Risiko-Fussballspiel
Ein Solothurner hat die «organisierten Fans» im Blick

Der Deitinger Meinrad Schönbächler ist seit dem Sommer Leiter der Sicherheitsdelegierten der Swiss Football League und des Schweizerischen Fussballverbandes. Wir haben ihn an ein Risikospiel begleitet.

Hans Peter Schläfli
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Meinrad «Radi» Schönbächler beobachtet aus der Distanz den Einmarsch der Zürcher Fans im Berner Stadion de Suisse.
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Der Deitinger ist seit diesem Sommer Chef der Sicherheitsdelegierten.
Mit Meinrad Schönbächler am Risikospiel

Meinrad «Radi» Schönbächler beobachtet aus der Distanz den Einmarsch der Zürcher Fans im Berner Stadion de Suisse.

Hans Peter Schläfli

Eine dunkelblaue Menschenmenge marschiert durch das Berner Wankdorf und skandiert: «Scheiss YB». Selbst aus der sicheren Distanz, hinter den schützenden Gittern des Stade de Suisse, ist das ein etwas beunruhigender Anblick. Erst recht, als eine halbvolle Bierbüchse durch die Luft fliegt und auf die Strasse kracht.

Aber Meinrad Schönbächler lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. «Alles im grünen Bereich», meint der Leiter der Sicherheitsdelegierten der Swiss Football League und des Schweizerischen Fussballverbandes. «Im Vorfeld hatten wir das Spiel auf die Risikostufe Rot eingestuft, mittlerweile ist es nur noch Orange.»

Meinrad Schönbächler

In seiner Zeit als aktiver Fussballer stand Meinrad Schönbächler beim FC Deitingen, beim SC Derendingen und beim FC Solothurn im Tor. Als schönstes Erlebnis nennt er den Match in der 1. Liga, als Deitingen 1973 vor rund 2000 Zuschauern den FC Solothurn empfing – es war ein autofreier Sonntag während der Ölkrise. Als der FC Solothurn 1999 in der Nationalliga B spielte, trat Meinrad Schönbächler in die Sicherheits- und Fankommission der damaligen National-Liga ein. Er war massgeblich an der Ausarbeitung des heutigen Sicherheitsmanagements beteiligt und seit 2005 inspiziert er als Sicherheitsdelegierter Risikospiele für die Swiss Football League und den Schweizerischen Fussballverband. Als Kriminalpolizist arbeitete er in leitender Funktion bei der Bundespolizei und ermittelte im Auftrag der Bundesanwaltschaft im Kampf gegen das international organisierte Verbrechen, Cybercrime, internationale Korruption und Geldwäscherei. Seit seiner Pensionierung in diesem Sommer ist Meinrad Schönbächler der Chef der Sicherheitsdelegierten.

Einige der Berner Quartierstrassen sind mit riesigen Toren abgesperrt. Die Fussballfans sollen sich genau dort aufhalten, wo es das Sicherheitsdispositiv vorsieht. Geduldig warten die «Grasshoppers» beim Eingang des Gästesektors, bis sich das Tor hinter ihnen geschlossen hat. «Keine besonderen Vorkommnisse», sagt ein Mann mit schwarzer Mütze. Wenn man genau hinschaut, erkennt man ein feines Kabel, das zum Ohr führt. Er ist einer der drei Spotter, die die Zürcher Stadtpolizei nach Bern geschickt hat. «Man kennt sich. Es gibt keinen Grund, mein Gesicht zu verstecken», erklärt der Polizist. Angst habe er keine vor den Fans. «Ich schaue einfach, dass ich für alle Fälle immer meinen Rücken frei habe. Sicher ist sicher.»

Immer wieder Pyros

Die Hardcore-Fans lassen sich für die nächsten drei Stunden freiwillig in ihrem Sektor einschliessen. «Wenn jetzt etwas in unsere Richtung fliegt, sofort die Ohren zuhalten», warnt Schönbächler. «Es könnte ein Böller sein und der Knall ist so laut, dass man einen Ohrenschaden davonzieht.» Aber an diesem Sonntag verhalten sich die Fans der Grasshoppers korrekt. Der Zufall will es, dass es gleich zweimal in drei Tagen zur Begegnung der Young Boys mit den Grasshoppers kommt. «Es hilft, dass das heutige Meisterschaftsspiel für die Fans weniger wichtig ist. Vielleicht wollen sie es sich für den Cup am Mittwoch nicht verderben», analysiert der Sicherheitsdelegierte.

«Die Fans lassen sich immer etwas Neues einfallen, wie sie Feuerwerk und Pyros ins Stadion schmuggeln können. Leider kann es vorkommen, dass etwas an den Kontrollen vorbei kommt.» Und Meinrad Schönbächler sollte Recht bekommen. Drei Tage später brennen im Stade de Suisse die sogenannten Pyros zu Dutzenden, vom Einlaufen der Mannschaften bis zum Feiern des 5:0-Sieges der Young Boys gibt es keine Ruhe.

Zuerst «Informationsaustausch»

Aber noch ist Sonntag und Schönbächler behält das Meisterschaftsspiel im Auge. «Sicher ist sicher» ist sein Leitsatz. Seine Arbeit hat der Sicherheitsdelegierter schon fünf Tage vor dem Spiel begonnen. «Informationsaustausch» heisst der oberste Punkt einer langen, sehr langen Checkliste, die der frühere Kriminalpolizist gewissenhaft abarbeitet. Die Informationen über das, was sich da zusammenbrauen könnte, erhält er sowohl von den Sicherheitsverantwortlichen beider Mannschaften als auch von der Polizei.

Nichts wird dem Zufall überlassen. Auf einem Rundgang durch das Stadion kontrolliert Schönbächler, dass die Notausgänge nicht verstellt wurden, dass in den Toiletten nichts deponiert wurde und ob an allen wichtigen Stellen genügend Stewards stehen. Beim ersten Briefing wird sogar die Stimmung auf dem Sonderzug zum Thema gemacht.

Alle Informationen werden über das Smartphone weitergegeben. Der Sicherheitsdelegierte hat persönlich an der Ausarbeitung der «App» mitgewirkt. «Alles ist in Echtzeit in der Cloud abrufbar. Das ist viel effizienter, als wenn jeder ein wenig herumtelefoniert oder Nachrichten herumschickt», erklärt Schönbächler. Weiter geht es in Richtung Kabinen der Schiedsrichter.

Auch hier wird «Radi», wie man ihn in der Fussballszene nennt, freundlich empfangen. Es wird kurz besprochen, was zu tun wäre, falls das Spiel wegen dem Abbrennen von Pyros, wegen eines explodierenden Böllers oder wegen Fans auf dem Spielfeld durch den Schiedsrichter unterbrochen werden müsste.

Sofort ein Handy-Foto

Das Foul im Strafraum der Grasshoppers passierte genau unter den Augen der Zürcher Fans und es war so klar, dass diese sich nicht über den Schiedsrichter aufregen, sondern über ihre eigene Mannschaft. Meinrad Schönbächler schaut sofort in die andere Richtung. Er beobachtet, ob die YB-Fans «Pyros» zünden. Dann würde er sofort mit dem Handy ein Foto in die «Cloud» stellen. Das 1:0 fällt, aber der Jubel bleibt in erlaubten Bahnen.

Im Halbzeitrapport erfährt Schönbächler, dass ein Fan der Grasshoppers mit Fackeln und anderem Feuerwerk erwischt wurde. «Den Match hat er nicht gesehen und er wird mit einem schweizweiten Stadionverbot für die nächsten zwei, drei Jahre belegt», erklärt der Sicherheitsdelegierte. Je nach Art und Gefährlichkeit der Feuerwerkskörper erfolge eine Anzeige wegen eines Verstosses gegen das Sprengstoffgesetz. Trotzdem darf dieser Fan mit dem Sonderzug nach Hause fahren. Er soll den anderen ruhig von seinem Schicksal erzählen, damit es diese das nächste Mal gleich sein lassen.

Ein letzter Rundgang

Eine halbe Stunde nach dem Match schaut Schönbächler den Grasshopper-Fans zu, wie sie durch das Wankdorf abzotteln. Beim Bahnhof Wankdorf wartet ein Sonderzug auf sie. Die sogenannten «Turtles», die mit Panzern und Helmen ausgerüstete Einsatztruppe, zeigen sich nicht. Sie halten sich diskret hinter einer Wand auf. Der riesige personelle Aufwand hat sich gelohnt und das Sicherheitsdispositiv hat an diesem Sonntag perfekt funktioniert. Meinrad Schönbächler verschickt Statusmeldungen, macht einen letzten Rundgang durch das Stadion und es gibt ein Debriefing. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem schriftlichen Bericht. Diesmal kann dieser kurz ausfallen.

Geschulte Stewards statt behelmte Ordnungshüter

Der Eingangsbereich zu den Stadien stellt ein Nadelöhr dar, in welchem es in der Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Zuschauern und Ordnungskräften gekommen ist. In der Schweiz spricht man nicht von Hooligans, sondern von «organisierten Fans». Die Swiss Football League hat das Konzept «Good Hosting» erarbeitet, das in der Saison 2015/16 erstmals flächendeckend umgesetzt wurde.
Die grundlegende Idee hinter dieser Strategie ist, die Fans der Gastmannschaft auch wie Gäste zu empfangen. An der Stelle von behelmten Ordnungsdiensten, die in der Vergangenheit oft als Provokation empfunden wurden, sollen sich eigens geschulte Stewards um die ankommenden Fans kümmern. Die Eingangskontrollen sollen ruhig, entspannt und gastfreundlich durchgeführt werden.
Gleichzeitig sind die Klubs verpflichtet, eine konsequente Täterverfolgung zu gewährleisten und fehlbare Zuschauer zu identifizieren und zu bestrafen. Hierfür ist eine technisch hochstehende, moderne Videoüberwachung in den Stadien erforderlich. Folgende Punkte sieht das Konzept «Good Hosting» vor:

- Es sind keine uniformierten Sicherheitsleute sichtbar;

- Freundliche Stewards sollen den Fussballfans zur Seite stehen;

- Der Einlass ins Stadion soll fliessend und ohne Stau erfolgen;

- Die Personenkontrollen erfolgen gezielt und stichprobenartig;

- Technisch hochstehende Videoüberwachung im Stadion ermöglicht es, Täter zu identifizieren;

- Konsequente Strafverfolgung der Täter;

- Es werden schweizweite Stadionverbote verfügt. (hps/frb)