20 Jahre nach dem Crash der Solothurner Kantonalbank (SKB) erinnert sich einer an die historischen Ereignisse, der ganz nahe dran war: Peter Gross. Als Präsident des ausserordentlichen (a.o.) Bankrates war er 1994 für das Krisenmanagement bei der ins Trudeln geratenen Staatsbank eingeschaltet worden. Im jüngst präsentierten Jahrbuch für Solothurnische Geschichte blickt der 83-Jährige zurück: sehr offen, persönlich gefärbt – und ohne falsche Bescheidenheit.

Zum besonderen Auftrag war der damals 63-jährige Banker wie die Jungfrau zum Kind gekommen. In den Sportferien Anfang Januar 1994 habe er einen Anruf erhalten, schreibt Gross, der zuvor unter anderem Generaldirektor der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft und Firmensanierer in der Uhrenbranche war: «Ein Peter Hänggi ruft an. Er sei Solothurner Regierungsrat und Finanzdirektor ...»

Und dieser Regierungsrat brauchte dringend Rat, weil «seine» Kantonalbank in grössten Schwierigkeiten steckte. Am 5. Februar schon sagte Gross dem Finanzdirektor «per Handschlag» zu. Allerdings unter der selbstbewusst gestellten Bedingung, dass er das Präsidium übernehmen könne.

Das Vorstellungsgespräch des fünfköpfigen Sanierungsgremiums beim Regierungsrat, so erinnert sich Gross, habe «nicht einer gewissen Komik entbehrt: Hier die fünf Kandidaten, die es zu begutachten galt. Auf der anderen Seite die fünf Regierungsräte, glücklich, Dumme gefunden zu haben, die bereit waren, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen.»

«Verheerende Führungsstruktur»

Was der a.o. Bankrat bei den Aufräumarbeiten in Solothurn vorfand, erschütterte den erfahrenen Banker. Unter anderem «verheerende Führungsstrukturen». Gross: «Bei der SKB waren nicht weniger als elf Führungs- und Aufsichtsorgane tätig. (…) Eine Verwischung und Vermischung von Kompetenzen und Verantwortlichkeiten war deshalb unvermeidlich. Das Schwarz-Peter-Spiel feierte Urstände.» Dazu sei gekommen, dass der SKB-Bankrat nicht nach fachlichen Kriterien zusammengesetzt gewesen sei, sondern streng nach Parteiproporz.

Dabei seien doch «Politik und Bankgeschäft zwei grundverschiedene Dinge» – deren Vermischung sei verheerend gewesen. «In den ersten 10 Monaten des Jahres 1994 tagte der a.o. Bankrat in 27 Sitzungen und es wurden über 200 Einzelaufträge bzw. Pendenzen aufgearbeitet», beschreibt Gross den folgenden Marathon. Die Zeit drängte: Die damalige Eidgenössische Bankenkommission (EBK, heute Finma) verlangte von der SKB eine bereinigte Bilanz bis Ende 1994. Folglich musste spätestens am letztmöglichen Abstimmungstermin, dem 4. Dezember 1994, eine Volksabstimmung über die Zukunft der Staatsbank stattfinden.

Unter entsprechendem Zeitdruck seien auch die einzelnen Kreditdossiers zu analysieren gewesen, berichtet Gross. Vor allem die Dossiers der erst kurz zuvor von der SKB übernommenen Bank in Kriegstetten (BiK) seien «in einem himmeltraurigen Zustand» gewesen. Die vom a.o. Bankrat eingesetzte Revisionsgesellschaft habe eine Sonderequipe von 16 Personen eingesetzt. Das erschütternde Ergebnis: notleidende Engagements von 1,2 Milliarden und ein Rückstellungsbedarf von 600 Mio. Franken. Ein Drittel des Sanierungsbedarfs, so Gross, war denn auch auf die «Leichen» im Keller der BiK zurückzuführen gewesen.

Ein «absolutes Novum»

In einer «Nachtübung» habe der a.o. Bankrat dann am 9. August die Vor- und Nachteile der drei zur Diskussion stehenden Varianten beraten. Allerdings sei schnell klar geworden, dass nur die Privatisierung realistisch sei, da die beiden anderen Varianten – unter anderem der Einstieg des Kantonalbankenverbandes – den selber in Finanznöten steckenden Kanton viel zu stark belastet, bzw. zu wenig entlastet hätten.

Der einstimmig gefassten Empfehlung des a.o. Bankrates folgten dann Regierung und Kantonsrat. Dass das Parlament «der Verkaufs- und Privatisierungs-Vorlage ohne Gegenstimmen sein Placet erteilen würde, war doch eher eine Überraschung», erinnert sich Gross. Er liefert die Erklärung aber gleich selber: «In der Beratung schimmerte bisweilen eine gewisse Ohnmacht durch.» Davon, dass dann auch das Volk der Vorlage mit überwältigendem Mehr zustimmte, vernahm Gross während einer Asien-Reise … Immerhin, so stellt er im Buch nicht ohne Stolz fest, war «die völlige Privatisierung einer Kantonalbank ein absolutes Novum in der Banken-, ja in der Rechtslandschaft des Landes».

«Schwänzender» Regierungsrat

Der Erfahrungsbericht des alten Banken-Fuchses entbehrt nicht bissiger Seitenhiebe: So gegen die damalige Bankenkommission, deren Sekretariat sich im Dezember 1994 erst auf Druck hin in der Lage gesehen habe, das sofort nach der Volksabstimmung eingereichte Gesuch zur Erteilung einer Betriebsbewilligung für die neu geschaffene Solothurner Bank SoBa zu behandeln. Aber auch die vom Kantonsrat eingesetzte Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) bekommt ihr Fett weg: Der Bericht der PUK, die sich der politischen Bewältigung des Debakels anzunehmen hatte, wird von Gross als Ab rechnung kritisiert.

Vergebens suche man «wirkliche Schlussfolgerungen und gehaltvolle, zukunftsweisende Betrachtungen und Vorschläge». Gewisse Aussagen seien «zu spekulativ und zu voyeuristisch». Die PUK habe vor allem die Regierung – insbesondere Finanzdirektor Hänggi – belastet, aber «wie üblich den Kantonsrat mit seinen Kommissionen geschont», bedauert Gross.

Sein Versuch bleibt allerdings halbherzig, den damaligen CVP-Regierungsrat Hänggi – der mit beratender Stimme Mitglied des SKB-Bankrates gewesen war – zu verteidigen. Jedenfalls bezeichnet es letztlich auch Peter Gross als «verheerend, dass Hänggi die Sitzungen des Bankrates häufig ‹schwänzte› und damit die faktische Protestmöglichkeit der Regierung aus der Hand gab». Gerade beim fatalen BiK-Deal die Interessen des Kantons als Bankeigentümer zu wahren, wäre doch damals «die eigentliche Aufgabe der durch den Finanzdirektor vertretenen Regierung» gewesen.

Jahrbuch für Solothurnische Geschichte 2014, Band 87, Herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons Solothurn