Vor dreieinhalb Jahren führte die Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft Solothurn eine spektakuläre Razzia im Zentrum der esoterischen Kirschblüten-Gemeinschaft in Lüsslingen durch. Das Verfahren ist immer noch hängig. Die Untersuchungsbehörden verdächtigten den von den Medien als Sex-Guru bezeichneten Psychiater Samuel Widmer und einzelne seiner Mitarbeiter, bei den Kursen und Therapien in Grossgruppen Drogen abgegeben zu haben.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete gegen den im Januar 2017 verstorbenen Widmer sowie gegen einen seiner Söhne und zwei weitere Personen ein Verfahren. Bei diesen beiden handelt es sich dem Vernehmen nach um die beiden Frauen von Widmer, die seit seinem Tod die Gemeinschaft führen. Für alle Angeschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Widmers Sohn wird verdächtigt, als Drogenkurier eingesetzt worden zu sein. Bei den beiden Frauen des Psychiaters besteht der Verdacht, dass sie bei den Drogentherapien, im Fachjargon Psycholyse genannt, verbotene Substanzen wie LSD, Ecstasy und Meskalin abgegeben haben. Später gab es eine zweite Razzia.

«Vor baldigem Abschluss»

Wieso das Verfahren schon mehrere Jahre dauert und sich weiter in die Länge zieht, will die Staatsanwaltschaft nicht im Detail bekannt geben. Auf Anfrage teilte sie mit, sie rechne mit einem baldigen Verfahrensabschluss. Die Verzögerung erklärt die Medienstelle so: «Die Dauer von Strafverfahren hängt jeweils von verschiedenen Faktoren ab. In diesem Zusammenhang haben Umstände rund um Zeugenbefragungen, Aussageverhalten und Beweislage zu einer längeren Verfahrensdauer geführt. Zudem ist es jeweils auch so, dass gewisse Fälle, beispielsweise Haftfälle und Tötungsdelikte, prioritärer behandelt werden müssen.»

Anfänglich war es zu einer Verzögerung gekommen, weil die Polizei bei der Razzia im März 2015 Unterlagen beschlagnahmt hatte. Widmer hatte sich auf dem Rechtsweg dagegen gewehrt und geltend gemacht, die Unterlagen hätten Patientendaten enthalten, die dem Arztgeheimnis unterliegen würden. Der Psychiater blitzte aber beim Obergericht als auch beim Bundesgericht ab. Doch seither sind weitere zwei Jahre vergangen.

Drogen als «Seelenöffner»

Samuel Widmer hatte rund 25 Jahre lang Drogentherapien in Grossgruppen durchgeführt. Er behauptete, legale Substanzen wie Ephedrin und Ketamin verwendet zu haben. Bei einer verdeckten Recherche wies der deutsche Fernsehsender ARD aber nach, dass den Klienten durch eine der beiden Frauen Widmers die verbotenen Substanzen Ecstasy und Mescalin abgegeben wurden.

Aussteiger berichteten ausserdem, jahrelang illegale Drogen verabreicht bekommen zu haben. Im Lauf der Jahre hätten Hunderte Kirschblütler aus Deutschland und der Schweiz an den Drogensitzungen teilgenommen. Unter ihnen viele Akademiker, Lehrer und Künstler.
Widmer sah nicht nur in den psychedelischen Substanzen einen «Seelenöffner», er vermittelte seinen Anhängern auch eine esoterische Heilslehre. Sein «Erlösungsrezept», das aus Tantra, Spiritualität und Drogen bestand, zog viele Anhänger an. Bei den Gruppensitzungen kam es laut Aussteigern oft zu Sexualkontakten. Rund 200 Widmer-Anhänger wohnen nun in Lüsslingen und Umgebung.

Psychiater Widmer hatte nach der zweiten Razzia Staatsanwalt Claudio Ravicini, der den Fall später abgegeben hat, frontal angegriffen und auf seiner Homepage blossgestellt: «‹Das muss ich mir nicht anhören!›, haben Sie ausgerufen, bevor Sie aufgebracht den Raum verlassen haben.» Ravicini habe ihm sogar gedroht, ihn einzusperren. Schliesslich prangerte Widmer auch die jahrelangen Diffamierungen in den Medien an und sprach vom «organisierten Pogrom».

Widmers Schreiben gipfelte in der Aussage: «Wenn nötig, nehme ich es in Kauf, auch zum Märtyrer unserer Sache avancieren zu müssen. (...) Eine bessere Welt will ich durchsetzen. Dafür gebe ich alles. Dafür habe ich mein Leben gegeben. Dafür bin ich auch bereit zu sterben.»

Und er verglich das Unrecht der Staatsgewalt mit den Verbrechen des Nationalsozialismus.