«Day Zero»

Ein Langendörfer lernt als «Zivi» in Südafrika die Folgen der Dürre kennen

Simon Berger aus Langendorf lernt den Begriff «Day Zero» während seines Zivildienstes in Südafrika kennen. Er hat den «Kouga-Damm» in Jeffreys-Bay besucht, wo Wasserknappheit nicht nur ein Begriff, sondern Realität ist.

Der Kouga-Damm liegt eineinhalb Autostunden von Jeffreys Bay entfernt, meinem Einsatzort für den Zivildienst in Südafrika. Die letzten fünf Kilometer führen über eine schmale Schotterstrasse. Bis dahin ist die Welt noch in Ordnung. Man steigt aus dem Auto und lässt seinen Blick auf die Wasserreserven des Kouga-Gebietes fallen beziehungsweise auf das, was davon übrig geblieben ist. Sofort erkennt man die Ernsthaftigkeit der Wasserknappheit. Drei Jahre ohne signifikanten Regen haben die Reserven des Kouga-Damms auf 10,4 Prozent seiner Kapazität schrumpfen lassen. Der niedrigste Stand seit seiner Erbauung im Jahre 1969. Tendenz sinkend.

Viele Gebiete ohne Alternative

In Jeffreys Bay liegt der Verwaltungssitz der Kouga-Gemeinde, die sieben Städte und mehrere Dörfer zusammenfasst. Man spürt sofort, dass Bürgermeisterin Elsa van Lingen die Wassersituation mit grossem Engagement und Interesse verfolgt. Was als Interview gedacht war, endet als Monolog ihrerseits. Schnell bin ich sprachlos von der Komplexität der Situation. Ich habe mir eine Wasserknappheit weniger problematisch vorgestellt. «Day Zero gibt es nur für die beiden Städte Hankey und Patensie und die umliegende Landwirtschaft», erklärt van Lingen.

Da Jeffreys Bay und andere Städte im September 2017 damit begonnen haben nach Grundwasser zu bohren, sind sie nicht vom Wasser des Kouga-Damms abhängig. In Hankey und Patensie jedoch, wo das Grundwasser leicht salzig sei, war man bisher erfolglos. Diese alternativlose Abhängigkeit vom Wasser des Kouga-Dammes führt nun zwangsläufig zum «Day Zero», dem konkreten Zeitpunkt, an dem das Wasser ausgehen wird. Wenn dieser Tag kommt, werden 60'000 Menschen keinen unmittelbaren Zugang zu Wasser haben.
Wasser wird sogar «gehamstert»

Die marode Infrastruktur mit 38 Prozent Wasserverlust und das fehlende Bewusstsein der Bevölkerung im Umgang mit Wasser verschärfen die Situation zusätzlich. Trotz Zeitungsartikeln und Fernsehansprachen, welche die Bevölkerung dazu aufrufen sollten, höchstens 80 Liter Wasser pro Tag und Kopf zu verbrauchen, ist der Wasserverbrauch viel zu hoch. In Hankey werden zurzeit 131 Liter pro Kopf, in Patensie gar 237 Liter pro Kopf verbraucht. Wohlhabende Menschen können es sich leisten, Wasser in grossen Tanks zu horten, um sich selber auf «Day Zero» vorzubereiten. Dieses unsolidarische Verhalten unterstreicht die absurden sozialen Unterschiede Südafrikas. Je mehr die Reichen horten, desto weniger bleibt für die Armen übrig.

Doch wie kommen die beiden Städte zu Wasser, wenn der Kouga-Damm austrocknet? Die Antwort ist simpel und ernüchternd. Von Orten mit Grundwasservorkommen werden Hankey und Patensie mittels Lastwagen mit Wasser beliefert werden. Diese letzte Massnahme wird aufwendig und kostspielig. Schätzungsweise 1 Million Rand pro Tag – rund 80'000 Franken. Doch die finanziellen Mittel der Gemeinde sind beschränkt. Am 31. Mai 2017 hat Bürgermeisterin van Lingen der Bezirksregierung beantragt, die Situation offiziell als Dürre zu klassifizieren, was Massnahmen wie Wassertransporte und Bohrungen nach Grundwasser finanziell freistellen soll.

Erst sechs Monate später, am 4. Dezember, kam die Bezirksregierung dieser Forderung nach. Eine Klassifizierung ist – im Unterschied zur Erklärung – jedoch nur eine inhaltsleere Floskel und setzt für die Kouga-Gemeinde kein Geld frei, um die erforderlichen Massnahmen nach «Day Zero» zu treffen und auch zu finanzieren. Mit ihrem Gesamtbudget von 23 Millionen Rand – rund 1,8 Millionen Franken – könnten somit 23 Wochen Wasser transportiert werden. Zusätzlich kommen noch Kosten für Bohrprojekte nach Grundwasser.

Landwirtschaft am Abgrund

«Unsere grösste Sorge ist jedoch die Landwirtschaft», gibt Bürgermeisterin van Lingen zu bedenken. Die Bauern mussten ihren Wasserverbrauch um 60 Prozent reduzieren. Im Kouga-Gebiet werden im grossen Stil Zitrusfrüchte für den Export angebaut. Die zur Verfügung stehende Wassermenge reicht nicht aus, um die Pflanzen richtig zu bewässern. Dies führt zu einem langsamen Absterben der Nutzpflanzen. Bienensterben, Arbeitslosigkeit und somit negative Auswirkungen auf die Gesellschaft werden die Folge davon sein.

Die Lage im Kouga-Gebiet ist nur ein Beispiel von vielen in diesen trockenen Zeiten in Südafrika. Die Wasserreserven schrumpfen pro Woche um ein Prozent. Mit 10,4 Prozent seiner momentanen Kapazität dauert es also noch gut 10 Wochen. In den letzten Tagen hat es vermehrt kurze Schauer gegeben, doch diese lösen das Problem nicht. Es ist nur ein Hinauszögern des «Day Zero». Es heisst also weiter hoffen und beten für grossen, andauernden Regen, der die Situation endlich besser machen würde.

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