Schweizer Bauernverband

Ein Solothurner an der Spitze: Der neue Direktor über die Zukunft der Landwirtschaft

Martin Rufer im Garten seines Hofes in Lüsslingen.

Martin Rufer im Garten seines Hofes in Lüsslingen.

Der neue Direktor des Schweizer Bauernverbandes (SBV) Martin Rufer wohnt idyllisch. Der Hof am Dorfrand von Lüsslingen ist von grünen Wiesen umgeben, über den Parkplatz staksen Hühner. In der renovierten Küche empfängt er zum Gespräch.

Martin Rufer, Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen. Gefällt es Ihnen heute in Ihrem Bürojob oder wären Sie lieber draussen?

Martin Rufer: Ich habe schon sehr viel drinnen zu tun und verbringe die Tage oft in Sitzungen und an Versammlungen. Aber das war der Weg, für den ich mich entschieden habe. Ich bin überzeugt, dass sich mein Einsatz für die Landwirtschaft lohnt und dass diese eine gute Zukunft hat.

Sie haben sich Ihr ganzes Leben mit der Landwirtschaft befasst. Wie hat sich diese verändert?

Es gab grosse Veränderungen. Der Preisdruck auf den Landwirtschaftsprodukten löste eine enorme wirtschaftsgetriebene Entwicklung aus. Um Kosten zu sparen, wurden die Betriebe grösser und spezialisierten sich zunehmend, etwa auf Milchproduktion oder Obstbau. Der andere Aspekt ist, dass sich die Bedürfnisse der Konsumenten geändert haben. Ökoleistungen und Tierwohl haben an Bedeutung gewonnen. Daraus ergeben sich interessante Marktchancen.

Zum Beispiel?

Wir können den Nutzen einer regionalen, saisonalen Ernährung aufzeigen. Ich glaube, das ist eine Chance für die Schweizer Landwirtschaft. Wir können hier nachhaltig Lebensmittel produzieren, die von den Konsumentinnen und Konsumenten gewünscht sind. Wir können auch die neuen Ernährungstrends als Chance nutzen. Eine weitere Chance ist der Umbau der Energiepolitik. Mit der Produktion von erneuerbaren Energien können wir einen Beitrag zur Wende leisten.

Als Direktor des SBV ist es Ihre Aufgaben, solche Chancen zu erkennen. Freuen Sie sich auf diese Aufgabe?

Ja klar. Ich bin ja schon länger in der Geschäftsleitung des Bauernverbands und habe dort unsere Arbeit bereits seit längerem mitgestaltet. Als Direktor habe ich noch mehr Möglichkeiten und darauf freue ich mich sehr.

Können die Solothurner davon profitieren, dass Sie an der Spitze des SBV stehen?

Wir sind als Bauernverband eine nationale Organisation, das heisst wir gestalten die Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene und davon profitieren dann alle. Als Solothurner kenne ich die ganze Breite der Landwirtschaft. Wir haben in unserem Kanton vom Gemüsebau, zum Ackerbau über die tierische Produktion bis zur Berglandwirtschaft die ganze Palette. Diese Vielfalt hier sehe ich auch auf nationaler Ebene als Vorteil.

Spüren Sie keinen Druck, speziell für den Kanton Solothurn etwas zu bewirken?

Die nationale Agrarpolitik wird ja für die ganze Schweiz gemacht. Es wäre falsch, wenn ich regionale Aspekte höher gewichten würde als nationale. Wenn ich also auf nationaler Ebene etwas erreiche, dann kommt das auch der Region zugute.

Was sind die grössten Herausforderungen, die als Direktor auf Sie warten?

Wir haben extrem viele politische Dossiers auf dem Tisch. Seit ich dabei bin, waren es noch nie so viele, die gleichzeitig anfielen. Die Agrarpolitik 22+, die Raumplanung oder die ­verschiedenen Volksinitiativen, die im Raum stehen. So die Trinkwasser­initiative, die Pestizidfrei-Initiative oder die Massentierhaltungs-Initiative. Weitere sind im Sammelstadium. ­Diese Fülle ist sicher eine Heraus­forderung.

Wie werden Sie diese Aufgabe anpacken?

Wir müssen alle diese Dossiers gut ­managen. Dazu gehört, dass wir unsere Argumente verständlich vermitteln und ein grosses Engagement, um die I­nteressen der Landwirtschaft auch politisch durchzusetzen. Es geht in den kommenden Jahren nun um matchentscheidende Weichenstellungen.

Es macht teilweise den Anschein, dass sich die Landwirtschaft und der Rest der Bevölkerung nicht verstehen. Wie kann man das ändern?

Es gibt verschiedene Aspekte. Einerseits ist der Bezug zur Landwirtschaft kleiner geworden. Die Leute wissen immer weniger darüber, wie ihr Essen produziert wird und was es alles dafür braucht. Andererseits steigen ihre Erwartungen an die Produktion. Und drittens wird dann oft nicht nach den eigenen Ansprüchen eingekauft. Wir müssen zeigen, dass die Landwirtschaft die Herausforderungen im Umweltbereich ernst nimmt, sich bereits sehr viel geändert hat und weiter ändern wird. Die Richtung stimmt, den Antibiotikaeinsatz haben wir in den letzten zehn Jahren halbiert, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im konventionellen Bereich ist um ein Viertel zurückgegangen. Diesen Weg müssen wir weiter gehen.

Ist es schwer, Ihre Argumente darzulegen?

Die Distanz zur Landwirtschaft wird wie erwähnt tendenziell grösser. Immer weniger Leute haben einen Bezug dazu. Darum müssen wir vermehrt kommunizieren, Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigen. Und immer wieder betonen, dass die Schweizer Landwirtschaft im weltweiten Vergleich ein Vorzeigemodell ist.

Haben Sie das Gefühl, dass die Landwirtschaft es verpasst hat, den Kontakt zu suchen?

Das müssen wir differenziert beurteilen. Wir haben gerade eine Umfrage gemacht. Diese zeigt, dass die Sympathie der Schweizer für die Landwirtschaft nach wie vor hoch ist. 80 Prozent der Leute sagen, dass sie den Bauernfamilien vertrauen. Aus meiner Sicht gibt es eine Diskrepanz in der Wahrnehmung der Bevölkerung und der Berichterstattung in den Medien. Für diese sind vor allem negative Schlagzeilen interessant. Es ist schwierig, Medien für Erfolgsgeschichten zu begeistern.

Sie sagten an der Generalversammlung des Solothurner Bauernverbandes vor einer Woche, dass die Bauern raus, reden und erklären sollen. Aber genau mit den Menschen, die weit weg sind von der Landwirtschaft, haben sie im Alltag ja wenig zu tun.

Die Bauernfamilien sind die glaubwürdigsten Botschafter. Wir haben deshalb aktuell viele Projekte, mit denen wir Leute auf die Höfe bringen möchten, beispielsweise den 1.August-Brunch, Stallvisite, den Tag der offenen Hoftür oder die Schule auf dem Bauernhof. Wir sind an zahlreichen Messen präsent. Und wir fördern die Direktvermarktung, weil diese Beziehung zwischen Kunden und Produzenten besonders stärkt.

Haben Sie selber häufig die Gelegenheit, sich in persönlichen Gesprächen für mehr Verständnis einzusetzen?

Ja, ich habe viel zu tun mit Leuten, die weit weg sind von der Landwirtschaft. Und was ich merke ist: Wenn man aufzeigen kann, wieso etwas gemacht wird und wie etwas funktioniert, dann wächst das Verständnis schnell. Darum ist es wichtig, dass wir die Zusammenhänge vermitteln können.

Autor

Rebekka Balzarini

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