Bobby Leiser. Ein Name wie gemacht für einen Rockstar. «Ich habe zwar als Jugendlicher Schlagzeug gespielt, aber ich war zu wenig gut», winkt Bobby ab. So etwas wie ein heimlicher Star ist er dennoch geworden. Wenn es Leute gibt, die den Aufbruch der Rockmusik hautnah miterlebt haben, dann gehört Bobby Leiser dazu. Zwischen 1965 und 2005 hat er für einige der grössten Rock- und Jazzmusiker gearbeitet.

Das Haus mit der Luna-Bar beim Bahnhof in Schönenwerd ist nicht zu übersehen. Hier hat sich Bobby Leiser mit seiner Frau Dominique so wohnlich wie exzentrisch eingerichtet. Das Lokal ist ein halbes Museum, bestückt mit Erinnerungen und Kuriositäten aus den musikalischen Wanderjahren. Im hinteren Raum fühlt man sich nach Marokko versetzt. Leiser hat das Interieur von seinen Reisen mitgebracht. Jedes Jahr fährt er mehrmals in die marokkanischen Wüstengebiete, oft mit dem Wohnmobil.

Bobby Leiser, der am Sonntag 70 Jahre alt wird, ist in Zürich und Neuchâtel aufgewachsen. Schon als 12-Jähriger drehte Leiser das Radio lauter, um sich von der aufregenden Musik, wie sie die amerikanischen AFN-Sender ausstrahlten, elektrisieren zu lassen. «Mit 14 besuchte ich in Neuchâtel ein Konzert von Alexis Korner. Dort ist für mich eine Welt aufgegangen.» Korner lud ihn nach London ein, ein Jahr später war er das erste Mal dort, tauchte in die aufbrechende Szene der Beatbands und erlebte mit, wie sich The Rolling Stones formierten. «Das war ein Schlüsselerlebnis.»

Roadie im Rockbusiness

Als die ersten englischen Bands ihre Europa-Tourneen planten, wurde er zum gefragten Mann, da er mit seinen Sprachkenntnissen an den Grenzen vermitteln und Probleme lösen konnte. Das sprach sich herum. So wurde Leiser, ohne dass er es gesucht hätte, zu einem der ersten Roadies der Rockgeschichte. Er begleitete The Kinks, The Rolling Stones, The Who und viele andere Bands auf ihren Gigs in Europa. Erlebt hat er Einmaliges, aber finanziell blieb der Ertrag bescheiden.

Bis der Job mit Miles Davis kam. 200 Franken pro Tag! Bobby Leiser erzählt die legendäre Geschichte. Wie er eines späten Abends im Jahr 1968 angerufen wurde, ob er Zeit für eine dreiwöchige Tour mit Miles Davis hätte. Wie er am andern Morgen zu Musik Hug ging, um sich bei einem Freund zu erkundigen, wer dieser Miles Davis sei. «Das ist Gott!», sagte dieser. «Das musst du machen!» Wie er im Fünfsternehotel in Paris den Star direkt im Zimmer aufsuchte, weil er ihn am Telefon nicht verstanden hatte, und dieser ihm splitternackt die Türe öffnete. «Ich war ein wenig geschockt.» Nach einem kurzen Gespräch war der Job geritzt: «You’re on», raunte Miles.

Am Ende der Tour lud ihn der Musiker ein, mit ihm in die USA zu kommen. Leiser zögerte nicht, flog nach New York und zog bei Miles Davis ein. Es sei eine wunderbare Zeit gewesen. Aber auch anstrengend. «Miles war damals wieder auf Heroin. Nächtelang schlief er nicht.» Dann begann auch Leiser, den harten Stoff zu konsumieren. «Es tat mir nicht gut. Miles nahm mich mit nach New Mexico zu einem indianischen Schamanen. Dieser gab mir Peyote, ich durchlebte Träume und Visionen. Nach einer Woche war ich durch. Die Prozedur hat mich gereinigt.»

Seitdem, sagt Leiser, habe er nie mehr Probleme mit Drogen gehabt. Als regelmässiger Fahrer für Bands hatte sich auch sein Alkoholkonsum schon immer in Grenzen gehalten. «Noch heute trinke ich sehr wenig. Es hat mir nie viel bedeutet.» Das mag erklären, warum ihm das exzessive und absturzgefährdete Rockbusiness nichts anhaben konnte. Sowieso lag ihm immer sein Job am Herzen, den er so gut als möglich erfüllen wollte: als erfahrener Allrounder den Bands bei Auftritten einen optimalen Service zu bieten.

Während seiner Zeit mit Miles Davis ging Leiser mit weiteren Jazz-Koryphäen wie Duke Ellington, Herbie Mann, Dizzie Gillespie oder Rahsaan Roland Kirk auf Tour. 38 Jahre lang war er am Jazz Festival Montreux für die Bühnentechnik und das Catering zuständig. Zehn Jahre arbeitete er für die Cymbals-Firma Paiste. Damit erarbeitete er sich ein riesiges Netzwerk. Dass er mit John Hiseman oder Jack Bruce gut befreundet war oder zu Bands wie Deep Purple, Uriah Heep oder Iron Maiden beste Kontakte pflegte, erwähnt er wie nebenbei.

1983 gründete er die Swiss Cheese and Chocolate Company, in der inzwischen auch sein Sohn Yannick als Geschäftsführer und seine Tochter Cathya mitmischen. Die Firma vermietet sämtliches Material für die Backline, wie sie für Konzerte und Festivals benötigt wird.

«Opern finde ich grässlich»

Was sagt Bobby Leiser zum heutigen Stand der Rockmusik? «Früher machten Bands ihre Musik stärker aus einem Lebensgefühl heraus. Seitdem hat das Geld sehr vieles kaputtgemacht.» Selber ist er ein Rock-Enthusiast der alten Schule geblieben. Nach seinen Favoriten gefragt, nennt er spontan Spooky Tooth, Iron Maiden, Mitch Ryder, Kenny Wayne Shepherd. Nach wie vor liebt er The Animals, Mountain, die alten Stones, die Beatles, Chuck Berry oder die frühen Fleetwood Mac. Und sonst? «Mit dem meisten Jazz kann ich wenig anfangen, in der Klassik bevorzuge ich die harmonischen und lieblichen Werke, Opern finde ich grässlich.»

Zu denken gibt Bobby Leiser die Art und Weise, wie heute Musik konsumiert wird. «Wichtig ist der Event.» Die Leute gingen immer weniger wegen der Musik an ein Konzert. «Was das ist, scheint kaum eine Rolle zu spielen. Es muss einfach mit einem Wohlbefinden verbunden sein. Und in diese Richtung, so scheint mir, hat sich auch die Musik verändert.»