Härkingen
Ein Bild, gemalt aus der Asche eines kremierten Menschen

Beim Wangenrieder Künstler Reto Bärtschi sind Kontroversen gewiss. Er hat den Attiswiler Kirchturm rosa bemalt und die eigene Abdankung geprobt. Jetzt inszeniert er sich in der Alten Kirche Härkingen. Er malt mit der Asche eines kremierten Menschen.

Erwin von Arb
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Künstlergruppe BBB (v.r.): Reto Bärtschi, Kurt Baumann und Michael Blume. eva

Künstlergruppe BBB (v.r.): Reto Bärtschi, Kurt Baumann und Michael Blume. eva

Erwin von Arb

Eine Sakristei in Rosa und eine Gondel, die zum Beichtstuhl wird: In den kommenden drei Monaten soll sich die Alte Kirche Härkingen zu einem Publikumsmagnet entwickeln. Das wünscht sich die Künstlergruppe BBB mit Reto Bärtschi aus Wangenried, Kurt Baumann aus Aarwangen und Michael Blume aus Niederbipp BE. Die schillerndste Figur des Trios ist zweifellos Remo Bärtschi, der letztes Jahr mit dem rosa bemalten Kirchturm in Attiswil schweizweit Schlagzeilen machte.

Hang zur Farbe Rosa

Für Attiswil habe sich das Experiment gelohnt, die Leute seien in Scharen gekommen, erwähnt der 41-jährige Reto Bärtschi. Unterdessen ist der Turm in Attiswil wieder weiss geworden. Grund genug, ein neues Projekt zu suchen, um seinen ungestümen Hang zur Farbe Rosa ausleben zu dürfen. Da sei ihm die Anfrage von Judith Nussbaumer vom Vorstand Alte Kirche Härkingen gerade recht gekommen. In zartes Rosa hüllen will Bärtschi die westlich an die Kirche angebaute Sakristei. Das Ausmalen der Fläche besorgt ein Malergeschäft in der Region. Für die in Weiss gehaltene Kringelschrift sorgt Bärtschi wiederum eigenhändig: «Ich schreibe liebliche Wörter und Sätze, wie sie in einem Liebesbrief stehen könnten, mehrfach übereinander.»

Bärtschi setzt sich auch mit dem Tod, der Vergänglichkeit des Menschen auseinander. Aktuell tut er dies auch auf dem Skulpturenweg «dehors – Kunst im Wald» im Säliwald in Olten, wo Bärtschi in einer von ihm gebauten Kapelle aus Stahl seine eigene Abdankung einübt. Allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In Härkingen wagt sich der Künstler in einen anderen Grenzbereich. Aus der Asche eines kremierten Menschen, welche er vorgängig mit Farbe vermischt, will Bärtschi in der Alten Kirche zwei Bilder malen.

Beichten in der Skiliftkabine

Auf eine Gratwanderung begibt sich auch Michael Blume. Der gebürtige Österreicher, der auch in Genua ein Atelier hat, wird vor der Kirche eine alte, in Olten gefertigte Skiliftkabine installieren. Diese will er in einen Beichtstuhl umfunktionieren. Die Beichten allfälliger «Sünder» werde aber nicht von einem Geistlichen abgenommen, sondern von einem Gerät aufgezeichnet. Die Verfehlungen der Beichtenden sollen einmal wöchentlich vom Turm der Kirche öffentlich verlesen werden. Die Aufgabe will Reto Bärtschi übernehmen. «Die Beichten werden natürlich in anonymisierter Form vorgetragen», versichert er.

Bereits sichtbare Spuren hinterlassen hat Kurt Baumann mit seinem vor der Kirche installierten Windobjekt. Mit im Alltag nicht mehr benötigten Gegenständen will Baumann Akzente setzen, die den Betrachter verblüffen. Etwa mit ausgedienten Kunststoffgriffen von Plastiksäcken, mit welchen er aneinandergereiht Objekte unterschiedlichster Art kreiert. Dazu gehören zum Beispiel auch Obstschalen, die neben der Erfüllung ihrer Funktion auch ästhetisch überraschend viel hergeben.

Auch mal ein Fest

Baumann wird die Fenster der Kirche mit aus Plastiksackgriffen gefertigten Elementen in den Farben Schwarz, Weiss und Rot behängen. Im Kopf hat der Künstler eine Art Vorhang, welcher der Kirche von innen wie von aussen eine besondere Note verleihen soll. Wie viele Fenster er bis Mitte November schaffen werde, lasse sich nicht abschätzen. Dazu gehörten auch Einflüsse aus dem Dorf und aus der Region, wie Bärtschi dazu bemerkt: «Wir lassen uns gerne von der Bevölkerung inspirieren. Jeder soll die Freiheit haben, sich frei zu äussern. Einzelpersonen, Schulklassen oder Vereine sind jederzeit bei uns willkommen. Und das eine oder andere Mal steigt bei uns auch ein spontanes Fest, Künstler können das besonders gut.»

Noch müssen sich die drei Künstler und die allfällig interessierte Bevölkerung gedulden. Das Projekt startet erst am 13. August. Bis dann sollte klar sein, wann die Künstler mit Sicherheit in Härkingen anzutreffen sein werden. Oft vor Ort sein dürfte Reto Bärtschi. Die Empore über dem Eingang der Kirche soll ab Mitte August sein Schlafzimmer sein.

Final im November

Den Abschluss des in vielen Belangen aussergewöhnlichen Projekts markiert die finale Ausstellung, an welcher die Künstlergruppe BBB vom 2. bis 18. November ihre Werke dem breiten Publikum präsentieren wird. Die Objekte im Aussenbereich der Kirche, von denen einige bereits installiert sind, werden bis im Frühling 2013 stehen bleiben.