Zuckerwatte-Wohlfühl-Story
Ein paar Gedanken zu den Feiertagen: Es muss nicht alles schlecht sein, was nicht goldig glänzt

Balz Bruder
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Keine Zuckerwatte-Wohlfühlstory: Die Weihnachtsgeschichte, hier dargestellt in der Ambassadorenkrippe in der Jesuitenkirche Solothurn.

Keine Zuckerwatte-Wohlfühlstory: Die Weihnachtsgeschichte, hier dargestellt in der Ambassadorenkrippe in der Jesuitenkirche Solothurn.

Hanspeter Bärtschi

«Die Weihnachtsgeschichte ist keine Zuckerwatte-Wohlfühl-Story. Die Umstände der Geburt von Jesus sind im Gegenteil höchst prekär. Dem Volk geht es schlecht, Maria wird von ihrem Verlobten beinahe verstossen, Jesus unter primitivsten Bedingungen geboren. Kaum auf der Welt wird seine Familie zu Flüchtlingen. Das ist nicht das, was wir uns unter ‹Himmel auf Erden› vorstellen.

Es ist aber genau diese Wirklichkeit, in der Gott uns begleitet. Gott deckt das Unerhörte auf. Das ist Weihnachten. Gott schaut hin und wir schauen hin, damit die Verheissung wahr wird: Friede den Menschen auf Erden!»

Dies hat Bischof Felix Gmür zum Anfang der Adventszeit geschrieben. Und es stimmt seither jeden Tag noch ein bisschen mehr. Am meisten heute, an Heiligabend. Und da kommt einer und spricht in diesen düsteren Zeiten von Verheissung. Ein ziemlich starkes Stück, möchte man meinen, da sich Krethi und Plethi fragt, wie denn diese Tage, da man sich zum Gottesdienst anmelden muss und kein Licht in einer Gaststube brennt, zu überleben sind. Für die meisten in unserem Land, zum Glück, bloss im übertragenen Sinn. Aber der reicht manchmal auch, oder?

Weihnachten ist in diesem Jahr nicht nur keine Zuckerwatte-Wohlfühl-Story, nein, Weihnachten ist in diesem Jahr eine wahre Zumutung. Ist das schlimm? Nicht unbedingt. Vieles aus der Bibel offenbart sich zunächst eher als Abmahnung denn als Einladung. Weil sich die Worte nicht ohne weiteres erschliessen. Und wir uns den Weg zu ihnen bahnen müssen. Ebenso wie zu den Figuren und ihren Geschichten, auch zu jener von Maria und Josef und ihrem Kind.

Darin liegt, auch für Menschen, die an Heiligabend selbst dann nicht in die Mitternachtsmesse gingen, wenn sie könnten, die Herausforderung dieser Weihnachtstage. Die Herausforderung der Geschichte dieser Zeit, in der wir leben, anzunehmen. Auch wenn sie eine Zumutung ist. Weil es jenen, denen es gut geht, auch weiterhin gut gehen wird. Und es jenen, die schon vor der Krise am Abgrund standen, noch etwas tiefer in die Leere blicken.

Es ist eine unangenehme Wahrheit, dass von der Solidarität, die uns in der ersten Welle der Pandemie erfasste, nicht viel übrig geblieben ist. Und es ist auch eine Realität, dass sich unser Horizont zunehmend einengt. Auf das, was uns und die paar Menschen, die uns wirklich wichtig sind, betrifft. Der Rest bleibt aussen vor.

Das ist für eine hoch entwickelte Gesellschaft wie die unsere erstens ein schlechtes Zeichen und zweitens gefährlich. Schlecht, weil es auf Vereinzelung, Selbstbezug und Isolierung hindeutet. Gefährlich, weil es auflösend, zersetzend und desintegrierend wirkt. Gewiss, in der Krise ist sich jeder und jede selbst der oder die Nächste. Das ist richtig und gut, solange damit nicht nur die eigene Verteidigungslinie gezogen wird und mit dem Schutz von sich selbst auch der Schutz von anderen befördert wird – wie es in der Pandemie der Fall ist.

Schwierig wird es, wenn sich der Egoismus just zu dem Zeitpunkt Bahn bricht, da sich der Wert von Gemeinschaft über die Familie hinaus darin spiegelt, ob wir in der Lage sind, die schwächsten Glieder der Gesellschaft nicht durch die Maschen fallen zu lassen.

Das ist eine sehr weihnachtliche Botschaft. Aber auch eine, die über den Tag hinaus ins neue Jahr trägt. Denn die Erwartung, dass die Krise trotz weitreichender Einschränkungen des öffentlichen Lebens sowie eindrücklicher Fortschritte bei der Impfung so schnell gehen wird, wie sie gekommen ist, dürfte sich nicht erfüllen.

Es ist keine tröstliche Aussicht, aber es ist wohl so, dass wir das Schlimmste noch nicht überstanden haben. Das gilt für die Situation im Gesundheitswesen, das gilt für das öffentliche Leben, das gilt für die Wirtschaft, Kultur und Sport. Vor allem aber müssen wir uns darauf einstellen, dass die Zeit nach dem Höhepunkt der Pandemie nicht unbedingt einfacher wird.

Die Krise fordert uns persönlich viel ab, aber auch dem Staat und seinen Institutionen. Wir werden die Folgen der Pandemie in allen Lebensbereichen nicht einfach weglächeln können, sondern darüber hinaus einen hohen Preis für deren ökonomische Bewältigung bezahlen müssen. Das sollte uns schon heute bewusst sein, weil dannzumal neuerlich Solidarität statt Eigennutz gefordert sein wird.

Wie wäre es, wenn wir die Frohbotschaft von Weihnachten so deuteten: Machen wir uns im Bewusstsein des Wunders, das uns auch in diesem Jahr widerfährt, nicht grösser, als wir sind oder gern wären, damit wir das, was um und über uns ist, besser erkennen können. Es wäre dies gerade in Zeiten, da vieles furchtbar und unerträglich erscheint, ein Zeichen von Demut und Selbsterkenntnis, die Grenzen von wichtig und unwichtig neu auszuloten – und im Erkennen der eigenen Kleinheit die Bedeutung des grösseren Ganzen zu erkennen.

Wie sagte doch Bischof Gmür: «Die Weihnachtsgeschichte ist keine Zuckerwatte-Wohlfühl-Story.» Aber sie ist alles andere als eine Geschichte der Depression. Das spüren nicht nur jene, die heute das Privileg haben, in den Kirchenbänken zu sitzen, sondern auch jene, die aus der Verheissung dieser besonderen Nacht Hoffnung und Kraft schöpfen – für sich und für uns alle.