Neuer CEO

Ein bisschen Bollywood in Solothurn: Chefwechsel beim Uhrenhersteller Favre-Leuba

Philippe Roten kann sein Uhren-Faible beim Solothurner Hersteller Favre-Leuba ausleben.

Philippe Roten kann sein Uhren-Faible beim Solothurner Hersteller Favre-Leuba ausleben.

Nach dem plötzlichen Abgang des Inders Vijesh Rajan hat Philippe Roten bei Favre-Leuba als CEO übernommen.

Es war ein stiller und vor allem völlig unerwarteter Abgang. Noch Anfang Oktober 2019 gab Vijesh Rajan, indischer CEO des Solothurner Uhrenherstellers Favre-Leuba, der «Solothurner Zeitung» ein ausführliches Interview, in dem er über seine Visionen für die zweitälteste Uhrenmarke der Schweiz sprach. Er erzählte von der schwierigen Entscheidung, im Januar 2019 seine Familie zu verlassen und in das Land der Schokolade, der Banken und Uhren zu ziehen. Und er sagte: «Meine Frau und meine zwei Töchter sollen mittelfristig bei mir wohnen.»

Die Reaktivierung der Marke sollte unter dem indischen Geschäftsführer in eine zweite Phase übergehen, Favre-Leuba wollte international wachsen. Rajan schien dafür der richtige Mann. Zuvor war er während 18 Jahren in rund 30 Ländern für den indischen Milliardenkonzern Titan (Teil des 100- Milliarden-Konglomerats Tata Group) tätig, der auch Favre- Leuba kaufte. Als Führungskraft. Bei Amtsantritt sagte Rajan: «Ich will Favre-Leuba in den nächsten Jahren wieder als Top-Brand am Schweizer Uhrenhimmel positionieren.»

«Grossartige Chance» im Mutterhaus

Nun, es sollten nicht Jahre, sondern bloss 14 Monate werden. Und da kommt der neue Mann ins Spiel: Philippe Roten wurde Titan empfohlen. Der 53-jährige Walliser war zuletzt zwar nicht mehr in der Uhrenbranche tätig, aber er war bei weitem kein Unbekannter. Unter anderem arbeitete er in leitenden Funktionen für die LVMH Group und Swatch Group. Die Inder trafen sich mit Roten, man unterhielt sich über Vorstellungen und Werte – und die Inder fanden Gefallen am Walliser. Offenbar versprachen sie sich mehr von einem Schweizer am Kopf einer Schweizer Uhrenmarke.

Da kam es gelegen, dass es in der Zwischenzeit auch im Mutterhaus Titan zu Verän­derungen gekommen war. Einige Führungskräfte in höchsten Positionen traten altersbedingt ab. ­Vijesh Rajan wurde also zurück in die Heimat beordert, wo er Anfang Jahr die Leitung der Schmuckabteilung von Titan übernahm, einem wichtigen Teilbereich des Unternehmens – sowohl bezüglich des Umsatzes als auch bezüglich der Rendite. Von offizieller Seite heisst es also: «Herr Rajan hat Favre-­Leu­ba im Januar verlassen, um eine grossartige Chance zu nutzen, die ihm vom Mutterunternehmen in Indien geboten wurde. Er hatte so auch wieder die Möglichkeit, mit seiner Familie zu leben.» Derweil hat der in Zug wohnhafte Roten in Solothurn übernommen. Er arbeitete zuletzt zwar als strategischer Be­rater im Bausektor und zuvor als Verkaufsleiter von Bang & Olufsen. Aber, wie angetönt, war er bis 2018 fast ausschliesslich im Uhrensektor beschäftigt. Roten übernimmt das Traditionshaus Favre-Leuba zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt. Kaum auf dem Chefsessel, bringt das Coronavirus die Weltwirtschaft praktisch zum Erliegen.

«Der Verkauf von Uhren bricht momentan komplett ein. Das ist absolut verständlich. Wir verkaufen ein Luxusprodukt, das in Zeiten wie diesen einfach keine Priorität hat», sagt Roten. Zugleich betont er, dass er sich davon nicht aus der Ruhe bringen lasse. Man habe nach dem Chefwechsel sowieso ein Übergangsjahr geplant. Weniger Neuheiten, Umstrukturierungen, Neuorientierung – das steht für Favre-Leuba 2020 an.

Das grosse Ziel: Raus aus der Nische!

Danach will Roten die Traditionsmarke wieder zu altem Glanz führen. «In den 60er- und 70er-Jahren verkaufte Favre-­Leuba allein in Indien 600'000 Uhren pro Jahr. Dieses Terrain hat man sukzessive eingebüsst. Aber die Tata Group hat Grosses vor und ist finanziell sehr potent», sagt der neue Chef. Es gehe in den nächsten Monaten und Jahren darum, Favre-Leuba aus der Nische der Extremsportler und Abenteurer herauszuführen, sie den älte­ren Chronometer-Fans wieder schmackhaft zu machen und bei den jüngeren überhaupt auf den Radar zu kommen.

So sehr das Coronavirus die Schweiz derzeit im Würgegriff hält, Roten gibt sich optimistisch. In Südostasien halte der Alltag langsam wieder Einzug, sagt er. Insbesondere auch in für den Uhrenmarkt wichtigen Ländern wie Hongkong, Taiwan oder auch Japan. «Das merken wir auch an den Verkaufszahlen in diesen Gebieten», so Philippe Roten. Die Menschen gingen wieder raus, träfen sich mit anderen. Und: «Sie gehen wieder shoppen. Da geht es um mehr als bloss den Kauf, shoppen hat auch einen wichtigen sozialen Aspekt.» Es weckt die Hoffnung, dass auch bei uns in nicht allzu ferner Zukunft wieder Normalität einkehren könnte.

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