Es war ein denkwürdiger Anlass, der Mitte Juni in der Schlosskirche Spiez stattfand. Im Hochchor der 1000-jährigen Basilika hielt Regierungsrätin Esther Gassler eine Dankesrede. Sieben Männer und eine Frau, ehemalige Mitglieder der geheimen Schweizer Widerstandsorganisation P-26, erhielten aus den Händen der Militärdirektorin Urkunden für ihre Verdienste um die Schweiz.

Flankiert war die Solothurner Regierungsrätin vom Standesweibel. Anwesend war auch der Berner Regierungsrat Hans-Jürg Käser, der Berner P-26-Veteranen ehrte. Gemeinsam schaute man einen Film, bei strahlender Sonne floss im Schlosspark Weisswein. Doch die Namen der Geehrten bleiben für die Öffentlichkeit geheim.

Ein Sportverein, der ein verdientes Mitglied ehrt, aber den Namen allen anderen gegenüber verschweigt? Undenkbar. Eine Demokratie, die harmlose Bürger im Pensionsalter für ihre Verdienste ums Land lobt, aber die Namen geheim behält? Wer dies verstehen will, muss die Geschichte der P-26 näher betrachten - und das ist gar nicht so einfach, denn heute gibt es zwei Geschichten zur «Geheimarmee».

Aus dem Geist der Fichenaffäre

Die erste P-26-Geschichte wird 1990 geschrieben. Auf den Bedrohungskarten der Schweizer Armee sind die Pfeile rot und kommen aus dem Osten. Die Fichenaffäre ist aufgeflogen, der Ostblock bricht zusammen. In Bern deckt eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) die Existenz einer geheimen rund 400-köpfigen Widerstandsorganisation auf. Seit rund zehn Jahren hat das sogenannte Projekt 26 unter grösster Geheimhaltung Bürger für die verdeckte Widerstandsarbeit angeworben.

Das Bundesratskollegium ist über die Existenz nicht informiert, es gibt weder eine gesetzliche Grundlage noch eine klar definierte parlamentarische Kontrolle für die mit Schnellfeuerwaffen, Ordonnanzpistolen und Sprengstoff ausgestattete Organisation. Geführt wird die P-26 quasi privat - als Personalfirma getarnt mitten in Basel. Neue Mitglieder gewinnt sie ohne politische Kontrolle durch Selbstrekrutierung.

Zum Vorschein bringt die PUK, die die P-26 untersucht, auch Fichen, die im Eidgenössischen Militärdepartement (EMD) bis 1977 angelegt wurden. 442 Männer und 57 Frauen waren registriert und sollten als mögliche Saboteure und Verräter im Kriegsfall interniert werden.

Die Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr des EMDs betätigte sich auch als Schnüffelorganisation gegen vermeintlich von Moskau gesteuerte Bürger - Linke, Alternative, Drittwelt-Aktivisten und Kernkraft-Gegner. Trotz SP-Mitgliedern in der P-26 war für linke Kreise sofort klar, dass die geheime Widerstandsorganisation auch bei einer Regierungsübernahme der Linken im eigenen Land eingesetzt worden wäre. Aus Widerstandskämpfern, die eine Waffe zum Selbstschutz erhalten sollten, wurde eine private Guerilla-Truppe ohne demokratische Kontrolle.

Sabotageakte gegen den Feind

Das zweite Geschichtsbild über die P-26 wird seit 2009 geschrieben. Ehemalige, die sich öffentlich äussern, bestimmen jetzt das Geschichtsbild und rechtfertigen ihre Lebensleistung.* Möglich ist das, weil seit 2009 ein Bundesratsbeschluss den Veteranen erlaubt, sich ohne Restriktionen zu äussern.

Das neue Geschichtsbild zeigt keine übereifrigen kalten Krieger, sondern hochanständige Bürger, Kaderleute und Familienväter. Mehrmals jährlich besuchten sie ohne Wissen ihrer Familien Ausbildungskurse im Bunker «Schweizerhof» ob Gstaad. Dort lernten sie im Dienst für ihr Land konspiratives Verhalten.

Ihr Zimmer verlassen sie meist nur für den Gang zur Toilette. Bewegen sie sich auf dem Korridor, tragen sie eine Gesichtsmaske. Untereinander sollen sich die P-26-Mitglieder nicht kennen, um einander beim Feindeseinmarsch nicht zu verraten. 40 voneinander unabhängige Widerstandsregionen sind über das ganze Land verteilt.

Jede dieser Kleinstzellen, die aus nur wenigen Leuten bestand, hätte für sich agiert. Ein bewaffneter, koordinierter Einsatz, wie er später kolportiert wurde, war schon von der Organisationsform her undenkbar. Erst wenn das Land bereits unterwandert und die Bevölkerung Repressionen ausgesetzt war, sollten die Mitglieder aktiv werden. Mit Sprayaktionen, Flugblättern oder Ballons mit Schweizerkreuzen, aber auch mit Sprengstoff-Sabotage an Telefonnetzen und Eisenbahnlinien sollten sie den Feind schwächen und den Schweizer Widerstandswillen aufrechterhalten.

«Hexenjagd» auf die Veteranen

Das neue Bild holt nach, was 1990 unmöglich war. Wegen der Schweigepflicht konnte sich damals kein Mitglied öffentlich gegen die Anschuldigung wehren. «Die PUK wurde zu einem Selbstläufer», sagt der Zürcher Historiker Felix Nöthiger, der die damalige Aufdeckung als «Hexenjagd» bezeichnet. Absolut integre und unverdächtige Leute seien kriminalisiert worden. Als Alpenguerilla, als verhinderte James Bonds und Pfadfindertruppe wurden sie lächerlich gemacht.

Statt im Dunstkreis der Fichenaffäre ist die P-26 im neuen Bild eingebettet in eine direkte Reihe mit der geheimen Widerstandsorganisation, die 1940 im Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. In den Hintergrund gerückt sind staatspolitische Fragen nach der gesetzlichen Grundlage und der fehlenden politischen Kontrolle. Die Veteranen sind heute im Vorteil: Akten zur P-26 bleiben weiterhin unter Verschluss, einige sogar bis 2041.

Gassler lobt die Gesinnung

Esther Gassler hat sich für das zweite Geschichtsbild entschieden. «Ob man alles richtig gemacht hat, kann ich nicht beurteilen», sagt die Militärdirektorin. «Aber ich bin überzeugt, dass die Leute bereit waren, etwas Gutes zu leisten.» Sie habe die Verdankung gerne übernommen. «Ich wollte Anerkennung und Respekt für den Willen des Einzelnen zeigen. Die Leute waren bereit, für das Land hinzustehen.»

Von sich aus habe das Solothurner Militärdepartement die Ehrung nicht angegangen, erklärt Diego Ochsner, Chef des Amtes für Militär und Bevölkerungsschutz. «Die Ehrung geht auf eine private Anfrage zurück.» Sie komme von Felix Nöthiger, der auch Sekretär der Ehemaligenorganisation ist.

Grundlage ist allerdings der bereits erwähnte Bundesratsbeschluss von 2009, der den Ehemaligen eine Ehrung zugesteht. Zahlreiche Kantone haben diese bereits durchgeführt. Der Bundesratsbeschluss hält auch fest, dass sich die Veteranen nicht mit Namen kenntlich machen müssen.

Wäre der Anlass öffentlich gewesen, so Gassler, «wären die Leute nicht gekommen. Sie sind sehr zurückhaltend. Das Geheimhaltungsprinzip ist wohl wirklich in Fleisch und Blut.» Acht Veteranen nahmen teil, einige weitere verzichteten auf die Urkunde. Verletzungen seien zurückgeblieben, so Gassler. «Die Leute wurden der Lächerlichkeit preisgegeben. Sie hatten das Gefühl, man habe ihren Dienst am Land nicht ernst genommen.»

Ein Outing steht bevor

Bald könnten ehemalige Solothurner Mitglieder der Widerstandsorganisation doch noch an die Öffentlichkeit treten. Dies deutet Nöthiger als Sekretär der Ehemaligenorganisation an. «Wohl jeder alteingesessene Solothurner kennt einen Namen», sagt Nöthiger.

Doch den Kontakt zu den Männern und Frauen will die Ehemaligenorganisation nur vermitteln, wenn ein Kontrollrecht über publizierte Texte gewährt wird - die Angst um «ihr» Geschichtsbild ist noch immer gross. Gut möglich, dass die P-26 Mitglieder weiter schweigen. Wie verschwiegen sie sein können, hat die Ehrung durch Esther Gassler gezeigt. Dort trafen zwei Brüder aufeinander. Bis kurz vor der Ehrung wussten beide nicht, dass der andere auch Mitglied der P-26 war.

* vgl. die umfassende Publikation: Martin Matter, P-26. Die Geheimarmee, die keine war. Wie Politik und Medien die Vorbereitung des Widerstandes skandalisierten, Baden 2012.