmslos schon im Frühling abgefressen worden oder wurden zertrampelt. Das Ysopblättrige Gliedkraut ist in den Gebirgen des Mittelmeers zu Hause und hat in der Schweiz nur wenige Vorkommen in der Genferseeregion sowie den sehr bemerkenswerten, einsamen Vorposten auf dem Balmfluhköpfli. Eine ähnlich einfache Schutzmassnahme hat dem Fluhröschen in Bärschwil neues Leben eingehaucht. Der kümmerlich dahinsiechende Bestand wurde in Absprache mit der Bürgergemeinde vom Revierförster eingezäunt. «Damit konnten die Gämsen die Pflanzen nicht abfressen, und so haben sie innerhalb der Umzäunung ebenfalls wunderschön geblüht», freut sich Jonas Lüthy. Einen zweiten Standort mit Fluhröschen gibt es in Oensingen – dieser sei auch ohne Schutzmassnahmen in gutem Zustand.

Wieder anpflanzen

Der Bund hat eine Liste mit «national prioritären Arten» (Pflanzen und Tiere) veröffentlicht, die Massnahmen erfordern. Eine solche Liste führt auch der Kanton Solothurn. «Unser Referenzwerk für Pflanzen ist das Buch über die Solothurner Flora von Rudolf Probst aus den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts», so Jonas Lüthy. «Hier sehen wir, welche Arten wo vorgekommen sind.»

So erklärt sich, dass das 1994 in Grenchen von Ernst Müller wiederentdeckte Hohe Veilchen aktiv gefördert wurde. 1994 blühten nur gerade noch drei Pflänzchen. Das war damals der gesamtschweizerische Bestand dieser Art. «Die Veilchen wurden einen Sommer lang aktiv beobachtet. Dabei wurde bemerkt, dass die Pflanzen besser blühen, wenn sie mehr Licht haben», so Lüthy.

Im Herbst wurde die Fläche, auf der die Pflanzen stehen, gemäht. Seither hat sich das Hohe Veilchen stark vermehrt. Verbunden mit dem Riedförderungsprogramm des Kantons in der Witi wurde das Hohe Veilchen zusätzlich gärtnerisch vermehrt. 1728 Töpfchen wurden ausgepflanzt. ‹‹Die Erfolgsbilanz ist nicht berauschend, allerdings ist es für eine abschliessende Beurteilung noch zu früh. Das zeigt deutlich, dass es Sinn macht, nicht nur die Pflanzen selbst, sondern auch deren letzte Standorte zu schützen. Verlieren wir die Standorte, dann verlieren wir auch die Pflanzen, die darauf wachsen», so Lüthy.

Riesen-Ampfer gedeiht prächtig

Mehr Glück hatten die Behörden mit der Riesen-Ampfer. Das letzte Solothurner Exemplar dieser gesamtschweizerisch stark gefährdeten Pflanze wurde 2011 am Staadkanal in der Grenchner Witi gefunden. Auch diese Art wurde gärtnerisch aus Samen vermehrt, und ab 2013 wurden Setzlinge ausgepflanzt.

In der Zwischenzeit ist der Riesen-Ampfer laut Lüthy auch in der Selzacher Witi wieder heimisch geworden und gedeiht prächtig. Auch der Kantige Lauch, der im Kanton Solothurn ausgestorben war, konnte in der Witi wieder angesiedelt werden. Bisher scheinbar erfolgreich.

Über 100 Jahre alt

Das Altwasser in Grenchen ist die «Arche Noah» der Pflanzen der Witi. Hier sind Arten zu finden, die an anderen Orten verschwunden sind. So etwa auch die Sumpfwolfsmilch. «Diese Pflanze gärtnerisch zu vermehren, gelang nicht», so Lüthy. Die ältesten Stöcke, die in Grenchen vorhanden sind, dürften über 100 Jahre alt sein.

Der grosse Sumpfhahnenfuss konnte dafür wieder angesiedelt werden. Rhizome aus dem Kanton Bern wuchsen auch im Kanton Solothurn. Nach der Sanierung des Aeschimoos in Aeschi möchte man versuchen, die Pflanze auch dort wieder anzusiedeln – Rudolf Probst hatte sie dort festgestellt.