Chefin geht in Pension
«Ein Kraftakt»: Solothurner Organisation hilft jungen Erwachsenen aus der Sozialhilfe

Junge Menschen aus der Sozialhilfe begleiten – das ist das Ziel der Solothurner Vereinigung für Erwachsenenbildung. Die komplexe Aufgabe wurde in den letzten Jahren noch schwieriger. In dieser Zeit wurde Nora Sommer Geschäftsführerin. Jetzt geht sie in Pension.

Noëlle Karpf
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Nora Sommer geht am 10. April in die Pension. Rund ein Jahr stand sie der Solothurner Vereinigung für Erwachsenenbildung vor.

Nora Sommer geht am 10. April in die Pension. Rund ein Jahr stand sie der Solothurner Vereinigung für Erwachsenenbildung vor.

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Einen Kraftakt nach dem anderen. Das hielten die letzten beiden Jahre für Nora Sommer bereit. Die 60-Jährige aus Günsberg steht der Solothurnischen Vereinigung für Erwachsenenbildung SOVE vor. Zumindest noch einige Tage – am 10. April geht sie in Pension. Zuvor blickt die Erwachsenenbildnerin noch einmal zurück auf die Zeit als Geschäftsleiterin, während der die Vereinigung stark durchgerüttelt wurde. «Viel Herzblut» habe sie dafür eingesetzt, sagt sie. «Ohne das wäre es gar nicht gegangen.»

Das Hauptziel der Organisation besteht darin, junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren auf dem Weg aus der Sozialhilfe zu coachen. Das ist seit zwölf Jahren so. Geändert haben sich dafür so einige andere Dinge im und um den Verein. 2018 verstarb der damalige Geschäftsführer aufgrund einer Krankheit. «Viel zu früh», sagt Sommer – noch vor der ordentlichen Pensionierung. Sommer arbeitete seit 2015 als Coach bei der Vereinigung. «Von einem Tag auf den anderen» wurde sie 2017 dann auch noch Geschäftsführerin.

Das ist die neue Geschäftsführerin Per 11. April übernimmt Silvia Felber die Geschäftsleitung der Solothurner Vereinigung für Erwachsenenbildung. Sie ist eidgenössisch diplomierte Ausbildnerin und hat seit 2015 bei der Organisation gearbeitet. Sie strebt nun noch eine Ausbildung im Bereich von nicht-gewinnorientierten Organisationen an und wird in einem 70-Prozent-Pensum in Solothurn arbeiten. Dazu gehört nach wie vor die Begleitung junger Erwachsener.

Das ist die neue Geschäftsführerin Per 11. April übernimmt Silvia Felber die Geschäftsleitung der Solothurner Vereinigung für Erwachsenenbildung. Sie ist eidgenössisch diplomierte Ausbildnerin und hat seit 2015 bei der Organisation gearbeitet. Sie strebt nun noch eine Ausbildung im Bereich von nicht-gewinnorientierten Organisationen an und wird in einem 70-Prozent-Pensum in Solothurn arbeiten. Dazu gehört nach wie vor die Begleitung junger Erwachsener.

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Dann der nächste grosse Schritt: Die Organisation musste sich zertifizieren lassen. Dies weil das kantonale Amt für soziale Sicherheit seit 2016 Aufsichtsbehörde der Vereinigung ist – wie über alle Arbeitsmarktintegrations-Angebote im Bereich der Sozialhilfe. Nach einem grösseren administrativen Aufwand und Zusammenstellen aller nötigen Informationen erhielt man 2018 das Zertifikat.

Drei Monate später der nächste grosse Brocken: Der Kanton verlangte ein neues Konzept. Heisst laut Sommer übersetzt: «Der Kanton musste sparen.» Und: «Vieles davon war hart zu verdauen.» David Kummer vom Amt für soziale Sicherheit drückt dies etwas anders aus: Man habe im Rahmen des Akkreditierungsverfahrens festgestellt, dass «nur ein Teil des Angebots die direkte Arbeitsmarktintegration betrifft». Das neu verlangte Konzept habe dazu gedient, die verschiedenen Angebote der SOVE besser voneinander abzugrenzen. Denn man sei selbstverständlich daran interessiert, Angebote zu unterstützen, welche junge Menschen nachhaltig aus der Sozialhilfe hinausführen.

Mit dem neuen Konzept beschränken sich die Angebote der SOVE auf maximal ein Jahr Begleitung. Zuvor dauerte das Coaching bis zu fünfmal länger. Was laut Sommer dazu führt, dass heute weniger oder keine Zeit mehr für die soziale Integration der jungen Menschen bleibt.

«Krücke» für junge Erwachsene

«Vorher war es noch gang und gäbe, die Teilnehmenden bis zu fünf Jahre lang zu begleiten», berichtet Sommer. Bei der Lehrstellensuche, im ersten Lehrjahr im Betrieb, bis zum Stellenantritt im ersten Arbeitsmarkt. «Wir helfen immer gerade so viel wie nötig», sagt Sommer. «Wir sind eine Krücke für eine gewisse Zeit, sobald die Jungen selber marschieren können, braucht es uns nicht mehr.»

Innerhalb von einem Jahr könne berufliche Integration zwar auch gelingen, sagt Sommer. Grossen Wert habe man aber auch auf die soziale Integration gelegt. Ziel sei nämlich nicht, «jemandem eine Stelle überzustülpen», sagt Sommer. Man wolle Blockaden lösen, aus Krisen helfen, damit die Teilnehmenden so wieder die eigene Verantwortung über das Leben wahrnehmen können und auch langfristig gesehen nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen sind. Dazu gehört das Vermitteln von Praktika, Vorbereitung auf Prüfungen, aber auch Tipps zur Arbeitskleidung und dem Verhalten am ersten Tag. Man sei zudem vor allem auch Vertrauensperson, sagt Sommer. Coaches und Teilnehmende treffen sich einmal die Woche. Man biete ein Netz, das diese jungen Erwachsenen nicht – oder nicht mehr hätten.

«Das Beste daraus gemacht»

Rund die Hälfte der Teilnehmenden sind Schweizer. Menschen, die seit Kindesalter Sozialhilfe erhielten, Gewalt zu Hause erfahren haben oder ausgesteuert wurden. Die andere Hälfte der Gecoachten haben Migrationshintergrund. Flüchtlinge ohne Kenntnisse über das System in der Schweiz, junge Menschen, die sprachliche Schwierigkeiten haben und hier keine Ansprechpersonen.

«Von allen Teilnehmenden kann man grundsätzlich sagen, dass sie eine schwierige Geschichte haben», fasst Sommer zusammen. Und, dass sie sich kein eigenes Unterstützungsangebot leisten können, weshalb sie die Sozialregion an die Organisation vermittelt und das Angebot übernimmt. Finanziert wird das Coaching so durch die Einwohnergemeinden über den Lastenausgleich des Kantons.

Sommer hofft dass die Teilnehmenden mit den kürzeren Angeboten, welches das neue Konzept vorsieht, nicht wieder «durch eine Masche fallen.» Resigniert hat sie aber nicht. Auch Sommer berichtet nämlich davon, dass man heute zwar schmalere, dafür klarer definierte Angebote an. Es gibt ein einjähriges Coaching für die Lehrstellensuche, für den Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt, für Migrantinnen und Migranten oder junge Alleinerziehende. Sind die Einwohnergemeinden bereit, mehr zu zahlen, gibt es zudem ein weiteres Modul, in dem auch die soziale Integration wieder mehr gepflegt werden kann. «Wir haben das Beste aus den Rahmenbedingungen gemacht, die wir erhalten haben, und sind weiterhin erfolgreich unterwegs.» Jetzt, nach dieser Neuaufstellung, sei es aber einfacher loszulassen.