Amtsgericht
Ehemaliger Dealer bleibt auf freiem Fuss, weil er «die Kurve kriegte»

In den Jahren 2009 und 2010 dealte Ardan P.* in der Region Solothurn, betrieb Geldwäscherei und verübte Einbruch. Weil er ein vollumfängliches Geständnis ablegte und sein Leben radikal besserte, bleibt er nun auf freiem Fuss.

Simon Binz
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Ardan P.* verkaufte vor Jahren 17,7 Kilogramm Marihuana – nun bekommt er vom Gericht seine allerletzte Chance. (Symbolbild)

Ardan P.* verkaufte vor Jahren 17,7 Kilogramm Marihuana – nun bekommt er vom Gericht seine allerletzte Chance. (Symbolbild)

Toni Widmer

Der Staatsanwalt, der Verteidiger und der Angeklagte stehen im Gang vor dem Gerichtssaal und diskutieren angeregt über Gerüstbau. Dabei spricht hauptsächlich der Angeklagte, während die zwei Anwälte äusserst aufmerksam zuhören und Fragen stellen. Zur gleichen Zeit diskutieren einige Meter nebenan – abgetrennt durch eine Holztüre – drei Richter, ob die beantragte Strafe des Staatsanwaltes für die Vergehen des Angeklagten angemessen ist. Wie nun? Spulen wir etwas zurück.

Am Freitag trafen sich die anfangs Erwähnten zu einer Gerichtsverhandlung vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt. Die Ausgangslage war klar: Der Angeklagte Ardan P.* legte im vornerein ein umfassendes Geständnis ab und zeigte sich mit einer vom Staatsanwalt vorgeschlagenen Strafe für den Verkauf von unter anderem 17,7 Kilogramm Marihuana einverstanden.

Das abgekürzte Verfahren wurde eingeleitet, weswegen Amtsgerichtspräsident Stefan Altermatt gleich zu Beginn der Verhandlung klarstellte, dass es kein Beweisverfahren geben wird. «Ich werde ihnen nur einige Fragen stellen», wandte er sich an Ardan P. und begann. «Eine Voraussetzung für das abgekürzte Verfahren ist die Anerkennung aller vorgeworfenen Delikte. Für uns gilt es, dies zu prüfen. Anerkennen Sie?» Ardan P. antwortete kurz aber bestimmt mit «Ja». Altermatt fuhr fort: «Sie müssen auch mit der Höhe der Strafe einverstanden sein.

«Holt nach, was er verpasste»

Der Staatsanwalt beantragt 20 Monate bedingt, bei einer Probezeit von 3 Jahren. Akzeptieren Sie?» Wieder antwortete Ardan P. kurz und bestimmt: «Jawohl». So verstrichen keine fünf Minuten und schon durften die Anwälte ran. Staatsanwalt Jan Gutzwiller erklärte die Höhe der Strafe und sprach davon, dass man sich angesichts zahlreicher Vorstrafen eine teilbedingte oder sogar unbedingte Strafe hätte überlegen können. «Ihm kann aber eine sehr gute Legalprognose ausgestellt werden», sagte er dann und unterstrich dies mit der Aussage, dass sich Ardan P. seit der Haftentlassung vor fünf Jahren gut benommen habe.

«Er arbeitet seit 2011 im gleichen Betrieb, holt berufsbegleitend die Lehre nach, hat geheiratet und ist Vater geworden. Seine finanziellen, familiären sowie beruflichen Verhältnisse sind gut», fasste Gutzwiller zusammen und fügte an, dass man ihm darum eine letzte Chance geben wolle. «Schliesslich würde es keinen Sinn machen, ihn diesem Umfeld zu entreissen.» Verteidiger Alexander Kunz tat anschliessend das, was Verteidiger selten tun. Er verwies auf die Ausführungen des Anklägers und ergänzte: «Mein Mandant holt jetzt nach, was er verpasste.»

«Sie haben die Kurve gekriegt»

Das bringt uns zurück zum Moment, als die Hauptakteure vor dem Gerichtssaal über Gerüstbau diskutierten. Ardan P. reflektierte im Beisein der Anwälte aber auch seine Vergangenheit. Er erzählte von einem mulmigen Gefühl im Gerichtssaal und davon, dass er, wenn er zurückschaue, ohne «alles was passiert ist» wohl nicht die Kurve gekriegt hätte. Der Staatsanwalt nutzte den Moment und erwähnte nochmals, dass dies wirklich seine allerletzte Chance sei. «Es ist beschämend, in welchem Alter ich dieses Zeugs verbrochen habe», sagte Ardan P. dann. «Wichtig ist, dass Sie die Kurve gekriegt haben, das zählt am Schluss», machte ihm der Staatsanwalt nun Mut. Ardan P. holte tief Luft und meinte noch, dass ihm in dem Saal fast die Decke auf den Kopf falle.

Einige Minuten später wurde klar, dass Ardan P. die Decke nicht auf den Kopf fallen wird. Die Richter verurteilten ihn zu der beantragten Strafe – er bleibt also auf freiem Fuss und muss die 5000 Franken Verfahrenskosten tragen. Gerichtspräsident Altermatt erwähnte, dass insbesondere der bedingte Vollzug Anlass zur Diskussion gab. «Wir entschieden uns dafür, weil die Hauptdelikte so lange zurückliegen. Noch mehr Einfluss hatten aber die guten Verhältnisse», so Altermatt.

Die Sechs-Seiten-Anklageschrift

Ardan P. kann sein neu gefundenes gutbürgerliches Leben also weiterführen. Bleibt nur noch eine Frage zu beantworten: Wie geriet der Mazedonier überhaupt in diesen Schlamassel? Als Beobachter fällt es nämlich schwer, sich den 31-Jährigen als Kriminellen vorzustellen. In den Jahren 2009 und 2010 war er aber genau das: Ardan P. hatte in der Region Solothurn mit rund 17,7 Kilogramm Marihuana gedealt und so einen Umsatz von 120 000 Franken und einen Gewinn von 12 750 Franken «erwirtschaftet».

Nebenbei verkaufte er eine kleine Menge Kokain (56 Gramm) und kaufte einmal 100 Ecstasy-Pillen, von denen er einige an seine Freunde weiterverschenkte. Weiter betrieb Ardan P. mehrfache Geldwäscherei, als er für einen Freund rund 12 000 Franken Drogengelder in Euros wechselte. Er brach zudem im Januar 2009 mit einem Komplizen in eine Firma ein und klaute 500 bis 700 Kilogramm Kupfer im Wert von fast 5000 Franken. Am 8. Juni 2010 änderte sich dann alles. Er wurde festgenommen und musste 22 Tage in Untersuchungshaft verbringen. Dies war, so zeigten sich gestern alle überzeugt, schliesslich das Ende seines kriminellen und der Start seines bürgerlichen Lebens.

*Name von der Redaktion geändert