Schüleraustausch

Ein Brückenkanton, der keine Brückenfunktion übernimmt – warum so wenig Austauschprojekte stattfinden

Eher eine Ausnahme: Eine Schulklasse aus Avenches besuchte 2016 eine Klasse in Lohn-Ammansegg.

Eher eine Ausnahme: Eine Schulklasse aus Avenches besuchte 2016 eine Klasse in Lohn-Ammansegg.

Die Möglichkeiten einen Schüleraustausch zu machen sind im Kanton Solothurn vorhanden, werden aber bisher von den Schulen wenig genutzt.

Die Statistiken zeigen: Im Kanton Solothurn wird vom breiten Angebot an schulischen Austauschprojekten mit den anderssprachigen Landesteilen nur selten Gebrauch gemacht. So haben im Schuljahr 2014/15 lediglich neun Klassen und neun einzelne Schüler an einem Austauschprogramm teilgenommen, schweizweit haben sich 983 Klassen und 1244 einzelne Schüler beteiligt.

Obwohl der Kanton an der Grenze zur Romandie liegt, zieht es kaum einen Schüler in die französischsprachigen Orte und Schulen. Und das, obwohl das neue Fremdsprachenkonzept der Primarschule eigentlich eine aktive Austauschkultur fördert: einerseits durch die Einführung von Französisch ab der dritten Klasse, andererseits durch die auf Kommunikation ausgerichteten Unterrichtsmethoden.

Trotzdem nützen die Solothurner Schulen die Angebote kaum – gerade auch im Vergleich mit anderen Kantonen. Im Schuljahr 2014/2015 haben im Aargau immerhin 28 Klassen an Austauschprojekten teilgenommen, im Baselbiet 24 und in Neuenburg 23 Klassen. Die Gründe für solche Unterschiede sind ungewiss. Eine Spurensuche.

Projekte wären vorhanden

Bisher war die CH-Stiftung, getragen von allen Kantonen, für einen grossen Teil der schulischen Austauschprojekte zuständig. Der Sitz der Stiftung lag in Solothurn.
Es sind vor allem drei Austauschprogramme, von denen die Kantone bisher profitieren konnten: der Ferieneinzelaustausch, die Schulreise PLUS und der Klassenaustausch. Beim Ferieneinzelaustausch handelt es sich um ein Angebot, das Jugendlichen zwischen 11-15 Jahren einen Ferienaufenthalt in einem anderen schweizerischen Sprachgebiet ermöglicht.

Die Schulreise PLUS ist hingegen an Schulen gerichtet und verhilft zwei Klassen aus unterschiedlichen Sprachregionen zu einem gemeinsamen Austauschtag. Der Klassenaustausch schliesslich gewährt einen längeren Einblick in eine Schule aus einer fremden Sprachregion und wird ab zwei Tagen Aufenthalt durchgeführt. Bisher wurde auch ein fremdsprachliches 12. Schuljahr im Kanton Freiburg angeboten: Ein Brückenangebot für Schüler, welche das letzte obligatorische Schuljahr bereits abgeschlossen haben.

Die Volksschulen im Kanton Solothurn haben hauptsächlich die Schulreise PLUS genutzt, wie Silvia Mitteregger, Bereichsleiterin der CH-Stiftung, auf Anfrage sagt. Auf der Sekundarstufe II sieht die Situation hingegen anders aus, hier wurden eher individuelle Programme gewählt, wie beispielsweise ein Austauschjahr.

Dabei handelt es sich allerdings um privaten Angebote, die nicht von der CH-Stiftung organisiert werden. Mit dem Jahreswechsel wurde die CH-Stiftung jetzt von der nationalen Agentur Movetia abgelöst.

Information und Vernetzung

Praktiziert wird der Klassenaustausch im Kanton Solothurn vor allem im Rahmen der bilingualen Lehrgänge (deutsch-englisch) der Kantonsschulen in Solothurn und Olten. Der mehrtägige Aufenthalt einer ganzen Klasse in einem englischsprachigen Land gehöre zum Pflichtprogramm, betont Liliane Buchmeier.

Sie ist innerhalb der kantonalen Verwaltung verantwortlich für den Austausch an Berufs- und Mittelschulen. Auch an Berufsmaturitätsschulen gehöre ein rund zwei-wöchiger Auslandaufenthalt zum Programm. Für die Berufsschulen hingegen seien solche Projekte kaum realisierbar, «es sind zu viele Personen involviert, das wird schnell kompliziert», so Buchmeier.

Obwohl die Kantonsschulen an den unterschiedlichen von der CH-Stiftung organisierten Projekten teilnehmen könnten, um einen Austausch mit der französischsprechenden Schweiz zu fördern, wurde der Klassenaustausch bisher nur selten durchgeführt. «Die Organisation eines Klassenaustausches ist für die Lehrpersonen anstrengend», sagt Buchmeier. Wenn man solche Projekte wirklich fördern wolle, «müsste ein politischer Prozess in Gang gesetzt werden, damit solche Programme ein Bestandteil des Lehrplans werden.»

Der zu leistende Mehraufwand seitens der Lehrpersonen wird von allen befragten Personen als relevanter Faktor für die bisherige schwache Teilnahme an Austauschprojekten genannt. Für die Durchführung eines Austausches müssen die Lehrpersonen vieles vorbereiten, organisieren und abklären; zur Zeit werden sie dafür finanziell nicht unterstützt. Dies dürfte sich jedoch in Zukunft mit der Übernahme der Austauschprojekte durch die Agentur Movetia verändern.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Förderung von Austauschprojekten scheint die Werbung und Bekanntheit solcher Angebote. Die Möglichkeiten eines sprachlichen und kulturellen Austausches müssten zwingend an Bekanntheit gewinnen, sagt Claudia Roth, verantwortlich beim Kanton für den Austausch an Volksschulen. Sie betont: «Es braucht Information, Vernetzung der Partnerschulen und zudem muss die Finanzierung gewährleistet sein.»

Silvia Mitteregger erklärt darüber hinaus, dass in einigen anderen Kantonen die Informationen einfacher und direkter aufzufinden seien. «Hier könnte mehr gemacht werden, gerade weil sich eigentlich Solothurn als Brückenkanton sieht.»

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