Projekt
Ein sichtbares Frauenhaus: Eine Vision, die derzeit diskutiert wird

Ein holländisches Frauenhaus-Projekt inspiriert die Opferhilfe des Kantons Solothurn, die derzeit aber noch mit anderen Problemen zu kämpfen hat.

Deborah Onnis
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1981 gründeten engagierte Frauen den Verein zum Schutz misshandelter Frauen und ihrer Kinder im Aargau.

1981 gründeten engagierte Frauen den Verein zum Schutz misshandelter Frauen und ihrer Kinder im Aargau.

Wo sich das Frauenhaus Aargau/Solothurn genau befindet, ist nur sehr wenigen bekannt. Solchen zum Beispiel, die als Betreuerinnen seelisch und oft auch körperlich erschöpfte Frauen mit deren Kindern dort aufnehmen. An einem anonymen Ort, wo sich die Gewaltbetroffenen sicher fühlen können. Was wäre aber, wenn dieses Haus plötzlich als pinkfarbenes Gebäude im Stadtzentrum herausstechen würde? Könnten sich die Betroffenen darin noch sicher fühlen?

Ein sichtbares Frauenhaus, das ist die Vision, die derzeit in Schweizer Sozialinstitutionen diskutiert wird. Vorbild eines für die Öffentlichkeit erkennbaren Frauenhauses ist das holländische Modell «Oranje Huis», das an einer Fachtagung der FHNW in Olten vorgestellt wurde. Beim holländischen Frauenhaus erhalten direkt und indirekt Gewaltbetroffene Beratung und Betreuung, aber auch weitere Hilfestellungen. Werden sie von den Tätern aufgesucht und droht Lebensgefahr, bringen die Betreuerinnen die Betroffenen an einen anderen «sicheren» Ort. Um für die nötige Sicherheit zu garantieren, arbeitet das «Oranje Huis» eng mit der Polizei, den juristischen Behörden und verschiedenen Fachstellen zusammen. Zudem kann die Institution auf die Unterstützung der Nachbarschaft, der politischen Entscheidungsträger und der Bevölkerung zählen. Seit drei Jahren suchen in Holland gewaltbetroffene Frauen, Männer und Kinder Hilfe in einem «Oranje Huis». Seine Gründerinnen ziehen jetzt schon ein positives Fazit: Durch die Sichtbarkeit könne direkte Hilfe sofort geleistet werden. Da auch indirekt Betroffene (Angehörige, Bekannte) Hilfe erhalten, fühlten sich zudem mehr Leute betroffen und schauten bei Gewalt mehr hin. Und weiter würde man sich nicht mehr auf die Schwächen der Opfer konzentrieren, sondern auf deren Stärken, die auch gefördert würden. So müssen sie nicht mehr Opfer sein, sondern könnten wieder handlungsmächtig werden.

In der Schweiz herrscht hingegen laut Isabelle Derungs, Stiftungsrätin Frauenhaus Aargau-Solothurn, noch eine starke Polarisierung bei den Rollen. «Opfer bleibt Opfer und Täter bleibt Täter.» Betreuerinnen würden aufgrund ihrer partnerschaftlichen Herangehensweise die Sicht der Frau oftmals stärker gewichten und die Arbeit mit den Männern prinzipiell ablehnen. Dies schade auf Zeit beiden Seiten aber nur. «Das ist keine Lösung, um Gewalt zu beenden», sagt Isabelle Derungs. Deshalb müsse man den Fokus künftig auch mehr auf den Problemträger und nicht nur auf das Opfer richten. Das Problem der häuslichen Gewalt dürfe nicht isoliert betrachtet werden, sondern man müsse die gesamte dynamische Beziehungsstruktur betrachten.

Barrieren gibt es laut Eva Büschi, Dozentin der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, nicht nur aufseiten der Institutionen (wie knappe Öffnungszeiten und wenig Angebote im ländlichen Raum), sondern auch bei den Opfern. Viele Betroffene, vor allem Junge, würden erlebte Gewalt bagatellisieren, andere wiederum sich aus Scham nicht an die Opferhilfe wenden. «Es ist unbedingt mehr Information über die bestehenden Hilfsangebote (wie Opferhilfe-Beratungsstellen und Frauenhäuser) nötig, um die Hemmschwelle, sich beraten zu lassen, zu senken», sagt Büschi.

Laut Claudia Hänzi, Chefin des Amts für soziale Sicherheit, sollte das Thema «Häusliche Gewalt» sowieso in allen Bereichen der Gesellschaft mehr Beachtung erhalten. «Ein sichtbares Frauenhaus ist eine Chance, um das Problembewusstsein zu stärken», sagt sie.

Auch Susan von Sury, Kantonsrätin und Co-Präsidentin der Stiftung Frauenhaus AG-SO, findet ein sichtbares Frauenhaus eine gute Idee. «Es würde sicher eine Enttabuisierung in der Gesellschaft stattfinden; die Mentalität würde sich dadurch verändern und dann haben wir schon viel erreicht.» Einen Vorstoss plant sie derzeit aber nicht: «Ein solches Projekt muss sorgfältig entwickelt werden.» Die Idee werde im Stiftungsrat aber sicher diskutiert werden. «Wir bleiben dran», so von Sury.

Das «Oranje Huis» ist visionär, sagt Nationalrätin Bea Heim. «Häusliche Gewalt ist eine Realität, und darüber muss man sprechen.» Um Gewaltbetroffenen nachhaltig zu helfen, müsse man zudem die Zusammenarbeit zwischen den Behörden, wie zum Beispiel zwischen Sicherheitspolizei, Straf-, Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde oder Schulbehörde, verbessern. An einem Workshop der Tagung, den die Nationalrätin leitete, sprachen viele Vertreterinnen der Opferhilfe genau diesen Punkt an. «Nach dem Aufenthalt im Frauenhaus bleiben die Betroffenen oft sich selbst überlassen. Dann ist aber ein vielfältiges Angebot der Begleitung und Beratung gefragt.» Deshalb sei zu prüfen, ob das bestehende Angebot genüge, so Bea Heim. Auch der Platz ist ein Problem: «In der Schweiz gibt es zu wenig Schutzplätze für Gewaltopfer», sagt die Nationalrätin. «Im Jahr 2011 mussten 55 Prozent der Schutzsuchenden in der Schweiz von Frauenhäusern abgewiesen werden.» Schon im Kantonsrat hatte sich Bea Heim für mehr Schutzplätze eingesetzt. Das tut sie nun auch auf nationaler Ebene. Die Sozialdirektoren-Konferenz sei daran, den Bedarf und die Lücken in den Kantonen abzuklären. «Ich prüfe aktuell die Eingabe eines Vorstosses zur Institutionalisierung von Fallkonferenzen, die die Kooperation zwischen den Behörden begünstigt», so Heim.

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