Francesca Falk von der Universität Freiburg sowie Harald Fischer-Tiné und Bernhard Schär von der ETH Zürich belegten dies mit konkreten Beispielen. Richtig ist, so die drei Kenner der Geschichte, dass die Schweiz keine Kolonien erwarb.

Bei der Inbesitznahme von fremden Territorien und der Unterwerfung und Vertreibung der ansässigen Bevölkerung wirkten Schweizer aber sehr wohl mit. Und zwar mit einem Heer von Söldnern, die den Wettkampf der kolonialen Aufteilung Asiens und Afrikas mitbestimmten. Dies blieb in der Geschichte der Schweiz lange ausgeblendet. Erst in der jüngeren Zeit ist die Nachforschung langsam in Fahrt gekommen und hat bereits einiges ans Tageslicht gebracht.

Sterben hier – Reichtum dort

«Die Schweiz ist Teil der nicht immer erfreulichen Geschichte, und es wird Jahre dauern, bis wir genaue Erkenntnisse haben», stellte Fischer-Tiné klar. Und Schär stellte fest: «Im 19. Jahrhundert standen zwischen 30'000 und 40'000 Söldner für Frankreich, Spanien, Grossbritannien, Belgien und den Niederlanden in kolonialen Diensten – und dies obwohl bei der Gründung des Bundesstaates das Söldnerwesen verboten wurde.»

Der Grund, weshalb das Söldnergeschäft trotzdem florierte, war die Armut der Menschen in den Unterschichten. Gleichzeitig zogen viele Schweizer Familien mit dem Soldatenhandel wirtschaftlichen Nutzen aus den kolonialen Besetzungen und gewährten Anhängern der Kolonialisierung in der Schweiz Asyl.

Die Teilnahme an den unzähligen Kriegen, die die Kolonisierung nach sich zog, war, wie man weiss, ein Nährboden für den Rassismus. Der Sklavenhandel und die herbeigeredete Überlegenheit der weissen Rasse florierten. «Die Migration zeigt uns, dass wir eine gemeinsame europäische Geschichte haben», befand Schär im Hinblick auf die Gegenwart.

In diesem Zusammenhang verwies Falk auf den bewunderten Geologen und Zoologen Louis Agassiz, an den heute noch das Agassizhorn in den Berner Alpen erinnert. Agassiz war ein vehementer Vertreter der Rassentrennung und Bekämpfer der Evolutionstheorie. «Menschen anderer Rassen entfachten in ihm Ekel, und er weigerte sich, ihnen die Hand zu reichen», schilderte Falk den Naturforscher, dessen Biografie erst jetzt in historischen Publikationen hinterfragt wird.

Schwarze Flecken gibt es, wie Fischer-Tiné ausführte, auch in der Biografie des Neuenburgers Charles Daniel de Meuron, dessen Regiment sowohl in der Holländisch-Ostindischen Kompanie wie auch bei der Britischen Armee diente. Berühmt wurde das am Kap der guten Hoffnung stationierte Schweizerregiment im Feldzug gegen den von Frankreich unterstützten indischen Radscha von Mysore. Beim blutigen Endkampf des letzten Mysore-Krieges um die Hauptstadt Seringapatam bildeten de Meurons Grenadiere und Jäger die Spitze der Sturmkolonne.

Wie Fischer-Tiné ausführte, hatte auch der Genfer Jurist Gustave Moynier keine weisse Weste, obwohl er dem Internationalen Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege angehörte und dem Roten Kreuz nahe stand. Moynier unterstützte die Vereinnahmung des Kongos durch den belgischen König Leopold II. in dessen Privatbesitz. Weshalb es in Lachen eine Krügerstrasse gibt, deren Namensgeber der Wegbereiter der Apartheid, Paul Krüger, ist, konnte am Themenabend nicht beantwortet werden.

Die Kolonisierung wurde auch von etlichen schweizerischen Missionen gutgeheissen, weil sie bei der Christianisierung half und Stabilität versprach.