Grauer Himmel, grauer Beton. Der Lärm der Autobahn, überall Stacheldraht. Der 150 Meter lange und 25 Meter breite Neubau der kantonalen Justizvollzugsanstalt im Flumenthaler Schachen ist kein Ort, um zu verweilen. Muss er auch nicht: Die allermeisten von uns werden sich nie freiwillig hierher begeben, auch wenn die Betonwände schon bald weiss und die Böden schön farbig gestrichen sind. Also stellen wir uns einfach vor, es ist Frühling 2015. Stellen wir uns vor, wir sind einer der ersten Straftäter, der zum Neubau transportiert wird. Wir passieren von Norden her den doppelten Sicherheitszaun. Beide Zäune sind über vier Meter hoch, sie haben «Nato-Stachelbandrollen» obendrauf, der innere reagiert auf jede Berührung.

«Gefilzt»

Überwachungskameras verfolgen unsere Fahrt zur grossen Eingangshalle; hinter der schusssicheren Scheibe befindet sich die Sicherheitszentrale. Ein Wachmann begleitet uns in einen Nebenraum, wo wir uns aller Kleider entledigen müssen und durchsucht werden. Im Fachjargon heisst das: Wir werden «gefilzt».

Neu eingekleidet gehts in den 1. Stock des Neubaus. Wurden wir vom Richter zu einer «normalen» Freiheitsstrafe von ein bis fünf Jahren verurteilt, leben wir künftig im Westtrakt. Wurde unsere Strafe zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben, weil der Gerichtspsychiater bei uns eine psychische Störung festgestellt hatte, kommen wir in den Osttrakt.

Für ein Leben lang auf 12,5 m²

Gehen wir mal davon aus, wir kommen in den Osttrakt. Um den ersten Neuankömmling zu begrüssen, ist auch der Direktor der Justizvollzugsanstalt, Paul J. Loosli, vor Ort. Er empfängt uns im 1. Stock und führt uns durch unsere neue Lebenswelt. Zunächst zeigt uns der Anstaltsdirektor die Zelle: Hier schlafen wir in den nächsten 5 Jahren, vielleicht auch 10 oder 15 Jahren – manchmal gar unser ganzes Leben lang, je nach dem, ob wir erfolgreich therapiert werden können und keine Gefahr mehr für die Menschen draussen darstellen.

Die Zelle ist zweieinhalb auf fünf Meter gross (wie ein Autoparkplatz), 12,5 m² um exakt zu sein. «Wir haben die Zellen 0,5 m² grösser gebaut, als es die Europäische Menschenrechtskonvention vorschreibt», erklärt uns Direktor Loosli. «In der Strafanstalt Schöngrün, die Ende 2014 zugunsten der neuen Justizvollzugsanstalt aufgehoben wurde, waren es nur 6 m².»

«3 cm dicke Stäbe»

Wir sehen ein Bett, einen Schrank, ein Pult – alle aus massivem Buchenholz. Mitten im Raum steht David Brunner vom Kantonalen Hochbauamt. Er hatte beim Neubau die Fäden in der Hand und inspiziert gerade die letzten Schreinerarbeiten. «Wir haben die Möbel speziell robust bauen lassen, damit Sie nichts kaputt machen oder niemanden verletzen können», erklärt uns Brunner.

Wir blicken an ihm vorbei durch die grosse Sicherheitsscheibe nach draussen und sehen die Felder und Bäume des Flumenthaler Schachens. «Sie sollen nicht vergessen, dass auch eine Welt draussen existiert», erklärt uns Brunner – eine Welt ausserhalb des Hochsicherheitszauns, in die wir uns irgendwann einmal wieder integrieren sollen. Beeinträchtigt wird unsere Sicht nach draussen durch ein massives Gitter, das die Hülle des gesamten Neubaus umgibt. «Die Stäbe sind 3 cm dick», sagt der Mann vom Hochbauamt. Wir haben verstanden.

«Bis zu drei Wochen in der Sicherheitszelle»

Als Insasse werden wir nur die Nacht in der Zelle verbringen. Tagsüber wird gearbeitet, von 8 bis 17 Uhr. Einmal pro Woche besuchen wir eine Therapiesitzung, einzeln und in der Gruppe. Wer sich weigert oder sich sonst schlecht benimmt, kommt in die Sicherheitszelle in der Mitte des Neubaus. «Hier können wir Sie bis zu drei Wochen festhalten», warnt uns Anstaltsdirektor Loosli.

Wir gehen aber davon aus, dass wir ein anständiger Insasse sein werden. Tagsüber arbeiten wir im Erdgeschoss in einer der Werkstätten oder draussen im Gemüsebau. «Es gibt Insassen, die im Auftrag der Privatwirtschaft zum Beispiel Elektrobikes zusammenbauen», erklärt uns Loosli. In den Pausen können wir ausserhalb des Gebäudes in einem abgesicherten Gelände spazieren gehen.

«Sie müssen keine Angst vor den anderen haben»

Die täglich drei Mahlzeiten werden im 1. Stock eingenommen, ganz im Osten des Gebäudes. Dort befinden sich der grosse Essens- und Aufenthaltsraum. Am Wochenende kochen wir zusammen mit den anderen neun Insassen unserer Wohngruppe. «Sie müssen keine Angst vor den anderen haben», beruhigt uns Loosli. «Alle Neuankömmlinge werden zunächst während mehrerer Wochen oder gar Monate in einer speziellen Station genau beobachtet.»

Beim Esssaal gibt es auch einen Aussenbereich, geschützt durch das massive Stahlgitter. Dort können wir die frische Frühlingsluft einatmen und den Spaziergängern zuschauen, wie sie auf den Feldwegen manchmal stehen bleiben, um zu uns hochzuschauen. Sprechen dürfen wir aber nicht mit ihnen – vielleicht sehen wir sie in vielen Jahren an einem anderen Ort wieder.