Seit dem Unfall sind schon mehr als sechs Jahre vergangen. Der 23. April 2007 war der Unglückstag für einen damals 41-jährigen Zimmermann, der an der Überbauung Leinfeld in Trimbach mit Dachdeckerarbeiten beschäftigt war. Als er mittags um 13.30 Uhr vom Dach stieg und das Baugerüst betrat, brach das Brett des Spenglergangs durch. Der Arbeiter stürzte 5 Meter in die Tiefe. Mit schweren Verletzungen wurde er ins Kantonsspital Olten eingeliefert.

In Anbetracht der Sturzhöhe hatte der Verunfallte Glück im Unglück. Brüche von Brust- und Lendenwirbeln machten Spitalaufenthalte nötig, und er musste während dreier Monate ein Gipskorsett tragen. Zehn Monate lang war er gar nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig. Doch abgesehen davon, dass er sein Hobby, den Judosport, nicht mehr so wie früher betreiben kann, kam er ohne schwere bleibende Schäden davon.

Warum brach das Brett durch?

Wer war schuld am bösen Sturz? Die Staatsanwaltschaft zog den Inhaber der Gerüstbaufirma aus dem Aargau und den Bauleiter vor Gericht. Die Amtsgerichtspräsidentin von Olten-Gösgen sprach am 7. November 2012 beide der fahrlässigen Körperverletzung schuldig, den Gerüstbauer zusätzlich der Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde, und verurteilte sie zu bedingten Geldstrafen von 70 beziehungsweise 50 Tagessätzen, mit einer Probezeit von zwei Jahren. Der Gerüstbauer sollte zusätzlich eine Busse von 1000 Franken zahlen.

Die beiden Angeklagten, heute 55- und 45-jährig, fühlten sich jedoch nicht schuldig am Unfall des Zimmermanns. Sie legten gegen das Urteil Berufung ein und fanden sich gestern vor der Strafkammer des Obergerichts in Solothurn wieder. Diese beurteilte den Fall unter dem Vorsitz von Hans-Peter Marti, mit Daniel Kiefer als Referent, Thomas Flückiger als Beisitzer und Beatrice Ramseier als Gerichtsschreiberin.

Als Vertreter des Verunfallten forderte Rechtsanwalt Christian Haag (Luzern) die Bestätigung des Urteils der ersten Instanz. «Nach dem Suva-Merkblatt hätte das Brett mindestens 4,5 cm dick sein müssen, tatsächlich war es aber nur 1 cm dick.» Dass eine Brettdicke von weniger als einem Viertel der Vorschrift eindeutig ungenügend war, hätte der Gerüstbauer als erfahrener Berufsmann erkennen müssen. Er habe seine Sorgfaltspflicht verletzt, indem er das Brett nicht geprüft habe. Der Bauleiter seinerseits habe den vorgeschriebenen Kontrollgang unterlassen.

«Nur für Schnittholzbretter»

Die beiden Verteidiger beharrten auf Freisprüchen. Die Anforderung von 4,5 cm Dicke gelte nur für Schnittholzbretter, meinte Rechtsanwalt Armin Schätti (Reinach AG), der den Inhaber und Geschäftsführer der Gerüstbaufirma vertrat. Beim Unfallbrett habe es sich jedoch um einen Kombi-Belag aus Metall und Schichtholz gehandelt. Und eine Vorschrift über das Material für Spenglergänge gebe es nicht.

Anwalt Schätti vertrat die Ansicht, das Brett sei durchgebrochen, weil das Holz angefault war, was aber für den Gerüstbauer nicht erkennbar gewesen sei. Ob das Brett standgehalten hätte, wenn es nicht faul gewesen wäre, sei nie überprüft worden – und könne auch nicht mehr festgestellt werden, weil das Brett in der Zwischenzeit von der Polizei vernichtet worden sei. Ferner sei im Baujournal nirgends festgehalten, dass der Gerüstbauer das Gerüst freigegeben habe.

«Oltner Urteil ist verschwurbelt»

Im Plädoyer von Rechtsanwalt Philipp Gressly (Solothurn) für den Bauleiter nahmen formelle Kritikpunkte breiten Raum ein. Die Anklageschrift sei unklar, der Bauleiter habe nie genau gewusst, was ihm vorgeworfen werde. Zudem sei es eine verbotene «Alternativanklage». Die Erwägungen des erstinstanzlichen Gerichts wiederum bezeichnete Gressly als «verschwurbelt». Der Bauleiter habe keine elementaren Sicherheitsvorschriften verletzt, und das Gericht sage in seinem Urteil nicht, was er denn hätte tun sollen, um den Unfall zu vermeiden.

Beide Verteidiger vertraten zudem den Standpunkt, die Arbeitsunfähigkeit des vom Gerüst gestürzten Zimmermanns erfülle die Voraussetzungen für eine schwere Körperverletzung nicht, von der die Amtsgerichtspräsidentin ausgegangen war.

Berufung hat sich gelohnt

Das Obergericht geht nun in seinem Urteil von gestern davon aus, dass das Brett objektiv mangelhaft war – aber die Untersuchungsbehörden hätten nicht genügend abgeklärt, worin der Mangel bestand. So werfe die Anklage dem Gerüstbauer vor, dass er den Fehler hätte sehen müssen – aber was er hätte sehen müssen, bleibe unklar. Das Obergericht folgte auch der Argumentation der Verteidiger, dass die Anforderung von 4,5 cm Dicke für ein Schnittholzbrett gelte, aber nicht für ein Aluminium-/Schichtholzbrett.

Was den Bauleiter betrifft, so liegt es nach Darlegung des Obergerichts in dessen Verantwortung einzuschreiten, wenn er eine Verletzung elementarer Sicherheitsvorschriften feststellt – aber eine solche sei nicht nachgewiesen. Wie die Verteidiger kamen die Oberrichter zudem zum Schluss, dass die Kriterien des Bundesgerichts für eine schwere Körperverletzung nicht erfüllt seien.

Die logische Folge: Das Obergericht sprach beide Angeklagten frei und sprach ihnen eine Parteientschädigung zu. Für sie hat sich also die Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil gelohnt. Der verunfallte Arbeiter hingegen muss nun schauen, wer für allenfalls nicht von den Versicherungen gedeckte Kosten aufkommt: Seine Ansprüche muss er vor Zivilgericht einfordern.