Kanton Solothurn
Ein Alltag am Limit: Wie Covid-19 die Pflegenden in den Spitälern belastet

Das Pflegepersonal in den Spitälern ist am Anschlag. Sie haben eine hohe Arbeitsbelastung und Druck von den Angehörigen. Barbara Camen, die Direktorin Pflege der soH, gibt Auskunft darüber, wie sich der Alltag der Pflegenden durch Corona verändert hat.

Rebekka Balzarini
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201 Neuinfektionen mit dem Coronavirus verzeichnete der Kanton Solothurn am Mittwoch. Die Ansteckungszahlen bleiben hoch, und das hat Auswirkungen auf die Spitäler im Kanton. Diese sind voll, die Lage ist angespannt. Das betonte die Solothurner Regierung gemeinsam mit dem Kantonsarzt und Vertretern der Solothurner Spitäler AG (soH) an einer Medienkonferenz am Dienstag. Entsprechend gelten ab Freitag strengere Schutzmassnahmen im Kanton – allenfalls werden sie aufgrund der neuen Vorschläge des Bundes gar noch weiter verstärkt.

Stand Mittwoch mussten in den Spitälern im Kanton 71 Patientinnen und Patienten gepflegt werden, 12 davon auf der Intensivstation. Aktuell führen die Spitäler nur noch einen Viertel der sonst üblichen Wahl-Behandlungen durch, um genügend Personal für die Versorgung von Covid-19-Patienten zur Verfügung zu haben.

Hohe Arbeitsbelastung und Druck von Angehörigen

Wie sich der Alltag der Pflegenden in den Spitälern verändert hat, weiss Barbara Camen, die Direktorin Pflege der (soH). «Die Pflegefachpersonen haben während Wochen viel Engagement gezeigt, sind eingesprungen und haben sich im Team gegenseitig unterstützt», beschrieb sie im Rahmen der Medienkonferenz. Aber sie betonte auch: «Es ist ein Alltag, an dem alle am Limit laufen. Auf Abteilungen, wo die Fluktuation gross war mit Patienten, die einen kleinen Eingriff brauchten, sind jetzt hochkomplexe Fälle.»

Die Betreuung der Patienten im Spital sei aus mehreren Gründen anspruchsvoller geworden, so Camen. «Wir haben hochkomplexe Patientensituationen, Angehörige im Ausnahmezustand und Mitarbeitende, die selbst krank sind.» So sei es etwa belastend, dass die Besuche von Angehörigen momentan nur beschränkt möglich sind. Pro Patient ist nur ein Besucher oder eine Besucherin pro Tag für maximal eine Stunde erlaubt.

Patientinnen und Patienten in Mehrbettzimmern müssen sich für die Besuche mit ihren Zimmernachbarn absprechen. «Nicht alle haben dafür Verständnis, und lassen ihre Wut über diese Regeln am Personal aus», berichtet Camen.

Diese Anfeindungen zehren laut ihr an den Kräften der Pflegekräfte, die ohnehin psychisch stark gefordert seien. Nicht nur aufgrund der langen Arbeitstage, sondern weil sie vermehrt schwierige Entscheidungen treffen müssen: «Ethische Diskussionen sind neu auf den Stationen an der Tagesordnung», so die Direktorin der Pflege.

Die Entscheidung darüber, welche Patienten wie behandelt werden sollen, liege bei den Ärzten, die Entscheidungen belasten und beschäftigen aber auch das Pflegepersonal sehr. «Das Pflegepersonal ist in den Patientenzimmern viel präsenter. Deshalb ist auch ihre Meinung gefragt, wenn über die Behandlung von Patienten entschieden wird», erklärt Camen. Zwar bestehe in der soH das Angebot, dass ethische Fragen mit einem speziell dafür ausgebildeten Team besprochen werden können. Allerdings werde dieses noch nicht oft genug genutzt, und die Pflegekräfte blieben mit den schwierigen Entscheidungen allein.

Camen erhofft sich für die nächsten Wochen, dass die Fallzahlen zurückgehen und die Belastung für das Personal abnimmt. Und auch, dass in der Gesellschaft wahrgenommen wird, wie hart die Pflegekräfte in den Spitälern jeden Tag arbeiten. «Den Leuten, die im Spital waren, ist bewusst, was die Pflegekräfte leisten», so Camen. «Im Rest der Gesellschaft hat sich aber nicht viel verändert.»