Kestenholz
Durch «Burglind» verwüsteter Wald wird aufgeforstet – und soll «klimafitter» werden

Ein Jahr nach dem Wintersturm Burglind laufen die Wiederherstellungsarbeiten im Wald in Kestenholz auf Hochtouren. Wegen des Klimawandels werden gegenüber Trockenheit und Wärme robustere Baumarten gepflanzt. Der Kanton investiert 2 Millionen Franken.

Urs Moser
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Das Gebiet Stelli in Kestenholz im April 2019. Vor «Burglind» stand hier dichter Wald.
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Der Kanton informiert an einer Pressekonferenz zu «Ein Jahr nach Burglind und mitten im Klimawandel»
Revierförster Reto Müller erklärt das Ausmass der Schäden.
Im Forstrevier Oberes Gäu erstreckt sich die Schadenfläche über mehr als 90 Hektaren.
Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss informiert über das Engagement des Kantons bei der Wiederherstellung verwüsteten Flächen
Der Sturm riss hier das viereinhalbfache der Holzmenge zu Boden, die sonst in einem Jahr geschlagen wird.
Pressekonferenz zu «Ein Jahr nach Burglind und mitten im Klimawandel» in Kestenholz
Der Kanton unterstützt zahlreiche Projekte. Eine grosse Fläche wird aufgeforstet.
Regierungsrätin Brigit Wyss setzt eine junge Eiche.
Dann gibts noch zwei Stöcke auf der Seite....
... und ein Zaun zum Schutz herum.
Bei der Wiederaufforstung hofft man die betroffenen Waldgebiete widerstandsfähiger gegen den Klimawandel machen zu können.
Viktor Meier, Präsident der Bürgergemeinde Kestenholz
Die Gesamtkosten für die Wiederaufforstungsprojekte belaufen sich auf rund 2,7 Millionen, die für die Waldwege auf 560'000 Franken.
Peter Brotschi, Präsident Bürgergemeinden und Waldeigentümer-Verband des Kantons

Das Gebiet Stelli in Kestenholz im April 2019. Vor «Burglind» stand hier dichter Wald.

Bruno Kissling

Das Gebiet Stelli in Kestenholz, Forstrevier Oberes Gäu: Hier zeigt sich das Ausmass der Schäden besonders eindrücklich, die der Sturm Burglind anrichtete: Wo vor dem 3. Januar 2018 so dichter Wald stand, dass auch bei strahlendem Sonnenschein Dämmerungsstimmung war, herrscht heute auf 16 Hektaren Kahlschlag. Es wird 20 bis 30 Jahre dauern, bis die fast 28'000 Bäume, die hier seither zur Wiederaufforstung gesetzt wurden, wieder nach richtigem Wald aussehen und wieder eine forstwirtschaftliche Nutzung stattfinden kann.

Einen weiteren Baum hat am Montag Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss in Kestenholz gepflanzt, eine Eiche. Symbolisch, versteht sich. Wyss ist ins Gäu gekommen, um über das Engagement des Kantons bei der Wiederherstellung der von «Burglind» verwüsteten Flächen zu informieren – auch und gerade im Licht des Klimawandels. Der Kanton Solothurn und hier insbesondere das Aaregäu und das Niederamt gehören zu den am stärksten vom Sturm geschädigten Regionen.

Der Wald bei Kestenholz nahm grosse Schäden. Dieses Foto stammt vom 6.Januar 2018.

Der Wald bei Kestenholz nahm grosse Schäden. Dieses Foto stammt vom 6.Januar 2018.

Peter Brotschi

Die «Burglind»-Bilanz: Im ganzen Kanton wurden etwa 200 Hektaren Wald umgeworfen. Das sind 125'000 Kubikmeter Holz, etwa 70 Prozent einer üblichen jährlichen Nutzung. Im Forstrevier Oberes Gäu erstreckt sich die Schadenfläche über mehr als 90 Hektaren. Der Sturm riss hier das viereinhalbfache der Holzmenge zu Boden, die sonst in einem Jahr geschlagen wird.

Das Waldstück bei Kestenholz wurde im Januar 2018 durch den Sturm «Burglind» arg in Mitleidenschaft gezogen.
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Das Waldstück bei Kestenholz wurde durch den Sturm «Burglind» arg in Mitleidenschaft gezogen.
Im Ballypark musste eine gut 100-jährige Buche entfernt werden, die wegen Sturm «Burglind» direkt auf eines der Pfahlbauerhäuschen kippte.
Im Ballypark musste eine gut 100-jährige Buche entfernt werden, die wegen Sturm «Burglind» direkt auf eines der Pfahlbauerhäuschen kippte.
Dieser Lastwagen fiel «Burglind» zum Opfer. Er blockierte die Durchfahrt auf der Autobahn A1 Fahrtrichtung Bern zwischen Oensingen und Niederbipp.
In Biberist fiel ein Baum auf Auto in Biberist – eine Person wurde dabei leicht verletzt.
Nicht mehr dort, wo es sein sollte: Ein Trampolin statt im Garten auf der Aarauerstrasse in Obergösgen.
Heftige Gebäudeschäden an einem alten Bauernhaus an der Hauptstrasse in Neuendorf.
Sturm Burglind: Die eindrücklichsten Bilder aus dem Kanton Solothurn
In der Werkhofstrasse in Solothurn wurde ein Baum entwurzelt.
Ein anderer Baum fiel auf Leitung der Bahnlinie bei Riedholz und blockierte die Strecke des Aare-Seeland-Mobils.
Auch in Wangen bei Olten musste die Feuerwehr einen Baum von der Strasse räumen.
Wegen herabstürzender Ziegel war der Obere Winkel in Solothurn gesperrt.
Beim Solothurner Konzertsaal stürzten Bäume auf Autos.
Bei der Dorfmetzgerei in Neuendorf stürzte eine Tanne direkt vor die Ladentür.

Das Waldstück bei Kestenholz wurde im Januar 2018 durch den Sturm «Burglind» arg in Mitleidenschaft gezogen.

Christian Merz

Kanton unterstützt 84 Projekte

Revierförster Reto Müller erinnert sich, wie er an jenem Tag seine Frau anrief: Er komme zum Mittagessen nach Hause, der Sturm sei wohl nicht so schlimm wie prophezeit wurde. Eine Viertelstunde später ein zweiter Anruf: An ein gemütliches Mittagessen ist nicht zu denken. Das volle Ausmass habe er im ersten Moment nicht erahnt, aber binnen Minuten ist klar: Hier hat sich gerade etwas ganz Grosses ereignet. Von «purem Entsetzen» berichtet der Kestenholzer Bürgergemeindepräsident Viktor Meier, über dessen Land eine Wasserwalze rollte.

Der Kanton lässt die Waldbesitzer nicht im Stich. Das Amt für Wald, Jagd und Fischerei erarbeitete im Sommer 2018 zusammen mit den Forstbetrieben die Grundlagen für Wiederherstellungsprojekte, die der Kanton unterstützen würde. Bis Ende Oktober hatten die Waldbesitzer Zeit, ihre Projekte auszuarbeiten. Es wurden 84 Projekte mit Bepflanzungen auf einer Fläche von 127 Hektaren eingereicht.

Dazu kommen 28 Projekte für die Wiederherstellung von Waldwegen auf einer Länge von 15 Kilometern. Inzwischen hat der Regierungsrat die Projekte genehmigt und dafür Kantonsbeiträge von insgesamt 2,6 Millionen Franken zugesichert. Die Gesamtkosten für die Wiederaufforstungsprojekte belaufen sich auf rund 2,7 Millionen, die für die Waldwege auf 560'000 Franken.

Die Waldbesitzer haben also eine knappe Million oder etwa 30 Prozent selber zu tragen. Für sie immer noch ein happiger Betrag, denn es ist noch längst nicht für das ganze Fallholz ein Abnehmer gefunden und die Margen sind klein. Und ja: Auch im Kanton Solothurn wurden Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Das Fallholz lasse sich einfach nicht schnell genug aus dem Wald schaffen und der Verarbeitung zuführen, um es vor dem Borkenkäferbefall und damit der Entwertung zu schützen, sagt Rolf Manser, neuer Chef des Amts für Jagd, Wald und Fischerei.

Aus der Vogelperspektive – so sieht der Wald bei Kestenholz heute aus:

Wald soll «klimafitter» werden

Krisen sind immer auch als Chance zu nutzen. Bei der Wiederaufforstung hofft man die betroffenen Waldgebiete widerstandsfähiger gegen den Klimawandel machen zu können. Nach mehreren extrem warmen und trockenen Sommern beobachtet man, dass bisher eigentlich als klimafest geltende Weisstannen absterben und Buchen bereits im Sommer Laub abwerfen. Man wisse noch nicht genau, was das für das Ökosystem Wald bedeutet, aber man müsse auf jeden Fall einem Klumpenrisiko begegnen und auf mehr Vielfalt setzen, so Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss.

Die Pflanzungen für die Wiederherstellung der Burglind-Flächen dienen dabei als Beispiel für eine angepasste Waldbewirtschaftung. Wo vor dem Sturm hauptsächlich Fichten standen, wächst nun eine breite Palette von Baumarten. Das soll das Risiko von Ausfällen bei extremen Wetterereignissen reduzieren, und generell bevorzugt man dabei natürlich Arten, die gegenüber Trockenheit und Wärme möglichst resistent sind. Das (unvollständige) Baumarten-Portfolio der Burglind-Aufforstungen: 21 Prozent Eichen, 16 Prozent Tannen, 16 Prozent Lärchen, 14 Prozent Douglasien, 7 Prozent Linden, 4 Prozent Ahorne und 3 Prozent Kastanien.