Sterbehospiz Solothurn
Ein «richtiger Ort» zum Sterben fehlt

Der öffentliche Anlass des Vereins Sterbehospiz im Alten Spital stiess auf grosses Interesse.

Gundi Klemm
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Rund 40 Prozent sterben in Spitälern, 40 Prozent in Heimen und nur 20 Prozent der Personen zu Hause. (Symbolbild)

Rund 40 Prozent sterben in Spitälern, 40 Prozent in Heimen und nur 20 Prozent der Personen zu Hause. (Symbolbild)

Keystone

Mit seiner Frage: «Wie wollen Sie sterben» sprach der im Juli 2016 gegründete junge Verein Sterbehospiz Solothurn existenzielle Überlegungen vieler Menschen zu ihrer letzten Lebensphase an. Zwar sind die Zeiten längst vorbei, in denen Sterbende einsam abgeschoben wurden. Viele Pflegeinstitutionen haben inzwischen liebevolle Rituale entwickelt.

Doch ein richtiger Ort, an dem Sterbeprozess und Abschied in Würde möglich sind, fehlt nach Ansicht der Initianten eines künftigen Sterbehospizes. «Akutspitäler sind Orte des Heilens und der Lebenserhaltung», betonte der Mediziner Daniel Preisig zur Einführung ins Thema. Die grosse Mehrheit der Menschen würde indes gerne zu Hause im vertrauten Umfeld sterben.

Im Alten Spital diskutieren zum Thema Sterbehospiz Solothurn (v. l.): Bruno Greusing, Kantonsarzt Christian Lanz , Vereinspräsidentin Linda Gasser, Christoph Cina, Christine Rindlisbacher und Moderatorin Barbara Käch.

Im Alten Spital diskutieren zum Thema Sterbehospiz Solothurn (v. l.): Bruno Greusing, Kantonsarzt Christian Lanz , Vereinspräsidentin Linda Gasser, Christoph Cina, Christine Rindlisbacher und Moderatorin Barbara Käch.

Hansjoerg Sahli

Der Tod wird ausgeklammert

Die Statistik zeigt aber, dass rund 40 Prozent in Spitälern, 40 Prozent in Heimen und nur 20 Prozent der Personen zu Hause sterben. «Unsere moderne, schnelllebige Gesellschaft und die weit fortgeschrittene Medizin haben den Tod aus dem Leben ausgeklammert», bedauerte Preisig eine vielerorts fehlende bewusste Vorbereitung auf das Daseinsende. Kurz erläuterte er verschiedene zum Tod führende Erkrankungen, die im Versagen einzelner Organe schliesslich den Gesamttod als ein im Herz-Kreislaufversagen beschriebenen Funktionsverlust bedingen.

Drei Standorte vorgeschlagen

Ins Auge gefasst ist laut Bruno Greusing ein Start des Sterbehospizes im Verlauf des kommenden Jahres. «Wir wollen diese wichtige Idee rasch in die Tat umsetzen.» Drei Immobilien wurden dem Verein angeboten, der aber gerne noch eine weitere Auswahl hätte. Die Finanzierung soll möglichst über professionelles Fundraising erfolgen. Die Betreuung im Sinne heutiger medizinischer Standards wird ein Team ausgebildeter Fachleute erfordern, die gerne laut Christine Gasser freiwillig Mitarbeitende mit Zeitressourcen einbeziehen. Nach Möglichkeit sollen Hausärzte ihre früheren Patienten zur Minderung von Schmerzen und Beschwerden im Hospiz weiterbetreuen. Bei entsprechendem Patientenwunsch könnte auch eine Sterbehilfeorganisation zugelassen werden. Doch vor allem sollte die Pflege «in Ruhe und wärmender Geborgenheit» Sterbende und ihre Angehörigen auf der letzten Wegstrecke begleiten. (gku)

Beleuchtet wurde das in den USA an bereits rund 200 Personen praktizierte Einfrieren Sterbender, die auf in Zukunft bahnbrechende Behandlungsmethoden warten wollen, und natürlich die hierzulande erlaubte und mit klaren Regeln ausgestattete Hilfe zur Selbsttötung von Suizidwilligen.

Einen Mangel in der Begleitung von Menschen an ihrem Lebensende erkannte auch Mediziner und Vereinsmitgründer Bruno Greusing und äusserte sich respektvoll gegenüber der Organisation «Exit». «Dennoch braucht es zum Sterben mehr Zeit, als geboten wird».

Gemeinsamen Weg finden

Patientinnen und Patienten spüren zumeist genau, wann ihre Lebenszeit abgelaufen ist und sie genug gelitten haben. Diese Einsicht müsse aber noch stärker in die Ausbildung medizinischer Fachpersonen integriert werden, befand der Referent, der auf bestehende Sterbehospize in Brugg, Basel und St. Gallen hinwies. Mediziner Christof Cina, Initiant und Präsident des vor sieben Jahren entstandenen Vereins «Palliative-so», zeigte anhand der Arbeit dieser mithilfe nationaler Strategie geförderten Bewegung, wie die Betreuung Schwerstkranker «vorausschauend» gehandhabt werden kann.

Die beiden, mit Lotteriegeldern unterstützten Pilotprojekte in den Altersheimen «Tharad», Derendingen, und «Park», Schönenwerd, sowie die Palliativstation im Kantonsspital Olten beweisen, wie wichtig dieses Konzept «palliative care» ist. «Ein eigentliches Sterbehospiz ist aber keine Konkurrenz zu Palliativ-Einrichtungen», befand er in der späteren Podiumsdiskussion, die von Barbara Käch moderiert wurde.

Eine «Herzensangelegenheit»

Ihre Motivation, sich für die Gründung eines Sterbehospizes einzusetzen, unterstrichen Vereinspräsidentin und Pflegefachfrau Linda Gasser sowie die Sterbe- und Trauerbegleiterin Christine Rindlisbacher in Betroffenheit und eigenen Erlebnissen. Das Verlassen der Welt sei immer ein individueller Vorgang, der würdevoll in Rücksicht auf den persönlichen Willen gestaltet werden müsse. Vielfältige Ängste, Streit und manche religiöse Vorstellung belasteten allzu häufig ein friedliches Loslassen.

Als eine «Herzensangelegenheit» beschrieb Christine Rindlisbacher den Betrieb eines Sterbehospizes. «Pflegende Angehörige gelangen unter den vielen Belastungen der letzten Phase häufig an ihr Limit. Auch ihnen sollte Ruhe und Kraft zum Abschiednehmen vermittelt werden.» Kantonsarzt Christian Lanz zeigte sich grundsätzlich begeistert von der Idee, ein Sterbehospiz aus der Mitte der Bevölkerung zu gründen. «Würde nämlich der Staat hier tätig, müsste er die entsprechenden Regeln und Vorschriften entwickeln.»

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sähen zwar neben Akutspitälern und Heimen keine Hospize dieser Art vor, doch wünschbar wäre eine derartige Struktur, die gemäss Hoffnung der Initianten mit parlamentarischer Unterstützung auch Teil der öffentlichen Gesundheitsversorgung wäre.

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