Gastkolumne

Dunkle Sternstunde

Medien. (Symbolbild)

«Der tiefe Staat will, dass wir glauben, alles sei gut.» Damit lancierte der Sitznachbar im Lokal «Sternstunden» die Diskussion. Zuvor offerierte ich, den Restbetrag für sein Bier zu übernehmen, da die Bar keine Kreditkarten akzeptiert und er zu knapp an Kleingeld war, worauf er sich zu uns setzte. Eine Sternstunde der Streitkultur wurde das nicht. Hätte ich doch nur genickt. Nein, ich wollte kämpfen.

Dabei hatte alles so harmlos begonnen mit seiner Feststellung, dass wir Schweizer die-selbe Sprache sprechen wie er als Deutscher. Als er sagte, leider verlöre die Sprache ihre Eigenheiten, dachte ich, er spreche von Dialekten und bestätigte. «Damals zur Schulzeit konnte man anhand des Wortes Schere erkennen, aus welchem Dorf das Schulgspänli kam. Mit zunehmender Mobilität gingen diese Eigenheiten verloren.» Er dachte eher an Multikulti und deren Einfluss.

Da wuchsen die Zweifel ob der sprachlichen Gemeinsamkeit. Als sich das Gespräch um den «tiefen Staat» zu drehen begann, wurde im hübschen Kieler Lokal der Keil zwischen uns deutlich. «Sie kontrollieren die Medien», versicherte er und legte sein modernes Natel auf den Tisch. «Seit ich das weiss, geht es mir gut», sagte er, «ich muss keine Zeitung mehr lesen.» Das verstand ich nicht. «Oh», half er mir, «was habe ich mich informiert früher. Das ist vorbei. Weil, das ist alles manipuliert.»

Ach, wäre das Leben nur so einfach, seufzte ich und begann zu kämpfen. Weil Theorien von dunklen Mächten hinter dem Staat, den Kapitalismus manipulierenden, kapitalistischen Kräften kommen mir quer. Zu gross die Sehnsucht nach Freiheit. Drum fragte ich, ob er auch Medien konsumiert habe, worin sich tiefgründige, gute Recherchen finden liessen. «Welche denn?» Ich nannte «Die Zeit», «Süddeutsche Zeitung», «BBC World News» oder den «Weltspiegel» vom ARD. Las er nicht, sieht er nicht, kannte er nicht und sagte: «Du willst doch einfach, dass es dir gut geht, drum konsumierst du nur die guten Nachrichten.»

Tatsächlich? Kann mich nicht erinnern, wann ich jemals nach einer Zeitungslektüre oder einer Radioreportage einen Freudentanz vollführte, was ich ihm in anderen Worten erläuterte, worauf er die Strategie wechselte: «Du bist sympathisch, wirkst intelligent», sagte er, «aber du lässt dich verarschen.» Ich wollte über guten Journalismus diskutieren, für unabhängige Medien streiten, mit neuen Argumenten nach Lösungen für eigenständiges Denken suchen, das Ende des Gesprächs jedoch war markiert, als sein Ton aggressiver wurde und er die Bekenntnisse zu wiederholen begann.

Der Zufall wollte, dass wir tags zuvor in Kassel dort übernachteten, wo der Leichenschmaus für den ermordeten CDU-Politiker Walter Lübcke stattfand. In den Augen unseres Gesprächspartners war der hinterhältige Mord nicht zwingend eine Falschmeldung der manipuliert manipulierenden Medien, nein, in diesem Fall war es die Tat des «tiefen Staates». Um zu zeigen, dass sie die Macht dazu haben und uns dennoch glauben lassen, alles sei gut. Sternstunden fühlen sich anders an.

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