Tour de Publifon
Ein letztes «Hallo» aus der Telefonkabine

Telefonkabinen sind kaum mehr gefragt, nicht mehr rentabel und werden von der Swisscom zunehmend in den Ruhestand geschickt . Eine Tour de Publifon im Kanton.

Ornella Miller
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Die Tage der letzten Telefonkabinen im Lande sind gezählt. (Archiv)

Die Tage der letzten Telefonkabinen im Lande sind gezählt. (Archiv)

Keystone

Eingebettet in ländlicher Idylle steht sie zurückversetzt von der Hauptstrasse. Mein Besuch gilt der Telefonkabine bei der Post in Messen. Üppiges Grün überall, Geranien grüssen lieblich. Doch selbst hier ist die Strasse viel befahren, die Landluft ist mit Benzin und Diesel übertönt. Ein kleines Mädchen geht vorbei, sein Handy lässig in die hintere Hosentasche gesteckt. Die Messener Telefonkabine ist gemäss Swisscom das am wenigsten genutzte Publifon des ganzen Kantons. Wie wenig, darüber gibt die Swisscom keine Auskunft.

Informationen bleiben spärlich und allgemein. Doch klar ist: Es ist eine Telefonkabine, der das Aus droht. Denn der Bundesrat hat entscheiden, dass die Swisscom keinen Grundversorgungsauftrag für Publifone mehr zu erfüllen hat. Ab 2018 kann sie die öffentlichen Sprechzellen aus dem Verkehr ziehen. Derzeit sei man an der Detailplanung, sagt Swisscom-Sprecherin Sabrina Hubacher. «Die Swisscom wird den Restbestand wie seit Jahren weiter reduzieren. Der Rückbau hängt von mehreren Faktoren wie Rentabilität, internen Ressourcen oder Entwicklungen im Netz ab.»

Noch nie jemanden gesehen

Das Telefon in Messen mit der Nummer 031 765 53 98 hat da bestimmt schlechte Karten, obwohl es derzeit noch zu jenen in der Grundversorgung gehört wie 74 der 82 öffentlichen Solothurner Publifone.

Neutrale Luft mit einem Hauch frisch betoniertem Zement: Diese Telefonkabine in Messen ist die am wenigsten genutzte im Kanton.

Neutrale Luft mit einem Hauch frisch betoniertem Zement: Diese Telefonkabine in Messen ist die am wenigsten genutzte im Kanton.

Ornella Miller

An diesem Nachmittag suchen zahlreiche Kunden die Poststelle in Messen auf. Doch keiner beachtet die Telefonkabine. «Mich selber betrifft der Abbau nicht», lacht ein 30-jähriger Mann mit einem Brief in der Hand. Er habe noch nie jemanden in der Kabine gesehen. «Der Ort hier ist wohl zu wenig frequentiert», so seine Erklärung. «Früher wohnte ich in Lyss, da sah ich am Bahnhof regelmässig viele Leute in der Telefonkabine telefonieren. Eigentlich erstaunlicherweise.»

Heutzutage hätten wohl fast alle ein Handy. «Als ich noch kein Natel besass, machte ich öfters von Telefonkabinen Gebrauch», sagt er mit einem Schmunzeln, hinter dem Erinnerungen stecken. Zwei mit Paketen beladene Dorfbewohnerinnen erklären, sie hätten «schon ewig lange» niemanden mehr da drin gesehen. «Die Kabine ist wohl etwas zu versteckt», sagt die eine. Eine ältere Frau aus dem benachbarten Wengi findet: «Für manche ist eine Telefonkabine wohl noch gäbig, auch wenn ich sie selber nicht brauche.» Als sie noch kein Handy besass, benutzte sie ab und zu eine: «Zum Beispiel, als ich meinem Mann von meiner Autopanne erzählen wollte.»

Öffnet man die einsame Kabine, strömt einem neutrale Luft entgegen, mit einem Hauch frisch betoniertem Zement. Der Boden erscheint recht neu, bloss an einer Stelle hat es einen Tretfleck vom vielen Herumstehen. Einige Reste Zigarettenasche sind verstreut, daneben liegt eine Plastikfolie, in der wohl mal eine Taxcard steckte. Ein Aufkleber an der Wand ist der einzige Vandalenakt. «Manchmal sehe ich schon noch Leute da drin», berichtet Catherine Stähli, Angestellte der Messener Post, «vor allem abends, die Leute führen längere Gespräche. Es sind etwa Polen und Deutsche, die im hiesigen Gasthof arbeiten.» Für Ausländer ist es wegen der Roaminggebühren oft günstiger, mit Publifonen zu telefonieren als mit dem Handy. Stähli erlebte als Posthalterin, dass sich das Telefon noch bis vor zwanzig Jahren in der Postfiliale befand. Oft rauchten die Kunden darin. Früher habe sie selber die Kabine geputzt. Das erledige nun ein spezieller Service.

Das hässliche Entlein nebenan

Das nächste Ziel ist das meistbenutzte öffentliche Publifon des Kantons. Ob da Kunden Schlange stehen? Die Hauptstrasse ist verkehrsreich, lärmig. Leute eilen gestresst von A nach B. Während der Wind durch die Strasse fegt, ist es in der abgewinkelten Passage der Ringstrasse in Olten erstaunlich ruhig. Zwar ist der Durchgang düster, doch hat es just bei der eingebauten Telefonkabine Oberlichter. «Post 3» heisst die Stelle.

Urinspuren und Überreste von Erbrochenem: Diese Telefonkabine in Olten ist die am häufigsten genutzte im Kanton.

Urinspuren und Überreste von Erbrochenem: Diese Telefonkabine in Olten ist die am häufigsten genutzte im Kanton.

Ornella Miller

Das Publifon mit der Nummer 062 212 31 99 hat sein Brüderchen nebenan schon verloren: Die eine Kabine ist leer. Zwei Frauen putzen die Glaswände der Krankenversicherung nebenan, blitzblank und streifenfrei. «Wir sind schon seit Mittag hier und seither ging niemand in die Kabine», erklären sie. Also war da stundenlang Flaute. Ab und zu gehen Passanten achtlos vorbei. Wie ein hässliches Entlein wirkt die verschmierte Telefonkabine neben dem polierten Versicherungsglas. Es duftet frisch nach Reinigungsmittel. Ein Griff zur Kabine. Ein Blick hinein. Uringeruch steigt in die Nase. In einer Ecke ist eine Urinspur am Boden. An anderer Stelle kleben trockene Überreste von Erbrochenem.

Die einst weissen Wandplatten weisen Schmutzspuren auf, Rinnsale von Dreck. Eine Wandplatte ist beschädigt. Auch hier liegt eine Plastikfolie, in der wohl mal eine Taxcard steckte. Ein Mann kommt aus einem der Geschäfte, steht vor die Kabine und raucht eine Zigarette. Er arbeitet im Schmuckladen. Sieht er manchmal Leute da drin? «Ja, vor allem Junkies. Früher lagen Drogenutensilien drin herum, nachdem der Verwaltung Meldung erstattet wurde, hat sich die Situation verbessert.» In diesem Publifon kann man nicht nur mit Karten telefonieren wie in Messen, sondern auch mit Münzen in Franken und Euro. Im nahen Kiosk sagt die Aushilfs-Verkäuferin, dass sie fast nie Taxcards verkaufe. Gerade kauft eine Inderin mit Bindi auf der Stirn das Handy-Guthaben eines Telekomanbieters, welcher bekannt ist für günstige Auslandsgespräche.

Das letzte Souvenir

Taxcards werden auch sonst kaum mehr verkauft. In der Messener Post verkaufte Frau Stähli jahrelang keine, doch kürzlich wieder einmal eine. In den Lebensmittelshops beider Solothurner Bahnhöfe sind es ein bis zwei Karten à 10 Franken pro Woche, sagen die Angestellten. Käufer seien vor allem ältere Leute. Frau Jenni vom Kiosk am Bieltor in Solothurn meint: «Wir führen Taxcards schon lange nicht mehr im Sortiment. Sie wurden nicht mehr nachgefragt.» Aber: «Die Leute bitten ab und zu um mein Handy. Die Telefonkabinen wären für manche schon noch wichtig, für den Notfall.»

Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 52 Millionen Verbindungen sind laut dem Bundesamt für Kommunikation im Jahr 2005 aus Telefonkabinen hergestellt worden. Zehn Jahre später, 2015, waren es noch 5 Millionen Verbindungen. Nicht nur die öffentlichen Publifone verschwinden, sondern auch die privaten in Einrichtungen wie Hotels und Spitälern.

Swisscom-Sprecherin Sabrina Hubacher: «Swisscom bietet private Publifone künftig nicht mehr an. Der verbleibende Restbestand wird weiter reduziert. Für spezifische Einrichtungen wie Gefängnisse oder Asylzentren, in denen das Mobiltelefon keine Alternative ist, wird Swisscom Alternativlösungen anbieten.»

Bei der schmuddeligen Kabine beim Solothurner Westbahnhof werfe ich erstmals seit dreissig Jahren – damals auf Wohnungssuche in einer fremden Stadt – wieder eine Münze in so einen Apparat. Mit leichter Panik, nicht genügend Kleingeld zur Hand zu haben, um nachzuzahlen. Ich überwinde meinen Ekel vor den verschmutzten Tasten und wähle meine Handynummer an. Es dauert. Doch dann klingt Musik aus dem Handy. Ich gehe ran und rede ein wenig mit mir selber. Schon bald muss ich etwas nachzahlen (Stress!), dann lege ich den Hörer auf. Es hat geklappt! Zu guter Letzt noch eine SMS vom Publifon auf mein Handy tippen. Beim zweiten Versuch gelingt es, davor schlug der Versand jedoch fehl. Ein Souvenir! Vielleicht eine der letzten Gelegenheiten, eine Trophäe dieser veralteten Kulturtechnik zu ergattern. «Hallo» schreibt mir das Publifon mit der Nummer 032 622 11 99.