«Ich kandidiere für die Wahl als Präsident der Eisenbahnsektion der Europäischen Transportarbeiter Föderation ETF», erklärt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Die in Brüssel angesiedelte Sektion umfasst 83 Eisenbahngewerkschaften aus 37 europäischen Ländern und repräsentiert rund 850 000 Beschäftigte. Zur Wahl habe ihn die deutschsprachige Ländergruppe, bestehend aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und Luxemburg, vorgeschlagen.

Keine Grenze für Liberalisierung

Er habe sich eine Kandidatur lange überlegt, sagt der 52-Jährige. Es sei für die hiesige Gewerkschaft des Verkehrspersonals wichtig, in der «Europa-Zentrale Brüssel» präsent zu sein. Denn alles was dort im Bereich des Verkehrswesens beschlossen werde, werde auch in der Schweiz umgesetzt. Die Schweiz sei über das Abkommen im öffentlichen Verkehr, beispielsweise das Landverkehrsabkommen, eng mit der EU verbunden. «Verkehrspolitisch sind wir – auch als nicht EU-Mitglied – Europäer.»

Das bedeute, dass auch der starke Trend hin zur Marktöffnung, Wettbewerb und Liberalisierung an der Grenze nicht stoppe. Die europäische Maschinerie laufe. «Wenn die Liberalisierungswelle schon nicht zu stoppen ist, muss dafür gesorgt werden, dass die Arbeitnehmenden nicht unter den Karren kommen». Dort sieht er denn auch seine Hauptmotivation seiner Kandidatur. «Der in den vergangenen Jahren auf europäischer Ebene etwas in Stocken geratenen sozialen Dialog zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern muss wieder in Schwung gebracht werden.»

Doch was heisst das in der Praxis? «Flankierende Schutzmassnahmen», antwortet Tuti. Dabei liegen zwei Themen auf seiner Prioritätenliste. Im Bereich Ausbildung gibt es innerhalb der europäischen Bahnunternehmen unglaubliche Unterschiede. Ein Beispiel. «Die Dauer der Lokführerausbildung variiert je nach Land zwischen 20 und 1000 Stunden.» Da müsse eine Vereinheitlichung angestrebt werden. Ebenso im Bereich der Arbeitszeiten gebe es grosse Differenzen zwischen den Ländern. Und wenn die Bedingungen in beiden Bereichen nicht stimmten, gehe das zu Lasten der Sicherheit, das höchste Gut eines Transportunternehmens.

Ein Leben für die Gewerkschaft

Giorgio Tuti erzählt lebhaft und ist in seinem Element. Er arbeitete seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn in verschiedenen Funktionen immer für Gewerkschaften. Nach einem angefangenen Studium in Recht und Wirtschaft an der Universität Bern bildete er sich am Institut für Verbands-, Stiftungs- und Genossenschaftsmanagement der Universität Freiburg weiter. Er war für den Gewerkschaftsbund Kanton Solothurn tätig, dann für die damalige Gewerkschaft Bau und Industrie im Tessin und seit 1997 ist er bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. Dort war er massgeblich beteiligt an den Verhandlungen für den ersten Gesamtarbeitsvertrag zwischen dem SEV und den SBB.

Seit acht Jahren ist Tuti SEV-Präsident. Dieser zählt insgesamt über 41'000 Mitglieder. Auch nach einer Wahl zum Präsidenten der Eisenbahnsektion der ETF werde der SEV «sein Hauptgeschäft» bleiben.

Tuti ist Realist genug, um zu wissen, dass er in Brüssel als Präsident der europäischen Eisenbahnergewerkschaft nicht wie mit einem Zauberstab alles verbessern könne. So sei es materiell schwierig, die in der Schweiz erkämpften sozialen Errungenschaften wie etwa GAV-Lohnregelungen auf ganz Europa zu exportieren. Er wolle aber für möglichst geregelte und gerechte Anstellungsbedingungen kämpfen – immer auch im Sinne der Sicherheit. «Ich will kein ‹Grüss-August› sein, sondern inhaltlich arbeiten und mit klaren Stossrichtungen versuchen, Akzente zu setzen.» Als Vertreter der Schweiz sieht er keinen Nachteil darin, aus einem Nicht-EU-Land zu stammen. Die Schweiz als Bahnland geniesse nämlich eine europaweit hohe Glaubwürdigkeit. «Viele beneiden uns um unser gut funktionierendes öV-System.» Und das wäre eben ohne gute Rahmenbedingungen für die Belegschaften nicht möglich.

Wahl am 9. März

Spätestens am 9. März wird Tuti Gewissheit haben. Dann nämlich werden die ETF-Delegierten über die Nachfolge des nach acht Jahren altershalber zurücktretenden Luxemburger Guy Greivelding als Präsident entscheiden. Der Solothurner schätzt seine Chancen als gut ein, ist er doch bislang der einzige Kandidat.