Gewaltdelikte waren ein wesentlicher Grund, warum die Jugendpolizei vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde. Davon hört man heute wenig.

Marcel Dubach: Das ist so. Damals war der Druck auf die Politik gross, die Jugendpolizei zu schaffen; einfach auch weil das Thema Jugendgewalt omnipräsent war. 2005 konnte man am Montag kaum eine Zeitung aufschlagen, in der nicht über eine Schlägerei berichtet wurde. Das Thema wollte gelesen werden. Und es gab Gruppierungen auf der Gasse, die «Lämpen» suchten und zuschlugen. Das hatte möglicherweise auch mit der Einwanderung in den 1990er-Jahren zu tun. Jugendliche aus dem Balkan waren bei dieser Tätergruppe massiv übervertreten. Diese Gewaltdelikte sind seltener geworden.

Wo drückt heute der Schuh?

Inzwischen ist das Handy aufgekommen. Es steht bei fast jedem Delikt im Zentrum – oder ist zumindest Teil davon. Für uns ist das Handy eine Schatzkammer. Da finden wir fast alles. Wenn einer Krach hat, steht das irgendwo auf dem Handy. Wenn einer an einer Chilbi besoffen heimläuft und ein Auto beschädigt, hat er entweder ein Foto gemacht oder er schreibt seinem Kollegen: «Es war noch geil, über das Dach des Mercedes zu laufen.»

Mit dem Handy gibt es auch ganz neue Delikte, Mobbing etwa oder pornografische Bilder.

Mobbing war vor zwei, drei Jahren ein Hype. Da hat alles davon gesprochen. Wenn ein Giel ein Mädchen geplagt hat und zweimal «Schlampe» schrieb, hiess es: «Wir haben ein Mobbing-Problem an unserer Schule.» Der grosse Unterschied zu früher ist, dass man keine Ruhe mehr hat. Das Mobbing hört nicht auf, wenn das Kind zu Hause ist. Es geht auf dem Handy weiter. Einen Unterschied gibt es auch, was Äusserungen angeht. Wenn ich zu Jugendlichen sage: Lies mir mal vor, was Du geschrieben hast, dann höre ich: «Das habe ich nicht so gemeint.» Es wird härter und schneller geschrieben als gesprochen. Auch bei positiven Gefühlen: Es ist viel einfacher, jemandem zu schreiben: «Ich habe dich gerne» als dies zu sagen, während man dem Gegenüber in die Augen schaut.

Die Sprache hat sich verändert?

Was sich vor allem verändert hat, ist die Umgangssprache bezüglich Sexualität und Pornografie. Wörter und Begriffe werden aus Filmen übernommen. Der Umgang mit Sexualität ist meiner Meinung nach ein sehr grosses Problem. Ein Zehnjähriger, der mit pornografischem Material in Berührung kommt, ist überfordert, wenn er nicht begleitet wird.

Bereits Zehnjährige sehen sich Pornos an?

Vor drei Jahren hatten viele ab 12 oder 13 ein Handy. Heute ist das mindestens zwei Jahre früher. In der fünften Klasse hat schon die Hälfte ein Handy, in der sechsten Klasse fast jeder. Ein Grossteil der 12-Jährigen hat schon einen Pornofilm gesehen, bei Kollegen oder weil ihr Handy keine technischen Sperren hat. Doch damit sind sie überfordert. Sie haben zwar gesehen, wie das geht, aber sie können das im Kopf noch nicht verarbeiten. Dann schreibt ein 13-Jähriger einer Kollegin plötzlich Wörter, deren Bedeutung und Tragweite er nicht kennt, etwa: «Chum, mir gö go figge».

Sie plädieren nicht dafür, dass Kinder keine Geräte haben, sondern dafür, Leitplanken zu setzen.

Kontrolle oder Vertrauen schenken: Das ist die Gretchenfrage bei der Erziehung. Das ist auch beim Handy so. Mit dem Handy ist das Kind alleine im Zimmer. Die Eltern sehen nicht, was die Kinder tun. Welcher 12-Jährige ist so vernünftig, dass er das Natel um 9 Uhr abends freiwillig abstellt? Wir wären doch auch nicht einfach so ins Bett. Deshalb muss man gewisse Sachen ganz klar regeln. Für Zehnjährige müsste man ein Gerät doch so einstellen, dass sie nicht per Zufall auf pornografische Seiten gelangen können. Es gibt ganz viele kostenlose Informationen und Anleitungen dazu.

Aber das geschieht nicht immer?

Wir machen manchmal Umfragen. An der Oberstufe haben die meisten 24 Stunden lang Zugriff auf das Handy. In der Schule oder auch abends im Zimmer. Sie müssen es nicht ausschalten. Mit 12 haben sie die ganze Welt neben sich. Das ist nicht nur eine Herausforderung. Aus meiner Sicht ist das eine riesige Überforderung.

Die Zahlen in der Jugendkriminalität sind zurückgegangen. Die Leitende Jugendanwältin nannte die Jupo als einen Grund dafür.

Wir sind acht Leute, die nur für die Jugendlichen zuständig sind. Wir erkennen die Jugendlichen wieder, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt erneut straffällig werden und haben somit eine vorteilhafte Basis für die Fallbearbeitung. Wenn man die Jugendlichen frühzeitig mit Verfehlungen konfrontieren kann, bewirkt das etwas. Gerade auch wenn man die Eltern mit ins Boot nimmt und wenn nötig die Schule informieren kann, dass er bei der Polizei gewesen ist. Es ist wichtig, dass man im Umfeld des Jugendlichen weiss, was er getan hat. Er kann sich dann nicht mehr verstecken.

Das scheint fast wichtiger als die Strafe selbst?

Ich bin überzeugt, dass dieser Prozess meistens schon viel bewirkt, damit der Giel etwas gelernt hat. Er wird von der Polizei abgeholt oder eingeladen, er muss sich im Detail zu den Verfehlungen äussern, er muss sich den Eltern gegenüber rechtfertigen, sein Umfeld weiss meistens, dass sich die Polizei mit ihm beschäftigt und, und, und. Das alles hinterlässt Spuren. Ein 13-Jähriger, der etwas gemacht hat, das ist normal. Aber wie verhält er sich danach uns gegenüber und den Eltern gegenüber? Welche Haltung hat er zu dem, was er gemacht hat? Solche Faktoren sind wesentlich. Er muss zu seiner Tat stehen. Und es ist gut, wenn dabei die Eltern anwesend sind. Das Ziel des Jugendstrafrechts ist die pädagogische Wirkung. Das erhalte ich nicht, wenn ein «anonymes» Schreiben nach Hause geschickt wird, in dem 50 Franken Busse verfügt werden. Dem trägt aber auch die Jugendanwaltschaft Rechnung und kontaktiert die Jugendlichen sehr oft persönlich.

Welche Rolle spielt das Elternhaus?

Gewisse Dinge können jedem passieren. Eltern hin oder her. Ob einer im Laden Schleckzeug klaut, hängt viel eher mit der Gruppe, in der er sich bewegt, zusammen. Für den Prozess nachher ist es aber enorm wichtig, wie sich die Eltern verhalten, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn etwas angestellt hat.

Wie reagieren Eltern, wenn sie so etwas erfahren?

Grundsätzlich ist es unangenehm, einen Anruf von der Polizei zu erhalten. Wir müssen deshalb wissen, was wir mit einem Telefonat auslösen. Die meisten haben zum ersten Mal mit der Polizei zu tun. Wir müssen ihnen auch sagen können: Hören Sie, es ist keine Riesensache. Ihr Kind ist kein Schwerverbrecher deswegen. Das soll aber nicht heissen, dass wir Lollipops verteilen, wenn sie zu uns kommen. Der Giel muss klar wissen: Das, was er getan hat, war nicht recht. Punkt.

Wie gehen Eltern damit um?

Wir bekommen dies nicht immer mit. In der Regel, nehme ich an, entspricht die Reaktion, die Eltern bei uns zeigen, auch derjenigen zu Hause. Bei einigen Jugendlichen merken wir, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Sie machen die Eltern für ein selbst verübtes Delikt verantwortlich. Ich hatte nicht genug Geld und musste klauen. Und dann erhalten sie mehr Sackgeld. Das ist kontraproduktiv und bringt den Jugendlichen in einen Konflikt. Er fragt sich: Warum macht der Polizist so ein Theater? Es kann doch nicht so gravierend sein, wenn die Mutter sagt, es sei nicht schlimm.

10 Jahre Jugendpolizei: Wo und wie spürt man dies im Kanton?

Wir sind heute intern etabliert und mit Behörden, wie etwa der KESB oder den Schulen sehr gut vernetzt und machen sehr gute Erfahrungen. Speziell verändert hat sich das Verhältnis zu den Schulen. Der Tschugger ist ja ein relativ spezieller Typ und der Lehrer auch. Und diese zwei kamen oft schwer auf einen Nenner; so habe ich es zumindest in meinen ersten 25 Jahren bei der Polizei erlebt. Sehr häufig gab es zwei Fronten. Heute ist das ganz anders. Die Lehrer kommen mit Fragen oder bei Ereignissen auf uns zu und im Gegenzug können wir unsere Anliegen deponieren. Man kann uns anrufen und wir können diskutieren, ohne dass es zwingend strafrechtliche Folgen haben muss. Das hätte es vor zehn Jahren so nicht gegeben. Wir von der Jugendpolizei kennen ausserdem praktisch jeden Schulleiter im Kanton persönlich.

Sie werden eher als Vermittler denn als Polizist wahrgenommen?

Ja. Man nimmt uns etwas anders wahr als sonst die Polizei, die in Uniform vorfährt, wenn es «räblet». Am Anfang wurden wir gar etwas belächelt: Da kommen die Kindergartencops. Aber unsere Grundaufgabe ist dieselbe, die die gesamte Polizei auch hat. Wir haben vielleicht einfach den einen oder anderen sozialen Pfeil mehr im Köcher, um ans Ziel zu kommen. Und: Prävention ist ein klarer Grundauftrag der Kantonspolizei. Mittlerweile hält die Jugendpolizei 350 Vorträge pro Jahr für Schüler und Eltern. Wenn also jemand im Kanton Solothurn die Oberstufe oder Berufsschule absolviert hat, kennt er mit grösster Wahrscheinlichkeit eines unserer Präventionsmodule.

Sie waren Polizist und wurden Jugendpolizist. Sind Sie auch Sozialarbeiter geworden?

Sozialarbeiter wäre zu viel gesagt. Aber man eignet sich als Jugendpolizist eine etwas ausgeprägtere Sozialkompetenz an. Diese gewichten wir bei der Rekrutierung stark. Und in der Weiterbildung ist dies ein Schwerpunkt. Fahren wir mit 100 ein oder holen wir ihn anders ab? Das ist ein ständiges Dazulernen. Da habe ich das Gefühl, dass wir als Team sehr gut sind. Das hat mit Sozialarbeit aber noch nichts zu tun. Wir arbeiten zwar sehr eng mit Sozialarbeitern zusammen. In vielen Präventivmodulen sind wir mit der Perspektive in Solothurn oder der Sozialhilfe Ost in Olten unterwegs. Und bei der Jugendanwaltschaft, mit der wir sehr eng zusammenarbeiten, sind auch Sozialarbeiter angestellt.

Bei den Jugendlichen steht die Strafe nicht im Zentrum. Hadert man als Polizist manchmal damit, dass es keine klassische Strafe gibt?

Nein, nicht was die Strafe betrifft. Und auch das Gesamtpaket an sich finde ich recht gut. Wir würden aber manchmal vielleicht während dem Verfahren eine härtere Massnahme treffen, wie zum Beispiel das Anordnen von Untersuchungshaft. Das sind aber Einzelfälle. Die Leitplanken setzt grundsätzlich die Strafprozessordnung und manchmal wird das Feld noch etwas enger gesteckt durch die Jugendanwaltschaft. Im Grossen und Ganzen stimmt es für uns.

Aber?

Es gibt gewisse Dinge, die vom System gegeben sind, die wir aber nur schwer verstehen. Da fliegt einer, der blöd tut, aus der Schule. Dann kommt er in die nächste, tut wieder blöd, fliegt raus. Am Ende landet er in einer teuren Privatschule. Und das zahlt der Staat. Er wird zwangsversetzt und subventioniert. Andere müssen für diese Privatschule bezahlen.

Welche Rolle spielt Alkohol heute?

Ich denke nicht, dass die Jungen heute mehr trinken als früher. Aber der Konsum hat sich verändert. Der Alkohol ist massiv billiger geworden. Knappe zehn Stutz für eine Flasche Wodka ist verheerend. Mit einer 7-dl-Flasche können sich zwei Jugendliche locker gründlich besaufen. Wenn ich damals diese Möglichkeit gehabt hätte, hätte ich dies vielleicht auch ausprobiert. Aber man bekam diesen Alkohol nicht, es gab meistens nur Bier. Abends um 9 Uhr hatte keine Tankstelle mehr offen. Früher war der Abend gelaufen, wenn niemand mehr Alkohol hatte. Wenn der Kiosk schon zu hat, fragen die Jugendlichen heute einfach im Gruppenchat: Wer hat noch was?

Kiffen gilt zunehmend als Kavaliersdelikt. Merken Sie dies?

Der Konsum ist ein Übertretungstatbestand, also gesetzlich betrachtet nicht sehr schlimm. Und was das Folgerisiko nach dem Konsum von Cannabis oder Alkohol betrifft: Von einem Betrunkenen geht eine höhere Selbst- oder Fremdgefährdung aus als von einem Bekifften. Zudem gibt jetzt bereits Hanfzigaretten mit tiefem, also legalem THC-Gehalt beim Grossverteiler. Die Grenzen verschwimmen langsam. Ich bin überzeugt, dass sich die Frage der Legalisierung bald wieder stellen wird.

Einerseits hört man oft: «Die Jugendlichen heute sind so brav.» Andererseits heisst es: «Die Jugend wird immer schlimmer.» Was stimmt nun?

Ich würde sagen: Die Jugend wurde nicht schlimmer. Die Jugendlichen sind gleich wie früher. Aber die Umstände und Einflüsse wurden anders. Es gibt das Risiko Internet und Pornografie. Das ist eine ganz andere Herausforderung. Daneben blieben das Klauen als Mutprobe und das Rauchen in etwa gleich. Töfflis werden seltener und werden daher nicht mehr in derselben Menge frisiert. Manchmal heisst es, die Jugendlichen seien frecher geworden. Vielleicht sind sie einfach selbstbewusster geworden. Das ist eine Frage der Interpretation. Zum Teil sind die Jugendlichen in der Schule, so mein Eindruck, eher ruhiger. Der Leistungsdruck ist sicher höher als früher.

Warum entsteht dann das Bild, dass die Jugend schlimmer wird?

Heute gibt es viel mehr Sensoren. Es gibt mehr Schulsozialarbeiter und Beobachtungsbehörden. Wenn da etwas aufblinkt, denkt man «Oje». Früher hätte man dies vielleicht gar nicht registriert. Wenn ich aus den Schulen höre, dass einer dem anderen ein T-Shirt zerrissen hat, dann ist das zwar nicht lustig, aber doch kein Grund, weshalb man einen Elternabend organisieren muss.

Die Zahl der Delikte geht stark zurück. Braucht es die Jugendpolizei in zehn Jahren noch?

Das ist überall die Gefahr: Wenn es gut läuft, wird nicht mehr investiert. Aber der Gedanke: «Jetzt läuft es, jetzt brauchen wir das nicht mehr», ist meiner Meinung nach komplett falsch. Auch in ruhigen Zeiten sollte man investieren, damit es ruhig bleibt. Die Büez geht uns keinesfalls aus. Wir können uns derzeit stärker der Früherkennung widmen. Wenn wir es irgendwo rascheln hören, können wir hingehen und Personen ansprechen, quasi als Schuss vor den Bug. Vor allem aber steigen in den kommenden Jahren die Schülerzahlen. Das werden auch wir merken.

Was ist da Schlimmste, das man als Jugendpolizist sieht?

Verwahrlosung. Wenn Eltern völlig überfordert sind und überhaupt nicht zu den Kindern schauen, sei es aufgrund einer Suchtkrankheit, Gleichgültigkeit, sozialer Schwäche oder problematischer Herkunft. Man sieht einen zehnjährigen Jungen oder ein dreizehnjähriges Mädchen und man muss sagen: Ja, du hattest keine Chance. Das gibt mir am meisten zu denken.