Sicherheit
«Ein Schraubenzieher reicht» — dieser Polizist kennt alle Tricks der Einbrecher

Es ist der Albtraum jedes Hausbesitzers: Kommt man nach Hause, war der Einbrecher schon da. Polizist Rolf Graf weiss, was man dagegen tun kann. Als Sicherheitsberater bei der Solothurner Kantonspolizei hilft er gratis.

Lucien Fluri
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Polizist Rolf Graf weiss, wie man Einbrecher abschreckt. Sein Wissen in der Kriminalprävention gibt er gratis der Bevölkerung weiter.

Polizist Rolf Graf weiss, wie man Einbrecher abschreckt. Sein Wissen in der Kriminalprävention gibt er gratis der Bevölkerung weiter.

Bruno Kissling

Er kennt die Tricks der Einbrecher. Seit 37 Jahren ist Rolf Graf bei der Solothurner Kantonspolizei. «Ich habe schon ein paar 100 Einbrüche gesehen», sagt der 58-Jährige – und stellt gleich klar: Viel braucht es nicht, um in ein Haus zu gelangen. Ein Schraubenzieher reicht oft schon. Grafs Job ist es, dies zu ändern. Als Sicherheitsberater bei der Kantonspolizei gibt er der Solothurner Bevölkerung Tipps in Sachen Einbruchschutz. Gratis und neutral. Anrufen kann ihn jeder, der Angst hat, sein Zuhause sei zu wenig gut geschützt. Dann kommt Graf vorbei.

Der Schwachpunkt eines jeden Hauses? Keine Frage: «Es sind mehrheitlich die Fenster. Gegen 85 Prozent der Einbrecher kommen über die gläsernen Hausteile in die Eigenheime.» Vielfach werden Fenster aufgehebelt, Verglasungen von Fenstern und Balkontüren auf Höhe des Griffs eingeschlagen oder Fensterrahmen durchbohrt, um an den Fenstergriff zu gelangen. 30 Sekunden bis längstens drei Minuten braucht der Einbrecher vielleicht, um ins Haus zu kommen.

Grüncontainer helfen Tätern

Grafs Büro auf dem Egerkinger Polizeiposten ist fast eine kleine Ausstellung für Sicherheitsfenster und Schliesstechniken. Vor der Tür sind alle Arten von Türschlössern aufgereiht, auf dem Boden stehen verschiedene Fensterrahmen der starken Widerstandsklassen.

Der gelernte Werkzeugmacher postiert sich vor seinem Bürofenster. «Was denken Sie», fragt er, «wie viel Gewicht kann ich mit einem Schraubenzieher mit einer Klingenbreite von 10 mm anheben?» 500 Kilogramm sind es. Darum warnt Graf gleich: «Stellen Sie den Einbrechern kein Werkzeug zur Verfügung». Immer wieder trifft er bei seinen Beratungsbesuchen auf unverschlossene Gartenhäuschen mit Werkzeug drin. Für die Einbrecher ein Glücksfall. «In der Regel sind Einbrecher nicht mit dem Werkzeugkoffer unterwegs», sagt er. «Sie wollen nicht von der Polizei bei einer Kontrolle mit Einbruchwerkzeug erwischt werden.»

Ein Dorn im Auge sind Graf auch die Kurbeln, die an fast jeder mechanischen Sonnenstore draussen hängen. Damit kann der Täter Fensterverglasungen rasch und ohne Verletzungen einschlagen. «Bei jedem dritten Objekt sehe ich zudem Leitern oder andere Aufstiegshilfen wie Grüncontainer. Das Parterre zu schützen bringt nichts, wenn die Leiter daneben oder in unmittelbarer Nähe beim Nachbarn steht», warnt er. Die Leitern seien mindestens mit einer Gliederkette und einem Vorhängeschloss um einen Baum oder dergleichen zu sichern. So einfach beginnt der Einbruchschutz.

Natürlich gibt es noch die alten Klassiker: Lichtmelder draussen («aber bitte über 3,5 Meter ab Boden anbringen, damit sie der Einbrecher nicht von Hand verstellen oder sabotieren kann»). Oder auch die Zeitschaltuhr mit Licht («nicht einsehbar anbringen und bitte das Radio laufen lassen»). Mit diesen Massnahmen kann der Einbrecher verunsichert werden. Denn der Täter kommt oft an die Haustür und klingelt. Er will sich versichern, dass niemand zuhause ist.

24 Stunden lang kommt der Einbrecher. «In der Nacht sind Einbrüche seltener als früher. Der Einbrecher will die Konfrontation eigentlich nicht, sondern nur schnell reinschleichen, Beute machen und wieder raus», weiss Graf.

Aber kommt ein Einbrecher nicht in jedes Haus? Dem widerspricht der erfahrene Polizist nicht grundsätzlich. Aber es gibt Dinge, die der Einbrecher meidet, wie der Teufel das Weihwasser: Lärm, Licht und grossen Zeitaufwand. Dort setzt die Beratung auch an. Denn jeder dieser drei Faktoren erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Einbrecher entdeckt wird. «Minutenlang will sich kein Täter am Fenster zu schaffen machen», sagt der Sicherheitsspezialist. Der Einbrecher will möglichst schnell in den Wohnbereich eindringen. Interessiert ist er heutzutage meist an Bargeld und Schmuck. Oft steuert er Wohn-, Schlafzimmer und Büro an, wo er oft die Gegenstände findet. «Denn der Mensch ist bequem», sagt Graf. Alles soll in der Nähe sein. Schon hier kann man beginnen, dem Einbrecher die Arbeit zu erschweren.

Auch günstige Massnahmen

Was rät Graf denn sonst noch, um das Haus besser zu schützen? Schnell holt der Spezialist den nächsten Ordner und zieht rasch das nächste Papier raus: Er hat Dutzende Ratschläge parat, wie man das Haus schützen könnte, wie man Türrahmen und Fenstergriffe nachrüsten könnte. Nicht Rollzapfen, sondern einbruchhemmende Pilzköpfe bei den Fensterverriegelungen, Verbundsicherheitsverglasung und abschliessbare Fenstergriffe stehen auf seiner Liste. Wer es ganz sicher haben will, wählt Produkte der Sicherheitsklasse WK2/RC2.

Lieber einmal zu oft anrufen

Immer wieder kann die Polizei Einbrecher noch in der Nähe des Tatorts anhalten – dank Bürgern, die verdächtige Beobachtungen melden. Die Polizei bittet, auffällige Feststellungen umgehend via Notrufnummer 117 zu melden. «Dies hilft, Einbrüche zu verhindern oder aufzuklären.»

Broschüren und weitere Tipps zur Einbruchverhütung gibt es auf der Homepage der Kantonspolizei Solothurn (www.polizei.so.ch).

Sicherheitsberatungen können über das Mail sicherheitsberatung@kapo.so.ch oder
Tel. 062 311 94 19 vereinbart werden.

Ein wichtiger Hinweis: Sogenannte Störfaktoren anbringen. Dies kann bereits ein abschliessbarer Fenstergriff oder ein Minitür- oder Fensteralarm sein, welche für wenig Geld selbst montiert werden können. Für einige 100 Franken können bereits Nachrüstlösungen wie Fenster-Stangen-Beschläge durch einen Fachbetrieb vorgenommen werden.

Stärker auf die Problematik aufmerksam machen will Graf künftig Architekten und Fensteranbieter. «Es geht oft ums günstigste Fenster, welches dann aber keine Sicherheitsbeschläge aufweist. Die Anbieter sollten die Leute auch darauf aufmerksam machen, dass es noch andere Fenster gibt, die minim teurer sind und besser gegen Einbrüche schützen.» Der Polizei-Berater hilft da übrigens nicht nur bei bestehenden Häusern. Man darf seine Hilfe auch schon beim Hausbau beanspruchen. Nicht immer aber wollen die Hausbesitzer das Geld investieren. «Wer Opfer wurde, will es dann schnellstmöglich und da wird das Nachrüsten teurer», weiss Graf von seinen mehreren hundert Besuchen, die er jährlich von Olten über Dornach bis nach Grenchen macht. Zu oft melden sich die Leute erst bei ihm, wenn es zu spät war.