Nachlass
Ein Sammlerleben wird nach Deutschland abgezügelt

Ein Hamburger Antiquariat übernimmt Tausende alte Bücher, Stiche und Zeitdokumente aus dem Nachlass des verstorbenen Solothurner Kunsthistorikers Paul L. Feser.

Urs Mathys
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Paul L. Feser im Jahr 2003 mit dem von ihm herausgegebenen Solothurner Schanzen-Album. Archiv: Oliver Menge

Paul L. Feser im Jahr 2003 mit dem von ihm herausgegebenen Solothurner Schanzen-Album. Archiv: Oliver Menge

Werden über 40 000 antiquarische Bücher, zahllose historische Stiche und Bilder sowie Tausende alter Ansichtskarten – der gesamte Nachlass des am 24. März verstorbenen Solothurner Kulturhistorikers Paul Ludwig Feser – ins Ausland verschachert? Tatsache ist, dass das Antiquariat Bräuer (Hamburg und Leipzig) bereits im kommenden Monat die in drei Solothurner Liegenschaften angesammelten Schätze abholen und nach Deutschland verfrachten wird.

Kann dieser «Kulturexport» wirklich im Sinne des 80-jährig verstorbenen eingefleischten Solothurn-Fans sein, der sich zeitlebens für den Erhalt hiesiger historischer Werte eingesetzt hat? Wird da nicht gar schnöde versucht, Raritäten möglichst schnell und einfach zu versilbern?

«Solche Fragen habe ich erwartet. Und wir haben alles vorgekehrt, damit solche Vorwürfe nicht berechtigt sind», kommt prompt die Antwort von Nachlassverwalter Max Flückiger. Der Solothurner Jurist war langjähriger Wegbegleiter von Paul L. Feser. Er beteuert, dass mit dieser Lösung viel mehr «die Gefahr gebannt werden konnte, dass zu viel Material in der Mulde landet». Gemäss Flückiger hatte man sich «intensiv – aber vergeblich – um einen Abnehmer in der Schweiz bemüht». Er habe die Bestände verschiedenen Antiquaren gezeigt, doch alle hätten schon nur angesichts der Masse letztlich abgewinkt. Komme dazu, dass der hinterlassene «Schatz» nicht ganz so wertvoll sei, wie man hätte meinen können, argumentiert Flückiger: «Dies auch deshalb, weil Feser ja nicht nur Sammler war, sondern mit diesem Material auch gehandelt hat.»

«Keine Existenzgrundlage»

Während der letzten Monate sei versucht worden, zumindest für das Antiquariat am Marktplatz eine Weiterführung zu ermöglichen. Doch, so Flückiger, biete ein solcher Betrieb heute kaum mehr eine ausreichende Existenzgrundlage. Dazu komme, dass es kein Inventar gebe: «Feser hatte alles im Kopf gespeichert, das war sein Computer. – Er wusste immer, wo was zu finden ist. Doch dieses Wissen nahm er mit ins Grab». Letztlich sei aber auch ungewiss gewesen, ob das Mietverhältnis für das Antiquariat verlängert werden könnte, weil ein Umbau der Liegenschaft geplant sei.

Unter diesen Umständen sei die Wahl schliesslich auf das deutsche Antiquariat Breuer gefallen, erklärt Nachlassverwalter Flückiger. Dieses Haus ist auf die Online-Vermarktung «wertvoller Bücher, Zeitschriften und Belege aller Art» (gemäss Eigenwerbung) spezialisiert und geniesst in der Branche einen guten Ruf. Über die konkrete Höhe der Kaufsumme will sich Flückiger nicht äussern. Von einem «Verschachern» und davon, dass der Profit ins Ausland abwandere, könne jedenfalls keine Rede sein. Mit einer Umsatzbeteiligungs-Regelung sei festgelegt worden, dass auch die gesetzlichen Erben – Cousinen und Cousins – des alleinstehend und kinderlos gebliebenen Feser «angemessen zum Zuge kommen».

«Solodorensia» für die Zenti

Vor allem aber, so versichert Max Flückiger, sei sichergestellt worden, dass «alles für die Region wertvolle Material der Region erhalten bleibt». Zuallererst seien nämlich die Zentralbibliothek und das Staatsarchiv eingeschaltet worden. So hätten mehrere Fachleute der Zentralbibliothek das Material auf in ihren Sammlungen noch fehlende «Solodorensia» durchforstet. Solche Bücher und Stiche seien der Zentralbibliothek «zu sehr bescheidenen Preisen verkauft» und der gesamte persönliche Nachlass Fesers – mehrere Bananenkisten füllend – zur späteren Auswertung abgetreten worden. Kistenweise Material wurde aber auch an die Bürgergemeinde Solothurn übergeben: «Alles, was auch nur im Entferntesten mit der Einsiedelei und der Verenaschlucht zu tun hat», wie Flückiger sagt. Über die Einsiedelei – eines jener Kulturdenkmäler, das Feser besonders am Herzen gelegen war – hatte der Kulturhistoriker eine seiner diversen Publikationen verfasst.

Paul L. Feser hat sich offensichtlich nie gefragt, geschweige denn geregelt, was mit seinem ganzen Nachlass dereinst zu geschehen hat. Diesbezüglich sei er beratungsresistent gewesen, erinnert sich Max Flückiger. So hat Feser zwar 1994 die «Stiftung für die Wiederherstellung solothurnischer Baudenkmäler» gegründet und mit 400 000 Franken dotiert. Deren Zielsetzung ist die Wiederherstellung einst abgerissener Bauten – wie etwa des 1877 geschleiften Berntors in der Solothurner Vorstadt. «Aber der Weiterbetrieb seines Antiquariats ist in der langen Liste der Stiftungszwecke nicht enthalten», betont Testamentsvollstrecker Flückiger. Er amtet übrigens seit 1994 nicht nur als Präsident der oben genannten Stiftung, sondern präsidiert auch die «Freunde der Zentralbibliothek».