Suchflüge in der Mähsaison
Drohne rettet Bambi: Bucheggberger Pilotprojekt wird ausgeweitet

33 Rehkitze wurden vergangenes Jahr dank technischer Hilfsmittel vor dem Tod durch Mähdrescher bewahrt. Was als Pilotprojekt im Bucheggberg begann, soll nun auch in anderen Regionen im Kanton Solothurn angewendet werden.

Noëlle Karpf
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Drohnen-Suchflug zut Rettung von Rehkitzen in Nennigkofen
15 Bilder
Die Drohne ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet. Deren Aufnahmen werden sowohl auf dem Display auf dem Stativ (Mitte-links) als auch auf dem Display, das Peter Wyss um den Hals trägt, angezeigt.
Wyss sucht nach farbigen Flecken im Feld.
Gespanntes Warten, während die Drohne durch die Lüfte surrt.
Der Suchflug beginnt um 6.30. Jetzt ist es noch kühl - so würden die warmen Körper von Rehkitzen auf der Wärmebildkamera klar angezeigt.
Ein rechter Fleck im rechten unteren Bildrand - aber kein Rehkitz, sondern eine Flasche mit warmem Wasser, die als Beispiel dient.
Zur Veranschaulichung machen sich die Freiwilligen trotzdem auf zur Bergung der Wasserflasche.
Wo genau liegt die Flasche? Per Funk werden die Freiwilligen gelotst, da die Flasche von blossem Auge im hohen Feld - und 40 Meter unter der fliegenden Drohne - kaum gefunden werden kann.
In diese Kiste kommt die Flasche - bei einer Rehkitzrettungsaktion käme hier ein junges Reh hinein.
Zur Bergung werden Grasbüschel verwendet.
Der Mensch dürfte ein Reh nicht berühren. Die jungen Tiere sind in den ersten Tagen nämlich geruchlos - der übertragene Menschenduft würde sie zu einem leichten Ziel für Räuber wie etwa Füchse machen.
Zurück zum Startpunkt. Ein geborgenes Reh würde nun an den Waldrand gebracht, wo es von seiner Mutter später gefunden werden würde.
Noch wird weiter nach Rehkitzen gesucht.
Der Suchflug dauerte weniger als eine halbe Stunde lang - Rehkitze lagen keine im Gras.
Bruno Meyer von der Repla Espace Solothurn erörtert den Anwesenden das System zur Rettung von Rehkitzen. Die Suchflüge sind für Landwirte, die mähen wollen, gratis.

Drohnen-Suchflug zut Rettung von Rehkitzen in Nennigkofen

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Jäger Peter Wyss steht in Gummistiefel auf einem Feld in Nennigkofen. Sein Blick ist gen Himmel gerichtet. Rund 40 Meter über dem Boden fliegt seine Drohne. Wyss Augen wandern wieder nach unten auf das Display, das er sich um den Hals gehängt hat. Er steuert die Drohne, und beobachtet gleichzeitig die Übertragung von deren Wärmebildkamera. Diese sucht an diesem frühen Morgen die Parzelle nach roten Pünktchen ab.

Früh muss es sein – und kühl, damit allfällige warme Flecken auf der Kamera deutlich sichtbar wären. In diesem konkreten Fall Rehkitze, die im hohen Gras liegen. Die Drohne soll sie finden, bevor der Mähdrescher kommt und die Tiere einen qualvollen Tod erleiden. Zudem würden Teile der Kadaver das Futter für die Tiere des Landwirten, dem das Feld gehört, vergiften.

Bisher sind zwar einige farbige Pünktchen auf dem Display zu sehen. Es handelt sich dabei aber nicht um junge Rehe im Gras, sondern um die Zuschauer am Feldrand. An diesem Morgen wird nämlich das Rehkitzprojekt vorgestellt. 2016 startete es als Pilotprojekt von Bucheggberger Jägern und Solothurner Bauernverband.

Die Finanzierung sei damals nicht auf Dauer abgesichert gewesen, wie Bruno Meyer erklärt. Meyer ist Präsident der Kommission für Landschaftsqualität und Vernetzung bei der Repla Espace Solothurn. Die Repla hat das Projekt nun in die Hand genommen; ein einheitliches Such-System hat sich eingespielt, die Finanzierung ist geregelt. Jetzt soll das Projekt ausgeweitet werden.

Organisation via Smartphone

Ein Sucheinsatz läuft folgendermassen ab: Der Landwirt, der am nächsten Tag mähen will, kontaktiert den Jagrevierleiter. Im Bucheggberg geschieht das mittlerweile via App. Der Revierleiter wiederum bietet einen Drohnenpiloten auf. Es handelt sich dabei um Freiwillige, die privat bereits über das teure Equipment verfügen.

Gestartet hat man 2016 mit einem Piloten, mittlerweile sind es acht. Zu Beginn des Pilotprojekts fand man in einer Saison eine Handvoll Rehkitze, letztes Jahr waren es 33. Dieses Jahr werden die Suchflüge auch auf das Gebiet Wasseramt und den unteren Leberberg ausgeweitet. Und dann auf den ganzen Kanton? Die Repla Espace Solothurn ist für die Region Solothurn zuständig. Das System aus dem Bucheggberg könnten nun aber andere Repla-Gruppen im Kanton übernehmen, so die Vorstellung der Verantwortlichen.

Auch, weil die Repla Solothurn mittlerweile ein Finanzierungsmodell gefunden hat. Für die Landwirte sind die Sucheinsätze gratis. Finanziert wird das Projekt durch das Amt für Landwirtschaft; die Drohnenpiloten erhalten pro Stunde eine Entschädigung von 30 Franken.

Eine an einer Drohne befestigte Wärmebildkamera nimmt ein Reh im Feld auf.
8 Bilder
Hier sind gleich mehrere zu sehen
Bei diesem Foto ist der Kopf deutlich zu sehen.
Kleine Flecken im Feld
Ein stehendes Reh

Eine an einer Drohne befestigte Wärmebildkamera nimmt ein Reh im Feld auf.

zvg

«Ein faszinierendes Erlebnis»

An diesem Tag ist der Suchflug nach weniger als einer halben Stunde beendet. Ein farbiger Punkt ist auf dem Display von Drohnenpilot Wyss zwar aufgetaucht. Es war jedoch kein Rehkitz – sondern eine Glasflasche mit warmem Wasser, die vor dem Anlass im Feld platziert wurde. Diese sei ungefähr gleich gross wie ein neugeborenes Reh, das nach der Geburt auch nur 1.5 Kilo wiegt. Auch wird die Flasche so geborgen, wie man das auch bei einem Rehkitz tun würde: Sorgfältig, mit Tüchern und Grasbüscheln, würde das Tier in eine Kiste gelegt und an den Waldrand gebracht. Dort findet es dann das Muttertier.

Zuvor darf es vom Menschen nicht berührt werden. Denn: Ein Rehkitz hat in den ersten Tagen seines Lebens nicht nur keinen Fluchtinstinkt und bleibt deshalb liegen, auch wenn Mähdrescher oder Feinde kommen. Es ist auch geruchlos und so geschützt vor Räubern wie dem Fuchs. Würde der Mensch seinen Geruch auf das Tier übertragen, wäre es im Wald – trotz vorheriger Rettung aus dem Feld – nicht sicher.

100 prozentige Sicherheit gebe es auch mit der Drohnen-Suche nicht, so Meyer. Aber: Wer einen Suchflug durchführen lasse wisse, er habe alles Mögliche getan. «Der Landwirt kann mit ruhigem Gewissen mähen», sagt auch Jäger Wyss, nach dem Suchflug. Und aus Sicht der Drohnenpiloten – die mit den Einsätzen nicht reich werden, weiss er: «Wer einmal bei der Rettung eines Rehkitzes dabei sein konnte, dem bleibt dieses faszinierende Erlebnis in Erinnerung.»