m Aufenthaltsraum des Wohn- und Pflegeheimes St. Niklaus in Koppigen sitzt Yvonne Schwienbacher schon parat. Auf dem Tisch ausgebreitet: Fotografien und Dokumente aus ihrem Leben. Die Fotos zeigen sie als junges Mädchen, mit ihrer Familie, an ihrem Arbeitsplatz in einem Fotogeschäft, auf der Piste in Arosa, beim Spazieren in Paris, beim Malen im Louvre.
Und damit sind auch schon die herausragendsten Eckpunkte im Leben der Yvonne Schwienbacher, geborene Lehmann aus Solothurn, gestreift. Mit dabei beim Gespräch sind Urgrossnichte Daniela Meyer und deren Mutter. Sie sind die nächsten Verwandten der 100-Jährigen und betreuen sie seit Jahren.

Musiker und Tänzerin

Ihr Vater sei ein Musiker gewesen, berichtet Yvonne Schwienbacher. Musik habe er gemacht, der Otto Lehmann, mit der Violine und dem Klavier und auch im Theater war er beschäftigt. Dort hat er auch seine Ehefrau, die französische Tänzerin Antoinette Guy kennengelernt und sie geheiratet. Die beiden bekamen drei Kinder, wovon Yvonne die Mittlere war. «Meine Mutter hat sich in Solothurn nicht wohlgefühlt», weiss sie. Als das Mädchen vier Jahre alt war, verliess die Mutter die Familie Richtung Frankreich. Sie sei ihr nie böse gewesen, sagt Yvonne Schwienbacher. «Ich habe sie ja immer mal wieder getroffen und sie schon verstanden.»

Das aufgeweckte Mädchen machte in Solothurn eine Lehre als Fotografin, danach arbeitete sie, bis sie 21 Jahre alt war, im bekannten Fotogeschäft Hausammann in Zürich. Doch das Stadtleben war nicht alles – es zog sie in die Berge, nach Arosa. Auch dort arbeitete sie in einem Fotogeschäft und wurde die Freundin des damals bekannten Skifahrers David Zogg. Von ihm ist die 100-Jährige heute noch begeistert und zeigt freudig sein Foto. «David Zogg war damals Arosa.» Und sie fährt fort, sie selbst sei sehr beliebt gewesen damals in Arosa, weil sie eine der Wenigen war, die etwas Englisch konnte. «Das habe ich bei Frau Oetterli in Zuchwil gelernt», erzählt sie, die noch immer alle Personen beim Namen nennen kann, die in ihrem Leben von Bedeutung waren.

Bilder aus dem Leben von Yvonne Schwienbacher

Nach dem Skistar traf sie auf einen Erfinder und Tüftler: Georges Schwienbacher, ursprünglich ebenfalls Fotohändler und ebenfalls aus Solothurn stammend. Im Alter von 26 Jahren heiratete sie ihn und sagt bis heute: «40 Jahre waren wir verheiratet. Mein Mann hat mich stets unterstützt und gesagt, dass gut ist, was ich mache.»

Leben in Paris

Es waren die schlimmen Jahre des Zweiten Weltkrieges und trotz der Besetzung von Paris durch das Dritte Reich wagte das junge Ehepaar ein Leben in der Seine-Stadt. Georges Schwienbacher arbeitete mit an der Entwicklung des Fotokopiergerätes. Seine Frau Yvonne begann ebenfalls zu kopieren – allerdings mit dem Malpinsel. Seit ihrer Kindheit habe sie gerne gemalt und in Paris sei sie dieser Leidenschaft vermehrt nachgegangen, erzählt sie weiter. So sei sie auch eines Nachmittags an der Seine gesessen und habe gemalt, begleitet von ihrem Hund. «Da sprach mich eine griechische Prinzessin an, ob ich sie nicht besuchen wolle. Ich gefiele ihr, denn ich sei sehr tierlieb. Sie wollte mir und meinem Mann eine bessere Wohnung verschaffen.» So kam Yvonne Schwienbacher mit Künstlerkreisen in Kontakt und auf die Idee, sich beim Louvre als Kopistin vorzustellen. «Damals arbeiteten etwa 12 Kopisten im Louvre. Wir hatten die Aufgabe, die berühmten Gemälde zu kopieren. Diese Bilder wurden dann verkauft.» In Paris habe damals noch viel Angst und Unsicherheit geherrscht, berichtet die betagte Frau, doch es gab auch spannende Begegnungen. «Soll ich Ihnen erzählen, wie ich Orson Wells begegnet bin?». Sie freut sich spitzbübisch, davon zu berichten. «Er hat uns im Louvre besucht, nachdem ich mit ihm abgemacht habe. Er war ein ganz besonderer Mann. Als er starb, haben wir alle geweint.»

Als Kopist sei man schon immer wieder mal damit konfrontiert worden, ein kopiertes Bild als ein Echtes zu verkaufen. «Ein Kollege von mir ist dem Geld erlegen und hat ein kopiertes Bild von Frans Hals als echt verkauft. Er kam danach für einige Jahre ins Gefängnis. So etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen». Im Lauf der Jahre in Paris habe sie immer öfter bekannte Persönlichkeiten porträtiert. Eine besondere Freundschaft pflegt sie bis heute mit dem deutschen Rock’n’Roller Peter Kraus. «Doch leider geht es ihm heute nicht so gut», weiss die 100-Jährige über den 80-Jährigen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren ist Yvonne Schwienbacher hin und wieder auf Promi-Seiten Thema gewesen. Die Artikel liegen ausgeschnitten und auf ein Plakat aufgeklebt auf dem Tisch.

Heute in Koppigen

In den Achtziger Jahren starb ihr Mann Georges überraschend. «Ab diesem Zeitpunkt habe ich nichts mehr gemalt», sagt sie. Sie sei wieder in die Schweiz, nach Leuzigen gezogen und habe ihr Leben den Tieren gewidmet. Vielen Katzen und etlichen Hunden gab sie ein Zuhause, zuletzt in einem Haus in Rütschelen.

Vor rund eineinhalb Jahren hatte Yvonne Schwienbacher einen leichten Schlaganfall, seither lebt sie im «St. Niklaus» in Koppigen. Das Leben ist einsamer geworden und beschwerlicher – natürlich. Sie telefoniere viel und leider habe sie ihre Lieblingskatze nicht ins Heim mitnehmen können. Hin und wieder komme ihr zu wenig Schoggi auf dem Tisch, erzählt sie über ihr Leben und schmunzelt. Morgen, zum grossen Geburtstag, kommt Besuch. Der Gemeindepräsident habe sich angekündigt und Verwandte und Bekannte kommen zum Gratulieren. Und dann: «Das ist ja wunderbar», ruft sie begeistert, als sie die moderne Kamera unseres Fotografen sieht. Vielleicht ist Begeisterung ein Lebenselixier.