Widerstand
Ehemalige «Geheimarmee» P-26: Die Geheimhaltung in Fleisch und Blut

Mitte Juni wurden in der Schlosskirche Spiez, Solothurner- und Berner Veteranen der ehemaligen «Geheimarmee» P-26 geehrt. Die Namen der Geehrten blieben für die Öffentlichkeit jedoch geheim. Wer dies verstehen will, muss die Geschichte der P-26 näher betrachten.

Lucien Fluri
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Kadermann der Schweizer Geheimarmee P26 Hans-Rudolf Strasser, Informationschef des Eidgenössischen Militärdepartements, EMD, und Führungsmitglied der Geheimorganisation P-26, aufgenommen im Januar 1990.
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 Hans-Rudolf Strasser, Informationschef des Eidgenössischen Militärdepartements, EMD, und Führungsmitglied der Geheimorganisation P-26, aufgenommen am 16. Dezember. 1980.
 Efrem Cattelan, rechts, alias «Rico» seit 1979 Chef der Geheimarmee P-26, nahm am 7. Dezember 1990 an einer Pressekonferenz im Bundeshaus in Bern erstmals Stellung zur von ihm mitaufgebauten und geleiteten geheimen Widerstandsorganisation. Schüzenhilfe erhielt Cattelan vom früheren Generalstabschef und Historiker Hans Senn, links, der der PUK EMD, die die Geheimarmee entlarvt hatte, ein legalistisches Vorgehen vorwarf. Generalstabschef Heinz Häsler, Mitte, versicherte seinerseits, dass die Organisation definitiv aufgelöst werde.
 Oberst Efrem Cattelan, alias «Rico», war seit 1979 Chef der Geheimarmee P-26, undatierte Aufnahme. Der Weltwoche-Journalist Urs-Paul Engeler enttarnte P26-Chef Efrem Cattelan. Der Bund gab seinen Namen nicht bekannt.
 Briefkasten der Firma Consec AG im Haus an der Bäumleingasse 2 in der Innenstadt in Basel. Die Consec AG diente angeblich zur Ausbildung von Aspiranten der Geheimarmee P-26, aufgenommen am 28. November 1990.
 Ständerat Carlo Schmid, rechts, und Nationalrat Werner Carobbio, links, Mitglieder der Parlamentarischen Untersuchungskommission PUK EMD zur geheimen Widerstandsorganisation P-26, geben am 24. November 1990 im Bundeshaus in Bern eine Pressekonferenz. Carlo Schmid präsidierte die PUK zur P-26 und schuf sich damit einen Namen. Kurze Zeit später wurde der Appenzeller Ständerat zum CVP-Präsidenten
 Haus an der Bäumleingasse 2 in der Innenstadt in Basel in dem die Consec AG ihren Sitz hat. Die Consec AG diente angeblich zur Ausbildung von Aspiranten der Geheimarmee P-26, aufgenommen am 28. November 1990. Als Personalvermittlungsfirma Consec getarnt, logierte P-26-Chef Efrem Cattelan mitten in Basel an der renommierten Bäumleingasse. Das Projekt kostete über die Jahre Millionen.
 Die P-26-Mitglieder lernten konspiratives Verhalten. Ein ausgehängter Kuhdraht etwa konnte eine versteckte Botschaft an einen P-26-Kollegen sein.
P-26 – Die ehemalige «Geheimarmee» der Schweiz
 Ein Soldat steht anlässlich einer Presseführung zur Information über die Geheimarmee P-26 beim Eingang der unterirdischen Bunkeranlage bei Gstaad im Berner Oberland, aufgenommen am 7. Dezember 1990. Der Stützpunkt diente der Geheimorganisation als Waffenlager und Ausbildungsanlage.
 Ein Soldat steht anlässlich einer Presseführung zur Information über die Geheimarmee P-26 beim Eingang der unterirdischen Bunkeranlage bei Gstaad im Berner Oberland, aufgenommen am 7. Dezember 1990. Der Stützpunkt diente der Geheimorganisation als Waffenlager und Ausbildungsanlage.
 Wohnraum in einer unterirdischen Bunkeranlage der Geheimarmee P-26 bei Gstaad im Berner Oberland, aufgenommen am 7. Dezember 1990 anlässlich einer Presseführung zur Information über die geheime Widerstandsorganisation. Der Stützpunkt diente der Geheimorganisation als Waffenlager und Ausbildungsanlage.
 Arbeitsraum in einer unterirdischen Bunkeranlage der Geheimarmee P-26 bei Gstaad im Berner Oberland, aufgenommen am 7. Dezember 1990 anlässlich einer Presseführung zur Information über die geheime Widerstandsorganisation. Der Stützpunkt diente der Geheimorganisation als Waffenlager und Ausbildungsanlage.
 Haus in einem Waldstück beim Areal des Armeefahrzeugparks in Oberburg bei Burgdorf, Kanton Bern, aufgenommen am 17. Juli 1991. In diesem Haus soll sich die Kommandozentrale der enttarnten Geheimarmee P-26 befunden haben.

Kadermann der Schweizer Geheimarmee P26 Hans-Rudolf Strasser, Informationschef des Eidgenössischen Militärdepartements, EMD, und Führungsmitglied der Geheimorganisation P-26, aufgenommen im Januar 1990.

Keystone

Es war ein denkwürdiger Anlass, der Mitte Juni in der Schlosskirche Spiez stattfand. Im Hochchor der 1000-jährigen Basilika hielt Regierungsrätin Esther Gassler eine Dankesrede. Sieben Männer und eine Frau, ehemalige Mitglieder der geheimen Schweizer Widerstandsorganisation P-26, erhielten aus den Händen der Militärdirektorin Urkunden für ihre Verdienste um die Schweiz.

Flankiert war die Solothurner Regierungsrätin vom Standesweibel. Anwesend war auch der Berner Regierungsrat Hans-Jürg Käser, der Berner P-26-Veteranen ehrte. Gemeinsam schaute man einen Film, bei strahlender Sonne floss im Schlosspark Weisswein. Doch die Namen der Geehrten bleiben für die Öffentlichkeit geheim.

Ein Sportverein, der ein verdientes Mitglied ehrt, aber den Namen allen anderen gegenüber verschweigt? Undenkbar. Eine Demokratie, die harmlose Bürger im Pensionsalter für ihre Verdienste ums Land lobt, aber die Namen geheim behält? Wer dies verstehen will, muss die Geschichte der P-26 näher betrachten - und das ist gar nicht so einfach, denn heute gibt es zwei Geschichten zur «Geheimarmee».

Aus dem Geist der Fichenaffäre

Die erste P-26-Geschichte wird 1990 geschrieben. Auf den Bedrohungskarten der Schweizer Armee sind die Pfeile rot und kommen aus dem Osten. Die Fichenaffäre ist aufgeflogen, der Ostblock bricht zusammen. In Bern deckt eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) die Existenz einer geheimen rund 400-köpfigen Widerstandsorganisation auf. Seit rund zehn Jahren hat das sogenannte Projekt 26 unter grösster Geheimhaltung Bürger für die verdeckte Widerstandsarbeit angeworben.

Das Bundesratskollegium ist über die Existenz nicht informiert, es gibt weder eine gesetzliche Grundlage noch eine klar definierte parlamentarische Kontrolle für die mit Schnellfeuerwaffen, Ordonnanzpistolen und Sprengstoff ausgestattete Organisation. Geführt wird die P-26 quasi privat - als Personalfirma getarnt mitten in Basel. Neue Mitglieder gewinnt sie ohne politische Kontrolle durch Selbstrekrutierung.

Zum Vorschein bringt die PUK, die die P-26 untersucht, auch Fichen, die im Eidgenössischen Militärdepartement (EMD) bis 1977 angelegt wurden. 442 Männer und 57 Frauen waren registriert und sollten als mögliche Saboteure und Verräter im Kriegsfall interniert werden.

Die Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr des EMDs betätigte sich auch als Schnüffelorganisation gegen vermeintlich von Moskau gesteuerte Bürger - Linke, Alternative, Drittwelt-Aktivisten und Kernkraft-Gegner. Trotz SP-Mitgliedern in der P-26 war für linke Kreise sofort klar, dass die geheime Widerstandsorganisation auch bei einer Regierungsübernahme der Linken im eigenen Land eingesetzt worden wäre. Aus Widerstandskämpfern, die eine Waffe zum Selbstschutz erhalten sollten, wurde eine private Guerilla-Truppe ohne demokratische Kontrolle.

P-26: Ein Teppich aus Kleinstzellen

Es war ein Skandal, der die Schweiz 1990 erschütterte - und heute milder betrachtet wird: Seit 1979 baute der Basler Jurist und Oberst im Generalstab Efrem Cattelan die P-26 auf. Gut 320 Schweizerinnen und Schweizer hatte das «Projekt 26» rekrutiert, bis es Anfang der 90-er Jahr nach einer parlamentarischen Untersuchung aufgelöst wurde. Im Falle einer Besetzung der Schweiz sollte die P-26 mittels subversiver Aktionen wie dem Verteilen von Flugblättern, aber auch mit Sabotageakten etwa an Brücken den Widerstandswillen der Schweiz zeigen. Per Funk wären sie mit dem Exil-Bundesrat in England oder Irland geblieben, wo sich auch Instruktoren der P-26 vom britischen Geheimdienst MI6 beraten liessen. Die Einzelheiten zur P-26 waren streng geheim. Die 80 über die Schweiz verteilten Widerstandstrupps bestanden u.a. aus einem Funker, einem Aktionsgruppenchef, einem Kurier und einem Geniespezialist. Mitglieder der unterschiedlichen Kleinstzellen kannten sich nicht. Der Name des Projekts 26 bezog sich auf die 26 Kantone. (lfh)

Sabotageakte gegen den Feind

Das zweite Geschichtsbild über die P-26 wird seit 2009 geschrieben. Ehemalige, die sich öffentlich äussern, bestimmen jetzt das Geschichtsbild und rechtfertigen ihre Lebensleistung.* Möglich ist das, weil seit 2009 ein Bundesratsbeschluss den Veteranen erlaubt, sich ohne Restriktionen zu äussern.

Das neue Geschichtsbild zeigt keine übereifrigen kalten Krieger, sondern hochanständige Bürger, Kaderleute und Familienväter. Mehrmals jährlich besuchten sie ohne Wissen ihrer Familien Ausbildungskurse im Bunker «Schweizerhof» ob Gstaad. Dort lernten sie im Dienst für ihr Land konspiratives Verhalten.

Ihr Zimmer verlassen sie meist nur für den Gang zur Toilette. Bewegen sie sich auf dem Korridor, tragen sie eine Gesichtsmaske. Untereinander sollen sich die P-26-Mitglieder nicht kennen, um einander beim Feindeseinmarsch nicht zu verraten. 40 voneinander unabhängige Widerstandsregionen sind über das ganze Land verteilt.

Jede dieser Kleinstzellen, die aus nur wenigen Leuten bestand, hätte für sich agiert. Ein bewaffneter, koordinierter Einsatz, wie er später kolportiert wurde, war schon von der Organisationsform her undenkbar. Erst wenn das Land bereits unterwandert und die Bevölkerung Repressionen ausgesetzt war, sollten die Mitglieder aktiv werden. Mit Sprayaktionen, Flugblättern oder Ballons mit Schweizerkreuzen, aber auch mit Sprengstoff-Sabotage an Telefonnetzen und Eisenbahnlinien sollten sie den Feind schwächen und den Schweizer Widerstandswillen aufrechterhalten.

«Hexenjagd» auf die Veteranen

Das neue Bild holt nach, was 1990 unmöglich war. Wegen der Schweigepflicht konnte sich damals kein Mitglied öffentlich gegen die Anschuldigung wehren. «Die PUK wurde zu einem Selbstläufer», sagt der Zürcher Historiker Felix Nöthiger, der die damalige Aufdeckung als «Hexenjagd» bezeichnet. Absolut integre und unverdächtige Leute seien kriminalisiert worden. Als Alpenguerilla, als verhinderte James Bonds und Pfadfindertruppe wurden sie lächerlich gemacht.

Statt im Dunstkreis der Fichenaffäre ist die P-26 im neuen Bild eingebettet in eine direkte Reihe mit der geheimen Widerstandsorganisation, die 1940 im Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. In den Hintergrund gerückt sind staatspolitische Fragen nach der gesetzlichen Grundlage und der fehlenden politischen Kontrolle. Die Veteranen sind heute im Vorteil: Akten zur P-26 bleiben weiterhin unter Verschluss, einige sogar bis 2041.

Gassler lobt die Gesinnung

Esther Gassler hat sich für das zweite Geschichtsbild entschieden. «Ob man alles richtig gemacht hat, kann ich nicht beurteilen», sagt die Militärdirektorin. «Aber ich bin überzeugt, dass die Leute bereit waren, etwas Gutes zu leisten.» Sie habe die Verdankung gerne übernommen. «Ich wollte Anerkennung und Respekt für den Willen des Einzelnen zeigen. Die Leute waren bereit, für das Land hinzustehen.»

Von sich aus habe das Solothurner Militärdepartement die Ehrung nicht angegangen, erklärt Diego Ochsner, Chef des Amtes für Militär und Bevölkerungsschutz. «Die Ehrung geht auf eine private Anfrage zurück.» Sie komme von Felix Nöthiger, der auch Sekretär der Ehemaligenorganisation ist.

Grundlage ist allerdings der bereits erwähnte Bundesratsbeschluss von 2009, der den Ehemaligen eine Ehrung zugesteht. Zahlreiche Kantone haben diese bereits durchgeführt. Der Bundesratsbeschluss hält auch fest, dass sich die Veteranen nicht mit Namen kenntlich machen müssen.

Wäre der Anlass öffentlich gewesen, so Gassler, «wären die Leute nicht gekommen. Sie sind sehr zurückhaltend. Das Geheimhaltungsprinzip ist wohl wirklich in Fleisch und Blut.» Acht Veteranen nahmen teil, einige weitere verzichteten auf die Urkunde. Verletzungen seien zurückgeblieben, so Gassler. «Die Leute wurden der Lächerlichkeit preisgegeben. Sie hatten das Gefühl, man habe ihren Dienst am Land nicht ernst genommen.»

Ein Outing steht bevor

Bald könnten ehemalige Solothurner Mitglieder der Widerstandsorganisation doch noch an die Öffentlichkeit treten. Dies deutet Nöthiger als Sekretär der Ehemaligenorganisation an. «Wohl jeder alteingesessene Solothurner kennt einen Namen», sagt Nöthiger.

Doch den Kontakt zu den Männern und Frauen will die Ehemaligenorganisation nur vermitteln, wenn ein Kontrollrecht über publizierte Texte gewährt wird - die Angst um «ihr» Geschichtsbild ist noch immer gross. Gut möglich, dass die P-26 Mitglieder weiter schweigen. Wie verschwiegen sie sein können, hat die Ehrung durch Esther Gassler gezeigt. Dort trafen zwei Brüder aufeinander. Bis kurz vor der Ehrung wussten beide nicht, dass der andere auch Mitglied der P-26 war.

* vgl. die umfassende Publikation: Martin Matter, P-26. Die Geheimarmee, die keine war. Wie Politik und Medien die Vorbereitung des Widerstandes skandalisierten, Baden 2012.

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