Blasmusik
«Ein Riesenkrampf»: Kein Verein will das kantonale Musikfest organisieren

Zukunft der Blasmusik 2. Teil: Kein Verein will 2019 ein Kantonalmusikfest durchführen. Dafür ist aber Ende Juni ein Musikfestival in Olten angesagt.

Alois Winiger
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So gehts ab am «Woodstock der Blasmusik» in Ort im Innkreis in Österreich. Eine Aufnahme vom letzten Jahr.

So gehts ab am «Woodstock der Blasmusik» in Ort im Innkreis in Österreich. Eine Aufnahme vom letzten Jahr.

Klaus Mittermayr;zvg;

Andere Regionen – andere Töne: Im Wallis meldet die Musikgesellschaft Belalp-Naters, es sei für sie «eine grosse Ehre», das Kantonalmusikfest 2019 durchführen zu dürfen. 100 Musikvereine und 25'000 Besucher werden erwartet. Keine Frage: Ein Kantonalfest, egal für welches Vereinswesen, auf die Beine zu stellen, ist ein Riesenkrampf. Das bekommt der Solothurner Blasmusikverband einmal mehr zu spüren. Auf seinem Programm steht alle fünf Jahre ein Kantonales.

Nächstes Jahr wird aber keines stattfinden, weil kein Verein die Durchführung übernehmen kann oder will. Schon für 2014 wartete der Verbandsvorstand vergeblich auf eine Bewerbung. Schliesslich sprang dann die Vereinsmusik Kriegstetten mit einer Spontanbewerbung in die Bresche.

Damit das Jahr 2019 nicht ohne etwas «Kantonales» vorübergehen wird, ist für Ende Juni ein Musikfestival in Olten angesagt. Jedoch sei das, betont der Verband, kein Ersatz fürs Kantonalmusikfest. Was aber, wenn dieses Festival ein Erfolg und Lust auf mehr machen würde? Jedenfalls ist es diese Frage wert, die bisherigen Strukturen zu analysieren und über die Grenzen hinauszuschauen.

Blaskapellentreffen nehmen zu

Obwohl Musikschulen ein schwindendes Interesse bei einzelnen Instrumenten registrieren, Tatsache ist: Das Musizieren mit Blasinstrumenten ist beliebt wie noch nie. Das haben die unzähligen Guggenmusiken an der Fasnacht wieder vor Ohren geführt. Weitere Beispiele sind die vielen kleinen und grösseren Blaskapellen, Projektorchester, Streetbands und Bigbands, die in den letzten Jahren entstanden sind. Jugendmusikformationen haben Hochkonjunktur; die alljährlichen Lagerwochen sind beliebt, zu jener des nationalen Jugendblasorchesters und der nationalen Jugendbrassband kommt in diesem Jahr erstmals noch eine für eine nationale Jugendblaskapelle hinzu. Blaskapellentreffen nehmen zu, an Anzahl ebenso wie an Erfolg; ein aktuelles Beispiel lieferte der ausverkaufte Anlass der Bechburg Musikanten Oensingen von Mitte März. Festivals und Openairs mit Blasmusik aller Art und mit internationalen Top-Acts wie La Brass Banda, Blechhauf’n und Thomas Gansch sind im Kommen.

«Gänsehaut-Moment»

Ein Extrembeispiel ist das «Woodstock der Blasmusik» in Ort im Innkreis in Österreich. Es wird Ende Juni zum siebten Mal stattfinden, 100 Acts sind angesagt mit traditioneller Blasmusik über Jazz und Funk bis Reggae, 50 000 Besucher werden erwartet. Der Unterschied zu anderen Festivals ist hier, dass die meisten Besucher selber ein Blasinstrument spielen, es dabei haben und bei einem Gesamtspiel vor der Hauptbühne mitmachen. Das sei jeweils ein «Gänsehaut-Moment», berichten die Veranstalter. Und sie scheinen selber erstaunt über den Erfolg des Anlasses zu sein, heisst es doch auf der Homepage: «Was soll an Blasmusik so cool sein, dass Menschen Hunderte Kilometer Anfahrt in Kauf nehmen und sich eine halbe Woche lang in stickigen Zelten und engen Wohnwagen zusammenpferchen?»

Der Erfolg der genannten Anlässe lässt sich insofern erklären: Die Zeit ist beschränkt, du gehst keine Verpflichtung ein, keiner fragt, wie gut du spielst. Du kannst einfach dabei sein und Spass haben. Im Verein hingegen musst Du auch übers Jahr hinweg immer Einsatz geben, damit der Spass anhält. Und auch mal was spielen, das Du nicht so sexy findest. Immerhin: So ein Festival kann einen Anstoss geben, in einem Verein mitzumachen. Der Versuch des Solothurner Blasmusikverbandes mit dem Festival 2019 in Olten geht in diese Richtung.

Neue Pfade will auch der Aargauische Musikverband betreten und verkündet: «BlasmusikAargau goes live&together». Jeder Verein im Kanton ist aufgerufen, am Samstag, 5. Mai, von 10.30 bis 11.30 Uhr in seinem Ort ein Platzkonzert zu geben. Der Verband schreibt dazu: «Damit können wir Medien, neues Publikum und somit auch mögliche Neumitglieder, Beeinflusser und Geldgeber ansprechen.» Welchen Weg die Verbände auch gehen, der Erfolg liegt allein in den Händen der Musikantinnen und Musikanten. Im Wallis hat die Tradition des Kantonalmusikfestes noch Bestand. Wie sagte der englische Staatsmann und Humanist Thomas Morus (1478– 1535): «Tradition ist nicht das Halten von Asche, sondern das Weitergeben von Feuer.»