Stundenlang dauerte der Streit am 3. April 2009. Trotzdem wollte der damalige Freund von Yasmin R.* ihre Wohnung nicht verlassen. Sie hat die Polizei verständigt, diese soll aber nicht reagiert haben. Panisch rief sie ihre Mutter an. Yasmin R* wartete aber nicht auf deren Ankunft. Sie holte sich in der Küche ein Fleischmesser mit einer 12,5 Zentimeter langen Klinge und rammte dieses dem ahnungslosen Mann von hinten in den Rücken. Obwohl das Opfer Blut hustete, konnte es, durch die sofort gerufene Ambulanz, gerettet werden.

Letztes Jahr Anfang Juni musste sich Yasmin R. darum wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und weiterer Delikte (Betrug, Hausfriedensbruch, Drohung, Beschimpfung) vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt verantworten. Der psychiatrische Gutachter Lutz-Peter Hiersemenzel diagnostizierte damals bei Yasmin R. eine schwere dissoziale Persönlichkeitsstörung.

Das Amtsgericht verfügte darum eine psychiatrische Therapie in einer geschlossenen Anstalt. Der Vollzug der Gefängnisstrafe von fünfeinhalb Jahren wurde zugunsten der Massnahme aufgeschoben. Yasmin R. akzeptierte die Strafe nicht, und so musste am Freitag das Obergericht den Fall beurteilen.

Angeklagte zeigt Reue

Die Drogenvergangenheit sieht man Yasmin R. an. Die 43-Jährige, die sich in der Drogenszene mit einer verschmutzten Spritze das HI-Virus zugezogen hatte, ist schmächtig. Ihr Gesicht ist eingefallen und ihre Hände sind knochig. Für die Anhörung hatte sie sich aber herausgeputzt. Mit Gilet, Hemd und Hose, die Haare zu einem Rossschwanz gebunden und Schuhen mit hohen Absätzen, sass sie vor den Richtern. «Warum haben Sie auf ihren ehemaligen Freund eingestochen», wollte Obergerichtspräsident Hans-Peter Marti von Yasmin R. wissen. «Erstens war er in die Wohnung eingebrochen.

Zweitens wollte er nicht gehen, als ich ihn dazu aufgefordert hatte, und drittens», ihre Stimme brach: «Ich wollte ihn nicht verletzen, er ging aber auf mich los.» Sie sei von der Angst geleitet gewesen, nicht von der Wut. «Es ist nicht lustig, es ist tragisch», zeigte die Angeklagte Reue. Immer wieder beteuerte sie, dass sie eine Suchtbehandlung brauche und auch dazu bereit wäre. Eine geschlossene Anstalt, wie erstinstanzlich verordnet, würde ihr aber nichts nützen. «Ich brauche Begleitung, wenn ich draussen bin, wie soll ich sonst durchhalten?»

«Keine normale Person macht das»

Am Nachmittag hielten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers. «Selbst falls es sich bei der Messer-Attacke um einen Affekt gehalten haben sollte, entspricht diese Tat nicht dem, was eine normale Person in einer solchen Situation getan hätte. Mit dieser Attacke nahm sie den Tod des Opfers in Kauf», sagte Staatsanwalt Martin Schneider. Im Vordergrund stehe die schwere Persönlichkeitsstörung, die behandelt werden müsse, die aber schwer zu behandeln sei. «Zusammenfassend sind die vorinstanzlichen Urteile zu bestätigen.»

Akribisch beschrieb die Verteidigerin die Messer-Attacke noch einmal und wollte so den Oberrichtern vor Augen führen, dass die Streiterei kein Bagatell-Fall war. «Meine Mandantin hat sich in einer auswegslosen Situation wiedergefunden und faktisch angemessen reagiert.» Das sei ein Fall von Notwehr und müsse zu einem Freispruch führen. Falls aber ein Schuldspruch erfolgt, sei die Tat als versuchter Totschlag einzustufen. Dass Yasmin R. eine stationäre Suchtbehandlung braucht, da waren sich im Saal alle einig.

Die Verteidigung sah aber im Gegensatz zu der Staatsanwaltschaft keinen Grund für eine geschlossene Anstalt. «Seit knapp zwei Jahren wurde sie nicht mehr straffällig, darum braucht sie kein Gefängnis.» Nächsten Donnerstag wird das Urteil des Obergerichts mündlich bekannt gegeben. Die Angeklagte wird bis zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft bleiben.

*Namen von der Redaktion geändert