Familienfest

Ein grosses Feuer bis zum Morgenrot – so feiern Italiener Weihnachten

Crispelle Calabresi: Typisches Weihnachtsdessert aus frittiertem Teig.

Crispelle Calabresi: Typisches Weihnachtsdessert aus frittiertem Teig.

Wie durchleben andere Kulturen die Adventszeit und wie feiern sie Weihnachten? In einer kleinen Serie sprechen wir mit Personen, die es wissen. Im letzten Teil: Italien.

«Das Weihnachtsfest ist ein Familienfest! Es ist wichtig, die Weihnachtstraditionen in der Familie aufrechtzuerhalten und diese den Jungen weiterzugeben», erklärt Giuseppe Fabbricatore, Präsident der Associazione Calabrese Oberaargau.

Die erste Etappe der italienischen Weihnachtsvorbereitungszeit sei der 8. Dezember, la Madonna Immacolata (die unbefleckte Empfängnis) werde an diesem Tag gefeiert: Der neue Wein darf geöffnet, und die Krippen dürfen aufgestellt werden. Aufwendige, meist handgefertigte Krippen seien ein wichtiges Schmuckelement sowohl in den Kirchen wie auch zu Hause. Überdies dürfen im Haus ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum und schöne Weihnachtsbeleuchtungen auch nicht fehlen. Am 16. Dezember beginnt die «Novena»: Täglich bete man zusammen in der Kirche spezielle, weihnachtliche Gebete, um sich gemeinsam auf den Heiligabend vorzubereiten. Die Novena und die Gottesdienste am Sonntag seien, wie Fabbricatore berichtet, die spirituellen Komponenten der Adventszeit. Solche Vorbereitungszeremonien werden in Italien und in der Schweiz aktiv gelebt.

Hierzulande sei es für die italienische Gemeinschaft seit vielen Jahren eine Tradition, dass die Kinder vor Weihnachten beispielsweise im Kirchgemeindesaal kurze Schauspiele aufführen und Gedichte vortragen. Familie und Freunde sind willkommene Zuschauer. Zusammen könne man sich so auf das Weihnachtsfest einstimmen und einen Abend gemeinsam verbringen. Vorbereitet werden die Kinder von freiwilligen Helfern. Zudem «organisiert der Verein Wohltätigkeitsprojekte», sagt Fabbricatore.

In Italien hingegen spielen während der Adventszeit die «Zampognari» mit der «Zampogna» (italienische Sackpfeife) auf den Strassen von Städten und Dörfern: Wein und Tarallucci (Aperitifgebäcke) wünschen sich die Musiker vom Publikum.

Spektakulär sei nicht die Adventszeit, sondern das Weihnachtsfest selbst, wie Fabbricatore erzählt.

«Spaghetti con la mollica e noci»

In Süditalien werden für Heiligabend typischerweise 13 verschiedene Fisch- und Gemüsegerichte vorbereitet, auf Fleisch werde verzichtet. «Am liebsten mag ich Spaghetti con la mollica e noci», sagt Fabbricatore, Teigwaren mit Brotkrümel und Nüssen. Bevor von allen Gerichten zumindest ein Bissen probiert werde, küsste man früher den Eltern die Hand: Ein Zeichen der Dankbarkeit, wie er berichtet. Zum Essen dazu verzehre man das typische Weihnachtsbrot – i Natalisi – welches spezielle Verzierungen (etwa Kreuze) darauf hat. «Nach dem Festmahl wird von jedem Gericht etwas auf einen Teller gestellt: Eine symbolische Gabe für das Christkind», erzählt der Vereinspräsident.

Nach diesem Essen werde in Kalabrien typischerweise noch «Tombola» (Lotto) gespielt, um spielerisch auf den Beginn der Mitternachtsmesse zu warten. «In Italien machen die Jugendlichen nach dem Weihnachtsessen im Freien ein grosses Weihnachtsfeuer», so Fabbricatore. Diese Weihnachtsfeuer brennen bis zum Morgenrot. Die Mitternachtsmesse am Heiligabend sei stets rege besucht, «meistens musste man zwei Stunden lang stehen», lacht der Vereinspräsident: Ein langer Gottesdienst. Obwohl viele familiäre Traditionen fortbestehen, sei in der Schweiz dennoch einiges anders, so finde die Messe nicht um Mitternacht statt, und ein grosses Feuer im Freien könne kaum gemacht werden, oftmals fehlen auch wichtige Personen, die in Italien leben.

La Befana auf dem Besen

Am 25. Dezember weite die Familie das Fest auf die ganze Verwandtschaft aus: Bereits am Nachmittag ziehe man um die Häuser, um allen Bekannten Weihnachtswünsche auszusprechen. Zudem bestaune man an Weihnachten die verschiedenen Krippen (lebendige oder nicht) in den Kirchen. Im Gegenteil zum Heiligabend feiere man den 25. Dezember nicht nur mit der Familie, sondern auch mit Freunden. «Wenn man zu Hause bleibt, spielt man gemeinsam Karten und Tombola, die Jungen gehen meistens an ein «Veglione di Natale», ein Tanzfest in einem Lokal», wie Fabbricatore berichtet.

Am sechsten Januar beenden auch die südlichen Nachbarn der Schweiz die Weihnachtszeit. Für die italienischen Kinder kommt am Dreikönigstag die «Befana» (eine alte Frau auf einem Besen) vorbei, sie schleicht sich während der Nacht in die Häuser ein und hinterlässt beim Kamin den guten Kindern Süssigkeiten, für die Unartigen gibt es Kohle. Für die italienischen Kinder in der Schweiz stellt sie die Ehefrau des «Samichlaus» dar, der so in Italien gar nicht existiert.

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