Luterbach
Ein Jahr nach dem Spatenstich: Biogen-Neubau wächst und erste neue Jobs werden geschaffen

Pharma statt Zellulose: Das Projekt des Biotechkonzerns Biogen zeigt auf, wie der Strukturwandel in der Industrie funktioniert. Dort, wo die Basisstoffindustrie nicht mehr rentierte, werden bald Medikamente gefertigt.

Franz Schaible
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Augenschein ein Jahr nach dem Spatenstich zur Biogen-Fabrik in Luterbach
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In nur einem Jahr ist auf dem brachliegenden Areal der ehemaligen Zellulosefabrik in Luterbach ein riesiger, 40 Meter hoher Produktionskomplex hochgezogen worden.
Das Innere des Produktionsgebäudes wird zügig ausgebaut.
Die Biogenbaustelle ein Jahr nach dem Spatenstich
«Jeder Tag zählt», sagt Carlos Villalobos. Er ist General Manger der neuen Anlage und wird nach Produktionsbeginn den Standort leiten.

Augenschein ein Jahr nach dem Spatenstich zur Biogen-Fabrik in Luterbach

Hanspeter Bärtschi

Jeder Tag zählt, wenn es darum geht, Patienten mit lebenswichtigen Medikamenten zu versorgen.» Diesen Satz spricht Carlos Villalobos mehrmals auf dem Rundgang durch die derzeit grösste Baustelle im Kanton Solothurn. Der 58-Jährige ist seit sechs Monaten für den US-Biopharmakonzern Biogen tätig, der in Luterbach eine Milliarde Franken in den Bau einer neuen Produktionsanlage investiert. Als General Manager trägt er die Gesamtverantwortung für den Bau, die Validierung, die Inbetriebnahme 2019 und dann für die Produktion der Grundstoffe für Biopharmazeutika.

«Jeder Tag zählt» deshalb, weil der Zeitplan sehr ambitiös ist und das Bautempo entsprechend hoch. Wie hoch, zeigt der Besuch ziemlich genau ein Jahr nach dem Spatenstich. Das wuchtige Produktionsgebäude mit 40 Metern Höhe steht. Teilweise sind auf allen Stockwerken bereits die grossen Glasscheiben eingebaut. «Das ist sehr wichtig, damit die Angestellten dereinst unter Tageslicht arbeiten können», sagt Carlos Villalobos. Ziel sei es, möglichst angenehme Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen.

Spatenstich für den Biogen-Bau in Luterbach im Januar 2016 Biogen-CEO George Scangos macht sich ein Bild vom Areal
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BR Johann Schneider-Ammann trifft auf dem Biogen-Gelände ein
Spatenstich für den Biogen-Bau in Luterbach
Spatenstich mit viel Elan
John Cox. Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Biogen-CEO George Scangos und RR Roland Fürst
Grosses Interesse bei den Medienleuten
RR Roland Fürst, Markus Ziegler (GL Mitglied Biogen Schweiz AG), John Cox (John Cox, Executive Vice President Biogen)
Markus Ziegler, John Cox, Biogen-CEO George Scango und RR Roland Fürst
Roland Fürst spricht
Die Ansprache von Bundesrat Johann Schneider-Ammann
Die Ansprache von Bundesrat Johann Schneider-Ammann
Biogen-CEO George Scangos.02
Im Fokus der Medien
Nationalrat Philipp Hadorn und Ständerat Roberto Zanetti
Christian Scheuermeier und Marianne Meister amüsieren sich
Biogen-CEO George Scangos, Markus Ziegler (GL Mitglied Biogen Schweiz AG), John Cox (Executive Vice President Biogen)
George Scangos
Auch nach dem Spatenstich gehen die Gespräche weiter
Ausgelassene Stimmung im VIP Zelt
Biogen-CEO George Scangos und Regierungsrat Roland Fürst im Gespräch

Spatenstich für den Biogen-Bau in Luterbach im Januar 2016 Biogen-CEO George Scangos macht sich ein Bild vom Areal

Hanspeter Bärtschi

Rohre sind die «Schlagader»

Ansonsten stehen die riesigen Flächen mehrheitlich noch leer. Auf zig Hebebühnen herrscht aber emsiges Treiben. Die Spezialisten bauen Leitungen und Kabelstränge ein. «Letztlich werden wir 100 Kilometer Rohre verlegt und über 800 Kilometer Kabel eingezogen haben.» Insbesondere verbinden die Rohre den im Westen des Areals entstehenden Versorgungskomplex mit dem Produktionsbau.

Säugetierzellen produzieren Proteine für Medikamente

In Luterbach wird Biogen die Basisstoffe für Biopharmazeutika produzieren. Biogen ist nach eigenen Angaben weltweit führend in der Entwicklung von Therapien gegen multiple Sklerose. In der Pipeline stecken Entwicklungen zur Behandlung von Alzheimer und Hämophilie (Bluterkrankheit).

Die biotechnologische Herstellung von Medikamenten unterscheidet sich von der herkömmlichen chemischen Produktion. Die Fertigung der Proteine erfolgt mithilfe von Mikroorganismen – Biogen benutzt dazu Säugetierzellen – in mehreren Schritten:

- Anzucht: In Fermentern werden in der Anzucht-Phase die Säugetierzellen herangezogen.

- Fermentation: In dieser Phase produzieren die Zellen das Biopharmazeutikum – ein Protein – im letzten grossen Fermenter. Den Zellen werden Nährstoffe für Wachstum und Produktion zugeführt (Fed-Batch-Prozess).

- Aufreinigung: Damit die Therapeutika beim Menschen eingesetzt werden können, müssen sie sich durch höchste Reinheit auszeichnen. Deshalb wird das Protein in mehreren Reinigungsschritten von Zellen und Verunreinigungen getrennt, bis die endgültigen Reinheitsvorgaben erreicht sind.

- Formulierung: In dieser Phase wird das Produkt in eine stabile Form gebracht, in welcher es über einen längeren Zeitraum gelagert und transportiert werden kann. So gelangt das Produkt zur Endverarbeitung: Dort wird es in Ampullen oder Spritzen abgefüllt. Dieser letzte Schritt erfolgt in einer anderen Anlage in Europa und nicht in Luterbach. «Das ist nicht unser Kerngeschäft», begründet Standortleiter Carlos Villalobos. (FS)

Der Ingenieur zeigt auf ein Wirrwarr von Rohleitungen, die sich von Westen her in das Fertigungsgebäude ziehen. «Das ist die Schlagader.» Über die Rohre und Leitungen wird der Fertigung das nötige Blut zum Leben, sprich Elektrizität, Gas, Dampf und Wasser für die Produktion, zugeführt.

Carlos Villalobos ist im Element, wenn er über die Baufortschritte und die anstehenden Installationen der Infrastruktur berichtet. Das ist nicht sein erstes Projekt, aber von den Dimensionen her aussergewöhnlich. Aufgewachsen auf der zu den USA gehörenden Karibikinsel Puerto Rico, bildete er sich an der dortigen Universität zum Ingenieur aus. «Seit Anfang der 80er-Jahre bin ich in der Welt der Pharmabranche zu Hause», erzählt er.

Seine Karriere führte ihn von Weltfirmen wie Baxter, Johnson & Johnson, Bristol-Myers, Squibb und Actavis eben jetzt zu Biogen. «Die Gesamtverantwortung für die neue Fabrik zu übernehmen, ist für mich eine grosse berufliche Chance», sagt der drahtig wirkende Manager. Es sei das wichtigste Projekt des 10-Milliarden-Konzerns mit weltweit über 7000 Mitarbeitenden. «Eine Chance, die man nur einmal im Leben erhält», sagt er lachend und schreitet zügig voran.

1000 Fachleute auf Baustelle

Wir befinden uns im vierten Stock. Die Aussicht in Richtung des verschneiten Juras und der ehemaligen Zellulosefabrik am anderen Aareufer ist gewaltig. «Just wonderful», schwärmt Villalobos. Aber erst der Blick in Richtung Westen und Süden zeigt das Ausmass der gesamten Betriebsstätte auf 24 Hektaren Fläche mit den sich ebenfalls in Bau befindlichen Versorgungsgebäude, Lagerhaus, Büros und Labors.

Der Manager zeigt, wo dereinst die gewaltigen Tanks platziert werden. «In zwei Fertigungszellen werden wir je vier Fermenter mit einem Fassungsvermögen von je 18 500 Litern installieren.» Darin werden die Säugetierzellen aufgezogen, um daraus das Biopharmazeutikum – ein Protein – zu gewinnen (siehe Kasten). Derzeit seien mehrere hundert Baufachleute und Ingenieure auf der Baustelle an der Arbeit. Insbesondere dann, wenn die Tanks – neben den Grosstanks rund weitere 200 kleinere Tanks – installiert werden, sollen zeitweise rund 1000 Fachkräfte auf dem Bau sein.

Visualisierung der Biogen-Anlage auf dem Borregaard-Areal
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Visualisierung der Biogen-Anlage auf dem Borregaard-Areal
Im Vordergrund zur Aare hin ist das Verwaltungsgebäude geplant, dahinter die eigentliche Biotechproduktion
Am Ende könnten sieben Produktionszellen sowie weitere Produktions- und Versorgungsgebäude auf dem Areal stehen.
Visualisierung der Biogen-Anlage auf dem Borregaard-Areal

Visualisierung der Biogen-Anlage auf dem Borregaard-Areal

zvg

Trotz seinem hohen «Posten» mit hoher Verantwortung ist Carlos Villalobos alles andere als abgehoben oder unnahbar. Im Gegenteil. Und beim Erzählen sprüht er vor Optimismus und Zuversicht, dass alles gut kommen wird. Das ist – auch wenn er oft «great» sagt – nicht einfach «typisch amerikanisch», sondern ihm nimmt man ab, dass er daran glaubt. Daran, dass die Anlage Anfang 2019 in Betrieb gehen wird. Und einen Dünkel um seine Position macht Villalobos auch nicht.

Im Containerdorf, wo unzählige Ingenieure, Baufachleute und Wissenschafter von Biogen, dem Generalunternehmer Jacobs und Baufirmen arbeiten, ist er einer unter vielen. Villalobos sitzt an einem der aneinandergereihten Pulte. «Wir machen keine Unterschiede nach Funktion, es gibt keine Einzelbüros», sagt er inmitten des Stimmengewirrs aus Englisch, Französisch, Deutsch und Mundart. Das werde auch im dereinst fertiggestellten Verwaltungsgebäude so sein, meint er.

50'000 Kontrollpunkte

Auch wenn sich die «Innereien» der Produktionsanlage erst erahnen lassen, sind die Vorbereitungen für deren Installation in vollem Gange. Hier werden Markierungen am Boden angebracht, dort Halterungen vorbereitet. «Das ist Schweizer Qualität und Präzision», lobt Villalobos die Baufachleute. Die Anlagen würden mithilfe von GPS-Navigationssystemen installiert. Und die Sicherheit wird hoch geschrieben, nicht nur während der Bauphase, auch nachher. «Die Produktion ist sehr komplex.

Zuletzt werden in der Gesamtanlage 50 000 Kontrollpunkte installiert sein, um die Herstellung jederzeit überwachen zu können.» Damit alles klappen wird, sei die Zusammenarbeit aller Beteiligten das Wichtigste. Die externen Baufachleute, Techniker und Installateure müssten eng mit den Ingenieuren und Wissenschaftern von Biogen zusammenarbeiten. Und Letztere werden immer mehr.

Die Rekrutierung der Belegschaft läuft auf vollen Touren, aktuell sind über 40 Stellen auf der Biogen-Bewerbungsplattform im Internet ausgeschrieben. «Wir werden ab jetzt jeden Monat 15 bis 20 neue Mitarbeitende anstellen», so Villalobos. Letztlich sollen es rund 400 sein.
Für den Standortleiter ist nicht nur seine Aufgabe «great», auch Solothurn findet er grossartig.

«Ich wohne mitten in der Altstadt, alles ist nah und gut erreichbar», sagt er, zurück im kleinen Sitzungszimmer im Container. Angewöhnungsprobleme kennt er, der in vielen Ländern beruflich tätig war, keine. Und die Schweiz ist ihm nicht unbekannt. «Für meinen vorherigen Arbeitgeber arbeitete ich während mehreren Jahren in Zug und wohnte in Luzern. Ebenfalls eine grossartige Stadt.»