Kindesmissbrauch
Ein Leben lang gezeichnet: Wie gehen Betroffene mit Missbrauch im Kindesalter um?

Die heute 44-jährige Alexandra hat in ihrer Kindheit Schlimmes erlebt. Jahrelang wird sie von einem Onkel missbraucht und niemand merkt etwas. Was ihr passiert, bringt sie zu Papier. Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit will sie anderen, denen Ähnliches widerfahren ist, den Mut geben, sich Hilfe zu holen.

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Alexandra wurde von ihrem Onkel missbraucht. Als sie fünf Jahre alt ist, beginnen die Übergriffe. Niemand aus der Familie bemerkt etwas. Dass da etwas Schlimmes mit ihr passiert, realisiert Alexandra erst mit der Zeit.

Es sei viel mehr gewesen, als nur ein harmloses Spiel, hier sei etwas passiert, dass man eigentlich erst als Erwachsene haben sollte. So beschreibt die 44-jährige Solothurnerin gegenüber Tele M1 ihre jahrelangen traumatischen Erlebnisse.

Übergriffe verjährt

Mit zwölf vertraut sich Alexandra ihrer Mutter an. Diese sorgt von da an dafür, dass sie nicht mehr mit dem Onkel alleine ist. Die Übergriffe verjähren aber schliesslich und der Onkel kommt straffrei davon. Heute lebt er nicht mehr.

Um diese Geschehnisse zu verarbeiten, bringt Alexandra sie zu Papier. Sie zeichnet die Übergriffe. Diese Bilder anzuschauen, braucht auch heute noch Kraft und jagt ihr Schauer über den Rücken. Denn sie kennt die Details auf den Bildern. Sie weiss, dass sie das ist und das Gezeichnete einfach nicht sein kann und darf.

Sehr grosse Dunkelziffer

Die Dunkelziffer ist riesig. Laut einer Studie der «Optimus Foundation» sollen 20 bis 30 Prozent der Kinder von sexuellem Missbrauch betroffen. Sicher ist: Verlässliche Zahlen gibt es so gut wie keine. Andere Studien gehen davon aus, dass jedes siebte Kind in der Schweiz schon einen sexuellen Übergriff erlebt hat.

Je nach Schwere der Übergriffe haben diese immense Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder. Susanne Nielen Gangwisch von der Beratungsstelle Opferhilfe AG/SO erklärt gegenüber Tele M1: «Kinder, die Missbrauchsopfer sind oder waren, haben gelernt, dass ihre Grenzen überschritten wurden. Ihr Nein zählt nicht und ihre Wünsche zählen ebenso nichts.»

Die Gefahr sei, dass sie sich auch in ihrem späteren Leben immer wieder Anderen unterordnen. Schlimmstenfalls würden sie weiter ausgenutzt werden. Insbesondere weil ihr Selbstwertgefühl nicht so stabil sei, wie bei anderen Menschen.

Auch Alexandra kennt dies nur zu gut. Eine normale Beziehung zu ihrer Sexualität ist für sie bis heute nicht möglich.

Fast zwanzig Jahre geht sie in eine Therapie und auch heute noch besucht sie eine Selbsthilfegruppe, was ihr hilft mit den Geschehnissen umzugehen. Wie sie Tele M1 berichtet, sei sie froh, diesen Schritt getan zu haben.

Für Alexandra ist klar: «Diese Taten gehören für mich in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft. Trotzdem sind sie ein Teil von mir.»

Sie will mit ihrer Geschichte die Öffentlichkeit auf das Tabuthema «Sexueller Missbrauch» aufmerksam machen und vor allem Anderen den Mut geben, sich Hilfe zu holen. (coh)

Wann verjährt ein sexueller Missbrauch?

Seit dem 1. Januar 2013 verjähren sexuelle und pornografische Straftaten an Kindern unter 12 nicht mehr.

Am 30. November 2008 nahm das Volk die «Unverjährbarkeitsinitiative» mit 51.9 % der Ja-Stimmen an. Diese forderte einen Verfassungsartikel 123b, welcher die «Unverjährbarkeit der Strafverfolgung und der Strafe bei sexuellen und bei pornografischen Straftaten an Kindern vor der Pubertät» festschrieb.

Zuvor lag die Verjährungsfrist von sexuellen Handlungen und weiteren schweren Straftaten gegen unter 16-jährige Kinder in jedem Fall beim 25. Altersjahr des Opfers.

Grund für die Initiative war unter Anderem die Tatsache, dass Opfer, welche im Kindesalter Sexualdelikte erleben, je nach dem mehr Zeit benötigen, um das Erlittene zu verarbeiten und über eine Anzeige entscheiden zu können.

Sexuelle und pornografische Straftaten an Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren verjähren nach 15 Jahren. Die Verjährung tritt aber nicht vor dem vollendeten 25. Altersjahr des Opfers ein.

Für Jugendliche und Erwachsene verjähren die Taten nach 15 Jahren.(humanrights.ch/StGB/coh)