16 Monate nach Gründung
«Ein Mehrwert für jede Feuerwehr»: Präsident sieht Feuerwehrverband auf gutem Kurs

Eine lernende Organisation. So sieht Philipp Stierli als Präsident den Feuerwehrverband Kanton Solothurn 16 Monate nach der Gründung. Er erzählt, wie der FKSO wichtige Themen anpackt, womit die letzten Skeptiker überzeugt werden sollen und warum die Ehrung für 25 Dienstjahre einen Meilenstein darstellt.

Interview: Daniela Deck
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Verbandspräsident Philipp Stierli ist Feuerwehrkommandant in Olten.

Verbandspräsident Philipp Stierli ist Feuerwehrkommandant in Olten.

Patrick Lüthy

Was ist im neuen Feuerwehrverband heute anders?

Philipp Stierli: Anliegen von der Basis kommen schneller in den Vorstand und umgekehrt, und zwar dank unserer Arbeitsgruppen in allen Bereichen. Die Ablösung der alten Bezirksstrukturen war eine emotionale Sache. Schliesslich waren diese über Jahrzehnte gewachsen; die Leute hängen an ihren vertrauten Seilschaften.

Es gibt einzelne Feuerwehren, die dem Verband (noch) nicht beigetreten sind. Welche sind es?

Zu einzelnen Feuerwehren äussere ich mich nicht. Ich bin überzeugt, dass der FKSO jeder Feuerwehr im Kanton einen Mehrwert bietet. Aus diesem Grund würde es mich freuen, in naher Zukunft auch die beiden letzten Feuerwehren im Feuerwehrverband Kanton Solothurn zu begrüssen.

Modell überzeugt: 81 von 84 Feuerwehren sind dabei

Von den 84 Feuerwehren im Kanton sind 81 beim Feuerwehrverband Kanton Solothurn (FKSO) dabei. Zu den Ausnahmen gehört die Feuerwehr Lohn-Ammannsegg. Es ist nicht so, dass man dort auf das Dasein als Einzelkämpfer setzt. Doch die allmähliche Ablösung der einst aktiven Bezirksfeuerwehrverbände durch das Engagement der Gebäudeversicherung (SGV) und das Interkantonale Feuerwehrausbildungszentrum (IFA) machte den Vorstand skeptisch gegenüber sinnleeren Verbandsaktivitäten.

«Nur für ein gemeinsames Mittagessen brauchen wir nirgends beizutreten. Ein Verband macht nur Sinn, wenn er den Mitgliedern einen Mehrwert bietet, bei der Bildung oder der Materialbeschaffung», sagt Kommandant Stefan Kocher pointiert. Im alten Kantonalverband war die Feuerwehr Lohn-Ammannsegg ursprünglich Mitglied gewesen, durch die Sektion Wasseramt. Als die Bezirksfeuerwehrverbände nicht mehr für Aus- und Weiterbildung verantwortlich zeichneten, gab Lohn-Ammannsegg vor vier Jahren den Austritt. Bei der FKSO-Gründung letztes Jahr wollte der Vorstand erst sehen, wie sich die Sache entwickelt.

Das neue Modell mit den vier ständigen Arbeitsgruppen und der personellen regionalen Verankerung überzeugte die Feuerwehr, mitzumachen. Gern wäre Lohn-Ammannsegg diesen Frühling beigetreten, doch natürlich fand die Delegiertenversammlung im März coronabedingt nicht statt. Auch aus der Verschiebung in den August wurde nichts, so dass die Lohn-Ammannsegger noch immer vor der Tür stehen. Sie setzen ihre Hoffnung für den Beitritt nun auf die schriftliche Durchführung der DV im Herbst. Kommandant Kocher ist zuversichtlich: «Wir sehen Licht am Ende des Tunnels.» (dd)

Welche Rolle spielen die Arbeitsgruppen?

Bei der Gründung Ende März 2019 haben wir vier ständige Arbeitsgruppen mit je fünf Personen eingesetzt: Ausbildung, Information, Personal und Technik. Wenn immer möglich ist jede Region (Nord, Ost, West, Mitte) in jeder Arbeitsgruppe vertreten. Die Arbeitsgruppen verfolgen eigene Projekte. Bei der Technik ist das zum Beispiel die jährliche Prüfung aller Elektrogeräte der Feuerwehren. Es wird nie so weit kommen, dass wir etwas vorschreiben. Unsere Aufgabe ist es, die Mitglieder zu entlasten, indem wir sinnvolle Rahmenbedingungen schaffen. Man darf nicht vergessen: Alle Solothurner Feuerwehren sind Milizorganisationen, auch wenn die grossen teilweise Angestellte beschäftigen.

Was wurde bisher schon erreicht?

Das erste Betriebsjahr war schwierig, nicht nur wegen Corona. Angelaufen ist ein Projekt zur Personalrekrutierung, aber das müssen wir erst unseren Mitgliedern präsentieren, ehe die Zeitung darüber berichtet. Es bringt auch nicht jedes Projekt den erhofften Erfolg: Das hat uns vor kurzem das Bemühen gezeigt, für die Chauffeurausbildung bestimmte Konditionen mit den Lastwagenfahrschulen auszuarbeiten. Es hat sich herausgestellt, dass die Mitglieder in dieser Frage lieber individuell verhandeln.

Wie wollen Sie sich der Öffentlichkeit präsentieren?

Ein Pfeiler des öffentlichen Auftritts soll die Ehrung der 25-jährigen Feuerwehrzugehörigkeit werden. Unsere verdienten Mitglieder mit ihrer Routine und Erfahrung sind unser wertvollstes Kapital. Wir hatten einen Anlass im Solothurner Rathaus mit Frau Landammann Brigit Wyss geplant. Künftig soll dieser Anlass jedes Jahr stattfinden. Nächstes Jahr werden dann zum Auftakt zwei Jahrgänge geehrt.

«Verhebt» die Feuerwehr im Kanton?

Ja! Was die Qualität unserer Arbeit und Ausbildung angeht, spielen wir schweizweit gesehen oberhalb der Mitte. Das hat sich auch in der Krise gezeigt. Obwohl keine Feuerwehr mehr üben konnte, war jede Einheit zu jeder Zeit einsatzfähig.

Ich hätte nicht gedacht, dass es für die Feuerwehren viel zu tun gab im Frühling, nicht einmal für die Herznotgruppen.

Wir sind noch dabei, uns einen Überblick zu verschaffen. Deshalb kann ich in dieser Frage nur für meine Feuerwehr Olten sprechen. Im März und April war tatsächlich fast nichts los. Erst im Mai, Juni hat es angezogen. Jetzt sind wir wieder beim Durchschnitt angelangt.

Wo sehen Sie Potenzial für Verbesserungen?

Analog zum Rest des Landes haben wir zwei grosse Herausforderungen: die Tagesverfügbarkeit und die Anzahl der Kaderangehörigen. Es genügt ja nicht, die Kaderleute auszubilden, wir müssen sie à jour halten, und vor allem sollte der Aufwand nicht ständig zunehmen.

Wie sieht es aus beim Nachwuchs?

Die meisten Feuerwehren können genügend Personen rekrutieren. Leider hört fast die Hälfte nach kurzer Zeit auf, und das ist ein grosses Problem. Denn es braucht etwa fünf Jahre Training und Übungen, bis jemand genügend Routine hat und die Mannschaft sich in jeder Lage auf ihn oder sie verlassen kann. Darum sind unsere langjährigen Mitglieder von unschätzbarem Wert.

Wie steht es um die Aus- und Weiterbildung?

Aus meiner Sicht ist der Ausbildungsstand unserer Feuerwehrmänner und -frauen gut bis sehr gut, dank der Ausbildung in den Feuerwehren und vor allem durch das Kursangebot der Solothurnischen Gebäudeversicherung. Wir stehen auch mit Thomas Blum vom Einwohnergemeindeverband permanent in Verbindung. Diese Konstellation stellt sicher, dass wir unsere Kraft in Projekte investieren, die den Gemeinden und dem Kanton dienen.

Findet die Feuerwehr zu den Frauen?

Wir dürfen uns über immer mehr Frauen freuen. Landesweit sind es zehn Prozent. Ich könnte mir vorstellen, dass die Quote im Solothurnischen höher ist. Wir haben eine Kommandantin in Däniken und mehrere Frauen im Rang eines Offiziers. In Olten ist die Frauengarderobe, die wir erst vor drei Jahren erweitert haben, schon wieder zu klein.

Der Verband ist in vier Regionen aufgeteilt: Nord, Ost, West und Mitte. Gibt es geografisch spezielle Herausforderungen?

Der Norden hat aktuell kein Vorstandsmitglied. Die Interessen der Region werden interimistisch von Thomas Maritz, Grenchen, vertreten. Abgesehen davon sind die Herausforderungen überall ähnlich.

Gebäudeversicherung als Partner

Klare Strukturen Für die Solothurnische Gebäudeversicherung (SGV) bedeutete der Neustart des Feuerwehrverbands letztes Jahr eine Erleichterung. «Dank dem Feuerwehrverband haben wir einen konkreten Ansprechpartner mit klaren Strukturen», sagt SGV-Direktor Markus Schüpbach.

Der Gründung sei eine zweijährige Phase der Vernehmlassung zu den gegenseitigen Bedürfnissen vorausgegangen. Der bisherigen Zusammenarbeit stellt Schüpbach ein gutes Zeugnis aus. Dank dem Einsitz von Feuerwehrinspektor Markus Grenacher im Vorstand des Verbands und je eines Mitarbeiters der Abteilung «Feuerwehr» der SGV in den einzelnen Arbeitsgruppen, funktioniere die Zusammenarbeit und die Kommunikation gut. Die SGV unterstützt den Verband mit einem jährlichen Beitrag von 13000 Franken (dieser Betrag wurde bereits an den alten Verband gezahlt). Auch für Materialbeschaffung, Rekrutierung, Marketing und Ausbildung kann der Feuerwehrverband auf die SGV zählen.

«Die Feuerwehr fällt ins Hoheitsgebiet der Gemeinde», betont Schüpbach. «Wir stellen jedoch sicher, dass bei der Aus- und Weiterbildung der Feuerwehrleute die Qualität stimmt, adäquates Material eingesetzt wird und die einzelnen Organisationen die Aufgaben erfüllen können.»
Ein Versprechen, das eingelöst wird, hat die Feuerwehrkoordination Schweiz das Solothurner Ausbildungskonzept doch als eines der ersten landesweit vor drei Jahren mit ihrem Qualitätslabel ausgezeichnet. Entsprechend stolz ist der SGV-Direktor darauf, dass Solothurn mit dem Interkantonalen Feuerwehrausbildungszentrum in Balsthal eine Infrastruktur und Organisation zur Seite hat, die international zu den besten gehört. (dd)