Interview
Dramatische Zahlen im Kanton: «Bevölkerung muss verstehen, dass es so nicht weitergeht»

Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner sprechen im Interview über die aktuelle Situation und das richtige Verhalten in der Adventszeit.

Rebekka Balzarini
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Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner. Das Bild entstand im Sommer, als die Fallzahlen noch tiefer waren.

Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner. Das Bild entstand im Sommer, als die Fallzahlen noch tiefer waren.

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

In Abstimmung mit den umliegenden Kantonen gelten ab Freitag strengere Massnahmen im Kanton. Was muss danach passieren?

Lukas Fenner: Innerhalb der folgenden zwei Wochen müssen die Fallzahlen deutlich sinken. Passiert das nicht, dann braucht es noch weitere, strengere Massnahmen, und zwar noch vor Weihnachten. Das ist meine epidemiologische Sicht.

Susanne Schaffner: Wir wollten im Kanton scharfe Massnahmen. Die gemeinsame Lösung mit den umliegenden Kantonen ist weniger restriktiv, als wir uns das gewünscht hatten. Wenn die Fallzahlen bis vor Weihnachten nicht runtergehen, dann werden wir schärfere Massnahmen ergreifen, ohne auf die umliegenden Kantone zu warten.

Der Kanton Solothurn hat strengere Massnahmen getroffen als der Bund, und hat gewisse Massnahmen wie die Maskenpflicht in den Läden früh eingeführt. Trotzdem haben wir so hohe Fallzahlen. Wie kann man das erklären?

Fenner: Es ist wichtig zu verstehen, dass die Dynamik des epidemiologischen Verlaufs unregelmässig und häufig zufällig ist. Im Gegensatz zu der ersten Welle gab es in den letzten Wochen auch mehr Druck aus der Westschweiz, die hohe Fallzahlen verzeichnete. Grundsätzlich bin ich aber klar überzeugt, dass sich es sich langfristig auszahlt, wenn im Kanton strenge Massnahmen getroffen werden.

Wie ernst ist die Lage bei uns aktuell?

Fenner: Sehr ernst. Die Fallzahlen stagnieren auf einem hohen Niveau und steigen nun wieder an. Auch die Positivitätsrate steigt, was ebenfalls sehr beunruhigend ist. Das bedeutet, dass sich die Menschen zu wenig testen lassen und die Übertragung aufgrund der hohen Dunkelziffer im Verborgenen passiert. Das gibt einen enormen Druck auf das Gesundheitssystem und kritische Institutionen wie Alters- und Pflegeheime.

Schaffner: Die Ärzteschaft und das Pflegepersonal in den Spitälern leisten einen enormen Einsatz – und das schon seit Wochen. Auf lange Sicht brauchen sie eine Entlastung, um durchzuhalten. Die Spitäler stossen an ihre Kapazitätsgrenzen, dessen ist sich die Bevölkerung vielleicht zu wenig bewusst. Wenn die Gesundheitsversorgung an ihre Kapazitätsgrenzen stösst, dann trifft das alle – nicht nur Covid-Patienten. Die Versorgung von Notfallpatientinnen, dringende Eingriffe sowie die Versorgung von Covid-19-Patienten steht im Vordergrund. Elektive Eingriffe können nur noch stattfinden, wenn die Spitäler dafür Zeit finden.

Muss bald Personal aus den Privatkliniken bei der Behandlung von Covid-Patienten aushelfen?

Fenner: So weit ist es noch nicht. Die Eskalationsstufe 2 der Intensivpflege-Kapazitäten wäre eine dramatische Eskalation. Das würde bedeuten, dass das Personal in den Spitälern 40 bis 50 Intensivplätze betreuen müsste, was die medizinische Grundversorgung an den Spitälern massiv einschränken würde. Denkbar ist, dass die Privatkliniken anderweitig bei der Behandlung von Covid-Patienten eingespannt werden können.

Waren wir zu unvorsichtig in den vergangenen Wochen?

Fenner: Tatsache ist, dass die Zahlen stagnieren und steigen, trotz der getroffenen Massnahmen. Dass Massnahmen aber nicht unnütz sind, zeigen die Westschweizer Kantone. Dort wurden über Wochen strenge Massnahmen umgesetzt, und die Lage in diesen Kantonen ist aktuell wesentlich besser als die Situation in der Deutschschweiz.

Was ist in der Vorweihnachtszeit wichtig?

Fenner: Wichtig ist es zu verstehen, dass jetzt trotz der Adventszeit Sozialkontakte auf ein Minimum reduziert werden müssen. Es ist mir ein Anliegen, dass die Bevölkerung versteht, dass wir so nicht weitermachen können. Diese Zeit ist für alle nicht lustig, aber wir müssen versuchen, das Beste daraus zu machen.

Schaffner: Jeder und jede muss sich an die Schutzmassnahmen halten. Auch über die Festtage, obwohl das schwerfällt. Wir müssen alle verzichten, damit die Gesundheitsversorgung gewährleistet bleibt.

Ein Hoffnungsschimmer ist die Impfung. Wie weit ist der Kanton mit den Vorbereitungen, damit bald geimpft werden kann?

Fenner: Wie alle Kantone befinden wir uns mitten in der Vorbereitungsphase. Wir können auf eine grosse Erfahrung zurückgreifen, da wir im Jahr 2016 in Grenchen und im Jahr 2018 in Olten eine Pandemie-Impfstellenübung durchgeführt haben. Das hilft uns heute sehr bei der Organisation.

Laut Umfragen steht fast jeder und jede Zweite der Impfung kritisch gegenüber. Wie gehen Sie damit um?

Fenner: Die Impfaufklärung spielt für mich eine wichtige Rolle. Unser Ziel ist es, dass die Bevölkerung eine informierte Entscheidung treffen kann. Ergänzend zum Bundesamt für Gesundheit planen wir deshalb eine Kampagne. Wir wollen möglichst versuchen, gegen Falsch- und Fehlinformationen vorzugehen, etwa mit Expertenchats.