Eingeschränkte Besuche
Druck der Angehörigen auf Alters- und Pflegeheime steigt – noch im Juni folgen weitere Lockerungen

Die Regeln in den Alters- und Pflegeheimen im Kanton Solothurn bleiben bis spätestens am 22. Juni restriktiv, der Druck der Angehörigen, der Bewohnerinnen und der Bewohner wächst.

Rebekka Balzarini
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Um trotz Krise miteinander zu reden und sich zu sehen haben einige Heime eine Besucherbox eingerichtet. (Archiv)

Um trotz Krise miteinander zu reden und sich zu sehen haben einige Heime eine Besucherbox eingerichtet. (Archiv)

Philipp Schmidli

Schritt für Schritt werden die Schutzmassnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus zu stoppen, gelockert. Vergleichsweise strenge Massnahmen gibt es noch dort, wo besonders viele gefährdete Personen leben: in den Alters- und Pflegeheimen. Besuche sind zwar möglich, aber eingeschränkt, und nach wie vor dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner das Gelände der jeweiligen Einrichtung nicht verlassen.

Das bereitet einerseits vielen Angehörigen, aber auch vielen Bewohnerinnen und Bewohner der verschiedenen Einrichtungen Sorgen. «Seit einigen Wochen fühlt sich mein Vater wie im Knast», beschreibt etwa eine Leserin dieser Zeitung ihre aktuelle Situation. «Am Anfang waren die Massnahmen für ihn in Ordnung, aber jetzt fühlt er sich immer unwohler. Am Telefon weint er häufig», erzählt sie.

Der Druck auf die Alters- und Pflegeheime steigt

Die Alters- und Pflegeheime im Kanton spüren aktuell eine wachsende Ungeduld, bestätigt Tony Broghammer, der Präsident der Gemeinschaft Solothurnischer Alters- und Pflegeheime GSA. «Die Ungeduld und das Unverständnis nehmen zu. Das Besuchsverbot dauert ja nun schon recht lange und die Trennung von Eltern und Ehepartner fällt zunehmend schwerer», schreibt er.

«Ich habe dafür auch grosses Verständnis. Das Risiko von Ansteckungen in Alters- und Pflegeheimen muss aber aufgrund der doch sehr verletzlichen und damit gefährdeten Personen einerseits und der sehr aufwendigen Arbeit zur Verhinderung einer Ausbreitung innerhalb der Anlagen andererseits zwingend klein gehalten werden. Das geht leider aber nicht ohne restriktive Handhaben der Besuchsmöglichkeiten», so Broghammer.

Die Anordnungen und Empfehlungen an die Pflegeheime des Kantons Solothurn hat der Kantonsarzt Lukas Fenner, zusammen mit der Aufsichtsbehörde, dem Amt für soziale Sicherheit (ASO), verfasst. Ihm sei bewusst, welche Herausforderungen und Einschränkungen die Massnahmen für das Personal und die Bewohnerinnen und Bewohner mit sich bringen.

Sie dienen aber gerade ihrem Schutz

, schreibt Fenner.

«Es ist ein Abwägen zwischen dem Sicherheitsbedürfnis der Bewohnenden bezüglich Risiko eines Ausbruches und dem geistigen und emotionalen Wohlbefinden der Bewohnenden. Wir haben stets einen pragmatischen Weg bei den Lockerungsschritten verfolgt, was beispielsweise auch ein begleitetes Spazieren beinhalten konnte, wenn das Heimareal kein Platz dafür bot.»

Noch im Juni wird es zu weiteren Lockerungsmassnahmen kommen. Spätestens am 22. Juni soll ein nächster Öffnungsschritt gemacht werden, der den Bewohnerinnen und Bewohnern einen Ausgang unter kontrollierten Bedingungen ermöglicht. Dies hat der Kanton laut Fenner bereits letzte Woche mit dem Branchenverband der Alters- und Pflegeheime (GSA) sowie der kantonalen Fachkommission Alter besprochen.

Die Pflegeheime im Dilemma

Die Einrichtungen im Kanton haben bei der Umsetzung der Regeln einen gewissen Spielraum erhalten, um die Schutzmassnahmen jeweils möglichst auf die eigenen räumlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen angepasst umzusetzen. Wie schwierig das ist, zeigt ein Gespräch mit Brigitte Baschung, der Heimleiterin des Pflegeheims Bellevue in Oberdorf.

Das Bellevue hat eine Terrasse und einen Vorplatz, in dem sich die 30 Bewohnerinnen und Bewohner bewegen können. Laut der Heimleiterin Brigitte Baschung hat das die letzten Wochen erleichtert.

Der Vorplatz und die Terrasse des Bellevue waren für die Bewohnenden stets offen.

Der Vorplatz und die Terrasse des Bellevue waren für die Bewohnenden stets offen.

Hanspeter Bärtschi

Aber auch hier habe man sich schwierige Fragen stellen müssen: Etwa, ob die Bewohnerinnen und Bewohner wie sonst am Waldrand neben dem Heim spazieren dürfen. «Wir müssen den Schutz der Gemeinschaft gegenüber dem Freiheitsrecht der Einzelnen abwiegen. Da stecken wir in einem Dilemma», erzählt Baschung. «Wir versuchen, den individuellen Ansprüchen der Einzelnen gerecht zu werden. Aber wollen auch fair gegenüber allen anderen sein», betont sie.

Als Heimleiterin habe sie den Eindruck, dass die Bewohnerinnen und Bewohner die letzten Wochen gut überstanden hätten. «Bei uns hat sich eine sorgende Gemeinschaft gebildet. Die Bewohnerinnen und Bewohner zirkulieren auf dem Gelände und pflegen die Kontakte untereinander», so Baschung.

In den letzten Wochen sei der Druck aber gestiegen, sowohl von innen als auch von aussen. «Vor allem die noch sehr selbstständigen Bewohnerinnen und Bewohner vermissen unsere Ausflüge», so Baschung. «Langsam nimmt das Leben seinen gewohnten Gang, aber sie sind noch davon ausgeschlossen. Das bereitet ihnen Mühe.»

Auch von Seiten der Angehörigen steige der Druck. «Unsere Besuchszeiten werden zum Beispiel mit den Besuchszeiten der anderen Heime verglichen», erzählt sie. Die Besuche finden im Bellevue momentan in einem Container statt, der extra dafür aufgestellt wurde.

Der Container hat zwei Türen, damit sich die Wege der Bewohnenden und ihren Besucherinnen und Besuchern möglichst wenig kreuzen, sie aber doch für ein paar Minuten zusammensitzen können.