Amtsgericht Solothurn-Lebern
Eifersüchtiger Liebhaber greift zur Pistole um eine Reaktion zu erhalten

Ein Dominikaner schoss im März 2013 auf die Wohnungstür seiner Freundin. Das Gericht muss nun klären, ob er damit bewusst den Tod der Frau in Kauf genommen hat. Nach eigenen Aussagen wollte er damit lediglich eine Reaktion provozieren.

Christoph Neuenschwander
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Das Gericht muss nun klären, ob der angeklagte bewusst den Tod seiner Freundin in Kauf genommen hat.

Das Gericht muss nun klären, ob der angeklagte bewusst den Tod seiner Freundin in Kauf genommen hat.

Oliver Menge

Wollte Armando V.* jemanden verletzen oder gar töten? Wollte er bloss, dass seine Freundin und ihr Liebhaber mit ihm reden? Oder hat er am Ende einfach zu viele Hollywood-Filme gesehen? Das Amtsgericht Solothurn-Lebern befasst sich derzeit mit der Frage, wie viel Vorsatz man einem Täter zuschreiben darf.

Die Ausgangslage ist unumstritten: Vor genau einem Jahr, am Morgen des 18. März 2013 fuhr der Beschuldigte zur Wohnung seiner Freundin Lisa M.*, die gleichzeitig eine Beziehung mit Erman K.* führte. Armando V. klingelte, klopfte an die Tür und rief, man solle ihm aufmachen.

Er wusste, dass sich seine Freundin zusammen mit K. in der Wohnung aufhielt. Nachdem alles Klopfen des Dominikaners nichts gebracht hatte, zückte er eine Pistole und schoss auf die Tür.

«Die Situation ist aus dem Ruder gelaufen», sagte Armando V. am gestrigen Verhandlungstag. In der Nacht zuvor habe ihn Erman K. angerufen und gesagt, er sei jetzt mit Lisa M. zusammen.

«Er bedrohte mich», erklärte V. dem Gericht. «Er sagte, wenn ich mich bei Lisa noch einmal blicken liesse, dann würde er mir und meiner Familie schaden. Das ist sehr respektlos.»

Staatsanwalt: Acht Jahre Gefängnis

Als Schutz habe er die Waffe mitgenommen, denn Erman K. sei ein zwielichtiger Typ mit gefährlichen Freunden. «Aber ich wollte nur mit ihm reden.» Als M. und K. die Tür nicht öffneten, sei er von der Wohnungstür im Hochparterre einige Stufen die Treppe hoch gestiegen, habe nach unten auf das Türschloss gezielt und abgedrückt.

Nach dem zweiten Schuss öffnete die Freundin die Tür. Armando V. schlug sie mit der Faust und dem Pistolengriff, als sie ihn umarmen wollte. Er habe gerade noch gesehen, wie Erman K. über den Balkon flüchtete. Was der Beschuldigte mit den beiden Schüssen zu erreichen gedachte, ist nicht eindeutig klar.

Armando V. selbst sagte gestern, er habe M. und K. Angst einjagen wollen, damit endlich eine Reaktion aus der Wohnung komme. Die Staatsanwaltschaft hingegen schliesst eine Tötungsabsicht nicht aus.

«Es ist niemand getroffen worden», sagte Staatsanwalt Marc Finger. «Aber das heisst nicht, dass man in die Richtung von zwei Personen schiessen darf - auch wenn noch eine Holztür dazwischen ist.» Der Beschuldigte müsse den Tod von Lisa M. und Erman K. zumindest in Kauf genommen haben.

Umstritten war in diesem Zusammenhang, ob Armando V. abschätzen konnte, wo sich die beiden in der Wohnung befanden. Diese hatten ausgesagt, vor der Schussabgabe angekündigt zu haben, dass sie zur Tür kommen und aufmachen.

Der Angeklagte sagte jedoch aus, er habe erst nach den beiden Schüssen eine Antwort erhalten. «Armando V. musste davon ausgehen, dass jemand hinter der Tür war», argumentierte der Staatsanwalt. «Zudem benutzte er die Waffe, die er angeblich nur zum Schutz mitgebracht hatte, obwohl in dem Moment kein Handlungsbedarf bestand.» Finger forderte, den Beschuldigten wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung zu acht Jahren Gefängnis zu verurteilen.

Verteidiger: «Drakonische Strafe»

Als «lebensfremd» bezeichnete Verteidiger Alexander Kunz die Forderung nach dieser «drakonischen Strafe». Vorsätze seien Konstruktionen, die in den Köpfen von Anwälten entstünden. Da ein Vorsatz in diesem Fall aber nicht nachgewiesen werden könne, sei bestenfalls der Tatbestand der Gefährdung des Lebens erfüllt.

«Mein Mandant stellte sich auf die Treppe und schoss steil nach unten auf Höhe des Knaufs in die Tür. Es bestand keine reale Lebensgefahr, ausser jemand hätte direkt hinter der Tür gestanden. Und woher um Gottes Willen hätte Armando V. wissen sollen, was auf der anderen Seite einer geschlossenen Tür passiert?» Kunz forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten wegen versuchter Gefährdung des Lebens. Das Gericht wird am Dienstagnachmittag entscheiden.

* Name von der Redaktion geändert.

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