Interview

Ein einheitlicher Standard für die Allgemeinbildung der Solothurner

Georg Berger ist Direktor des Berufsbildungszentrums Olten und Chefexperte Allgemeinbildender Unterricht (ABU) des Kantons.Felix Gerber

Georg Berger ist Direktor des Berufsbildungszentrums Olten und Chefexperte Allgemeinbildender Unterricht (ABU) des Kantons.Felix Gerber

An einer Tagung für den allgemeinbildenden Unterricht an den Berufsfachschulen im Kanton sind gestern zwei neue kantonale Lehrmittel vorgestellt worden. Berufsfachschulen Georg Berger, Direktor des Berufsbildungszentrums Olten, nimmt Stellung.

Georg Berger: Die beiden Lehrmittel «Deutsch im ABU» und «Gesellschaft» bilden unseren neuen, kantonal standardisierten Lehrplan ab, der seit Januar 2009 in Kraft ist. Das erlaubt uns, die Allgemeinbildung in der beruflichen Grundbildung so zu gestalten, dass von Grenchen bis Olten vergleichbare Kompetenzen erarbeitet werden. Wir schliessen mit diesen Lehrmitteln einen längeren Prozess ab, der zu einer Vereinheitlichung des allgemeinbildenden Unterrichts führt. In diesem Jahr findet bei den dreijährigen Grundbildungen erstmals eine kantonal einheitliche Lehrabschlussprüfung statt.

Ein standardisierter Lehrplan und gemeinsame Lehrmittel. Warum haben Sie diesen Prozess überhaupt an die Hand genommen?

Ausgangspunkt war der neue Rahmenlehrplan des Bundes als Folge der neuen Systematik in der beruflichen Grundbildung mit zwei-, drei- und vierjährigen Lehren. Mit dem neuen Rahmenlehrplan legt der Bund neben dem Bereich Gesellschaft zudem einen weiteren Schwerpunkt bei der Beherrschung der deutschen Sprache. Der Kanton hat entschieden, diese Vorgaben im Rahmen eines möglichst standardisierten Lehrplans umzusetzen.

Ist die Standardisierung des allgemeinbildenden Unterrichts einmalig in der Schweiz?

Der Rahmenlehrplan des Bundes hat in beinahe allem Kantonen zu mehr oder weniger standardisierten Lehrplänen geführt. Man hat überall festgestellt, dass Schulen und Lehrpersonen dadurch entlastet werden, und sich besser ihrem Kerngeschäft, dem Unterricht, widmen können. Einzigartig aber ist, dass wir in Solothurn neu auch mit kantonal standardisierten Lehrmitteln arbeiten. Auch bei uns entscheidet im Grunde jede Schule bzw. jede Fachschaft innerhalb einer Schule autonom über ihre Lehrmittel. Wir schafften es aber in Solothurn, eine einzige kantonale Fachschaft zu etablieren und uns auf gemeinsame Lehrmittel zu einigen.

Sie deuten damit an, dass es auch in Solothurn Widerstände gegen kantonal einheitliche Lehrmittel zu überwinden gab?

Ja, und zwar vonseiten der einzelnen Schulen. Dazu muss ich aber etwas ausholen. Mitte der 90er-Jahre führte ein neuer pädagogischer Ansatz zu einer regionalen Aufsplitterung des allgemeinbildenden Unterrichts. Es geht seither weniger darum, ein bestimmtes Wissen zu vermitteln, das in unserer schnelllebigen Zeit sehr schnell veraltet. Vielmehr fokussiert der Unterricht auf die Vermittlung von Kompetenzen, die es den Lernenden ermöglichen, sich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Dieser neue, konstruktivistische Ansatz setzt auf die eigene Aktivität jedes Lernenden, der sich die Welt quasi selbst produzieren muss. Das aber führte dazu, dass die Lehrpläne nur noch einen groben Rahmen vorgaben, der dann regional gefüllt wurde. Jeder Schüler sollte dort abgeholt werden, wo er gerade steht. Unseren Bemühungen zu einer Standardisierung des Unterrichts wurden nach meiner Einschätzung zu Beginn als unstatthafte Gleichmacherei wahrgenommen. Sehr skeptisch stand die Lehrerschaft der Einführung gemeinsamer Lehrmittel gegenüber.

Wie schafften Sie es, dieser anfänglichen Skepsis zu begegnen?

Die Lehrerschaft erkannte den Vorteil mit einem Lehrmittel zu arbeiten, das sich direkt auf den gültigen Lehrplan abstützt. Die Lehrerinnen und Lehrer können sich so voll und ganz auf das Unterrichten konzentrieren und müssen sich weniger mit administrativen und organisatorischen Fragen auseinandersetzen. Sie brauchen sich auch nicht ständig zu vergewissern, ob ihr Unterricht mit dem Lehrplan übereinstimmt. Gleichzeitig bieten die neuen Lehrmittel immer noch genügend Freiraum, eigene Akzente zu setzen und auf aktuelle Ereignisse in der Region zu reagieren.

Im Unterschied zu den Schulen haben die Ausbildungsbetriebe wahrscheinlich von Anfang an positiv auf die Vereinheitlichung reagiert...

Wir hatten die uneingeschränkte Unterstützung des Gewerbeverbandes, der einzelnen Betriebe und auch der Bildungsverwaltung. Gerade jene Betriebe, deren Lernende unterschiedliche Berufsfachschulen besuchen, können heute sicher sein, dass überall die gleichen Inhalte vermittelt werden. Das erleichtert gerade auch die innerbetriebliche Unterstützung der Lernenden. Positiv wird auch gewertet, dass der Unterrichtserfolg am Ende der Lehrzeit mit einer einheitlichen Prüfung gemessen wird.

Wodurch zeichnen sich die beiden Lehrmittel aus?

Der kantonale Lehrplan definiert für die berufliche Grundbildung in der zwei-, drei- und vierjährige Lehre spezifische Themen und Inhalte. Beide Lehrmittel nehmen diese Themen synchron auf und erlauben so einen Brückenschlag zwischen den Bereichen Gesellschaft und Deutsch. Beim Thema Globalisierung zum Beispiel werden wirtschaftliche und rechtliche aber auch sprachliche Aspekte behandelt. Diese Verknüpfung entspricht den Anforderungen der heutigen Berufswelt. Die Vernetzung der beiden Bereiche bildete denn auch einen wichtigen Bestandteil des Auftrags an die Autoren der Lehrmittel.

Ist die Erarbeitung kantonaler Lehrmittel nicht enorm kosten- und ressourcenintensiv?

Beide Lehrmittel basieren auf bereits bestehenden Grundlagenwerken, die vom renommierten Schulbuchverlag hep herausgegeben werden. Der Verlag hat uns ermöglicht, diese Werke an die kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im Kanton anzupassen. Für die Adaptions- und Vernetzungsarbeit hat der Kanton pro Lehrmittel eine Anschubfinanzierung von rund 10000 Franken geleistet. Der Aufwand der Autorinnen und Autoren, allesamt Berufsfachschullehrer im Kanton, geht allerdings weit über diese Entschädigung hinaus. Sie stehen alle beim hep-Verlag unter Vertrag und erhalten einen Anteil am Verkaufserlös.

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