Replik
Ein stark überzeichnetes Bild

Replik auf die Gastkolumne «Tummelplatz von Sterbehilfeorganisationen» von Beat Künzli, welcher die Absicht der Regierung, das Wirken von «Exit» und Co. in Solothurner Alters- und Pflegeheimen zuzulassen, kritisiert.

Jürg Wiler
Jürg Wiler
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«Exit hat im letzten Jahr im Kanton Solothurn 23 Freitodbegleitungen durchgeführt», schreibt Jürg Wiler. (Symbolbild)

«Exit hat im letzten Jahr im Kanton Solothurn 23 Freitodbegleitungen durchgeführt», schreibt Jürg Wiler. (Symbolbild)

Keystone

Der Solothurner Regierungsrat hat entschieden, dass Alters- und Pflegeheime im Kanton den Sterbehilfeorganisationen künftig bei Bedarf den Zutritt erlauben können. Das war bislang verboten. Die Regierung folgt damit dem weitverbreiteten Gesinnungswandel in der Gesellschaft zugunsten von Freitodbegleitung. Im Gleichschritt dazu haben im letzten Jahrzehnt immer mehr Heime in der Schweiz den Sterbehilfeorganisationen die Türen geöffnet. Heute dürfte rund die Hälfte aller Heime Freitodbegleitungen in ihren Räumen zulassen. Zudem erlaubt die Mehrzahl von ihnen zumindest Gespräche mit Sterbehilfeorganisationen.

Einerseits sind also viele Heime offener geworden gegenüber dem Thema und respektieren die Selbstbestimmung der Bewohner. Andererseits sind die Verantwortlichen der Institutionen gefordert, auf Wunsch der Bewohnenden vermehrt Stellung zum Thema zu nehmen oder Freitodbegleitung unter klar definierten Auflagen zuzulassen. Der nachvollziehbare Schritt der Solothurner Regierung hat jedoch den Kolumnisten in der Ausgabe vom 22. März gar heftig in die Tasten greifen lassen.

So zeichnet er das Schreckgespenst vom Alters- und Pflegeheim als «Todesanlage», falls Freitodbegleitungen möglich würden. Zudem schreibt er von «Druck und psychischer Belastung für Betagte in Heimen, wenn täglich Leute von Exit in den Räumen unserer Pflegeheime wandeln». Pflegeheime würden neu zu «Sterbeheimen», meint er.

Dieses Bild ist stark überzeichnet. Dazu die Fakten: Exit als grösster Selbstbestimmungsverein hat im vergangenen Jahr in der Schweiz insgesamt 85 Patientinnen und Patienten in Alters- und Pflegeheimen beim Freitod begleitet. Laut Statistik liegt damit dieser Anteil an allen Freitodbegleitungen seit Jahren unverändert bei rund 10 Prozent.

Wichtig zu wissen ist, dass Exit im letzten Jahr im Kanton Solothurn 23 Freitodbegleitungen durchgeführt hat. Bei einer Öffnung der hiesigen Alters- und Pflegeheime würden es statistisch gesehen rund zwei bis drei Begleitungen sein – pro Jahr. Es kann also keine Rede sein von einem möglichen «Tummelplatz von Sterbehilfeorganisationen» in Solothurner Heimen.
Dieser Schluss kann durch ein weiteres Beispiel belegt werden. Anfang 2001 hat die Stadt Zürich die Freitodbegleitung in ihren Alterszentren erlaubt. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie in den bisherigen 17 Jahren nicht – wie von Gegnern vorausgesagt – von Anfragen nach Freitodbegleitungen überrollt wurde. Auch hier sind die Zahlen stabil auf tiefem Niveau: In den meisten Jahren seit 2001 waren es bei 400 Todesfällen klar unter 10 Menschen, die den Weg Freitodhilfe wählten.

Die kalte Statistik ist das eine, die gelebte Realität das andere. Heutzutage kommt eine Generation ins Alter, die sich gewohnt ist, selbstbestimmt über ihr Leben zu entscheiden. Diese Menschen haben zum Beispiel über ihren beruflichen Weg bestimmt und sich für oder wider eine Familie entschieden. Dieses Recht wollen sie sich auch beim Sterben erhalten. Viele kommen zum Schluss, dass – wenn das ganze Leben in die Verantwortung eines Menschen gestellt ist – diese Verantwortung auch für die letzte Phase seines Lebens gelten soll. Schwer leidende Menschen, die nicht mehr kämpfen können oder wollen und an Exit gelangen, haben diesen Prozess bereits hinter sich.

Jürg Wiler. Der Autor ist Kommunikationsvorstand von Exit Deutsche Schweiz, Zürich.

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