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Drogensüchtiger im Altersheim: «Die Szene war gnadenlos»

Der 59-jährige Claudio hat eine klassische Drogenkarriere hinter sich. Nun lebt er im Haus «Harmonie» in Langenbruck.

Der 59-jährige Claudio hat eine klassische Drogenkarriere hinter sich. Nun lebt er im Haus «Harmonie» in Langenbruck.

Claudio Patocchi hing fast sein gesamtes bisheriges Erwachsenenleben lang an der Nadel. Der frühere Banker lebt heute in der «Harmonie», einem Altersheim für langjährige Schwerstabhängige in Langenbruck BL.

Es ist Punkt 12 Uhr, nach einem lauten Ruf aus der Küche Richtung Treppenhaus geht plötzlich alles sehr schnell. Aus allen Himmelsrichtungen eilen sie herbei. Einige treten aus einem Nebenraum des Esszimmers, umnebelt von einer Wolke abgestandenen Zigarettenrauchs.

Die Gesichter und Körper der Bewohnerinnen und Bewohner sind gezeichnet: Alle, die in der «Harmonie» in Langenbruck leben, haben jahrzehntelang harte Drogen konsumiert – sie waren, wie sie sich selber nennen, «Gassenjunkies». Im Haus ist der Drogenkonsum verboten.

Es gibt Suppe, Salat und Gemüsepizza. Das Schöpfen gelingt nicht allen gleich gut. Da fällt jemandem die Hälfte vom Löffel, dort schwappt die Suppe bedrohlich über den Tellerrand. Die Leute setzen sich an Sechsertische, essen gierig, murmeln oder sind in sich versunken, warten.

Um 12.30 Uhr, als hätten sie die Sekunden bis dahin mitgezählt, erheben sich alle gleichzeitig und verschwinden auf dem gleichen Weg, wie sie aufgetaucht sind. Würde die Regel dieser gemeinsam einzuhaltenden halben Stunde nicht gelten, würden sich alle unmittelbar mit dem letzten Bissen verziehen, sagt Jürg Lützelschwab, Gründer und Leiter der «Harmonie» in Langenbruck in Baselland an der Grenze zu Solothurn.

Aus soliden Verhältnissen

Auch Claudio hat sich erhoben. Aber er bleibt im Raum und beginnt abzuräumen. Der Küchendienst ist seine Pflicht in der «Harmonie». Er habe sich bewusst für dieses Ämtli gemeldet. Jede und jeder hier müsse sich in Haus und Garten während der Morgenstunden irgendwie nützlich machen. Am Nachmittag arbeite er zudem jeweils ein paar Stunden bei Flexor, im ortsansässigen Werkhaus für Kunststoffrecycling mit geschützten Arbeitsplätzen. Das gebe ein bisschen Zustupf zur IV. Seit er hier wohne, immerhin schon sechs Jahre, fühle er sich endlich zu Hause.

Das sei ihm seit Kindertagen nirgends passiert. Aber nicht, dass er jetzt die Leier von der verpfuschten Kindheit auftischen werde. «Nichts dergleichen!» Claudio war als Kind mit den Eltern aus dem Tessin in die Nähe von Bern gezogen. «Wegen Vaters Job bei den SBB», schildert der 59-Jährige. «Wir drei Kinder sollten eine gute Ausbildung erhalten, möglichst ein Studium absolvieren.»

Während die beiden Brüder dem Wunsch der Eltern mühelos folgten, tat sich Claudio schwer damit, in die Schule zu gehen. Bereits im Alter von 13 Jahren begann er zu kiffen und konsumierte Alkohol. Er hätte lieber eine Lehre gemacht, wäre gerne Gärtner geworden. Doch die Eltern steckten den Sohn in eine privat geführte Handelsschule, die er letztlich erfolgreich abschloss und beim damaligen Bankverein sofort einsteigen konnte.

Faszination Drogen

«Die Faszination der Drogen war aber immer gegenwärtig», fährt Claudio fort. Nach der Rekrutenschule lebte er bei seiner Freundin. «Sie war alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Sohnes und konsumierte harte Drogen. Drei Monate, nachdem ich bei ihr eingezogen war, starb sie an einer Überdosis.»

Sie hätten auch gemeinsam Heroin genommen und sich im Milieu aufgehalten. «Zuerst in Bern, dann auf dem Platzspitz und am Letten in Zürich. Man kannte sich. Das Zeug beschaffen war immer das kleinste Problem. Von Gassenzimmern und Heroinprogrammen redete damals noch kein Mensch. Die Szene war gnadenlos. Man verelendete jämmerlich.»

Klassische Drogenlaufbahn

Mit 23 kündigte Claudio seinen Job bei der Bank. Irgendwann begleitete ihn sein älterer Bruder, ausgebildeter Psychotherapeut, zur Drogenberatungsstelle. «Ich wollte ja immer wieder davon loskommen.» Zeitweise sei er auch clean gewesen. Fast zwei Jahre lebte er in einer therapeutischen Wohngruppe. «Ich landete aber nach jedem Entzug wieder im Dreck. Die Sucht war stärker.»

Claudio dealte, wurde verhaftet wegen Drogenkriminalität, bekam ein halbes Jahr aufgebrummt. Die Gefängnisstrafe wurde in eine therapeutische Massnahme umgewandelt. «Dort hörten wir das erste Mal von HIV und Aids. Wer wollte, konnte sich testen lassen. Ich bin positiv. Viele meiner damaligen Weggefährten waren es ebenfalls und sind inzwischen an Aids oder an einer Überdosis gestorben.» Für ihn war die Diagnose damals auch wie ein Todesurteil. «Ich überlegte, ob es überhaupt noch Sinn machte, eine Therapie fortzusetzen.»

Einer Arbeit nachgehen konnte Claudio schon längst nicht mehr. Er schaffte es zwar irgendwann, den Drogenkonsum zu stoppen, verfiel danach aber dem Alkohol. «Meine damalige Freundin, mit der ich zusammenlebte, stellte mir das Ultimatum: ‹Entweder hörst du auf oder du verschwindest›.

Ich hörte nicht auf und stand eines Tages wieder auf der Strasse.» Erneut griff der Bruder ein. In der psychiatrischen Klinik hörte Claudio vom Haus «Harmonie». Er ging vorbei, liess sich das Konzept erklären und bekam einen Platz. Er betrachte es in der Tat als einen Akt der Barmherzigkeit, dass man ihn hier genommen habe.

Problem der Zukunft

Den Begriff Barmherzigkeit würde er eher nicht verwenden, sagt Lützelschwab, früher Pöstler, später Sozialpädagoge und bis heute auch Musiker. Er hat vierzig Jahre Erfahrung in therapeutischen Institutionen und kennt die Anziehungskraft von Drogen persönlich. Als er vor zehn Jahren das leerstehende ehemalige Kinderheim in Langenbruck sah, stand sein Plan fest. «Ich wollte einen Platz schaffen für Menschen, deren Probleme mir vertraut sind. Einen Ort, wo sie mehr sind als nur Sozialarbeiterfutter; wo sie sich zu Hause fühlen und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten einbringen und Mitverantwortung tragen können.»

Obwohl die Institution heute von Behörden und Ämtern akzeptiert und unterstützt werde, befinde er sich in einer «Grauzone – mit Leuten, die sonst niemand nimmt.» Dass es künftig noch mehr Häuser wie die als Verein organisierte «Harmonie» geben müsse, stehe für ihn ausser Zweifel. «Die Generation, die in den 1970er-Jahren mit dem harten Drogenkonsum begann, kommt ins Rentenalter.»

Es ist Zeit für die Medikamentenabgabe. Jürg Lützelschwab und sein Team – fünf Vollzeitstellen – hat professionelle Begleitung, Beratung und Unterstützung von Fachpersonen der Medizin und der Psychiatrie. Claudio nimmt seine Ration, schluckt sie und schlürft sein Methadon, schlurft dann zurück in sein Zimmer. «Ich möchte von hier nicht mehr weg», sagt er und streicht liebevoll über die Stängel seiner Sukkulente.

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